Das Abradizil

von Andrew Gibson

1. Kapitel

Dies alles geschah vor sehr langer Zeit, in einer sehr merkwürdigen Stadt, in einem sehr weit entfernten Land. Die Stadt lag an den Ufern eines Flusses. Wenn die Morgensonne schien, strahlte sie auf Hunderte von Türmen und Giebeln und Kuppeln herab und brachte sie alle mit ihrem Licht zum Funkeln.

Aber die Gebäude darunter blieben düster. Die Straßen waren eng und armselig. Die Häuser standen in unmöglichen Winkeln und unordentlichen Reihen zusammengezwängt. Von ihren bröckelnden Wänden blätterte der Putz und ihre Dächer waren eingesunken. Sie enthielten zu viele kleine Zimmer, die sie ausbuchteten und manchmal hervorstanden wie Beulen.

Es war eine merkwürdige Stadt, ganz recht, eine verwinkelte, seltsame, ziemlich finstere Stadt; und einige verdrehte, seltsame, ziemlich unheimliche Wesen wohnten dort: Magier, Zauberer, Kobolde und Zwerge.

Außerdem wurde die Stadt von einem noch finstereren Mann regiert, dessen Name Horg war. Du würdest nicht gerne in dieser Stadt gelebt haben, aber Franz lebte dort.

Franz war ein kleiner Junge. Er hatte weder Mutter noch Vater, sie waren gestorben, als er noch ein Baby war. Er ging auch nicht zur Schule, denn es gab überhaupt keine Schulen. Franz war ein Ticket-Boy.

In der Stadt wohnten viele Handwerker: Schuster, Uhrmacher, Töpfer und Tischler, Schreiber und Goldschmiede. Die Leute kamen zu ihnen, um etwas zu bestellen oder repariert zu bekommen; und wenn sie es fertig hatten, schrieben sie Tickets aus und Jungen brachten die Tickets zu den Kunden. Einer dieser Jungen war Franz. Auf diese Weise verdiente er genug Geld, um Brot, Käse und Milch zu bezahlen und für ein neues Paar Schuhe jedes Jahr und Six Pence die Woche für seine Hütte. Er nannte es seine Hütte, aber es war nicht wirklich eine. Es war so eine Art Hundehütte. Sie stand auf dem Hof hinter dem Haus des Glasmachers. Der Glasmacher hieß Hubert und war Franz’ Freund.

Eines morgens wachte Franz auf, weil Hubert gegen seine Füße trat. Die Hütte war sehr klein, und Franz’ Füße ragten heraus, wenn er schlief.

»Schnell!«, schrie Hubert.

»Schnell - was?«, gähnte Franz.

»Arbeit!«, brüllte Hubert. »Ein Auftrag! Steh’ schnell auf, und ich erzähl’s dir!«

Franz stolperte zur Pumpe und spritzte sich kaltes Wasser über den Kopf. Hubert folgte ihm, in der einen Hand hatte er etwas Brot und in der anderen ein Ticket. Franz nahm das Brot und fing an zu kauen.

»Kennst du die Long Street?«, fragte Hubert.

Franz nickte.

»Kennst du die Linden Street, die von der Long Street abzweigt?«

Franz nickte wieder.

»Am Ende der Linden Street gibt es eine dunkle, kleine Gasse. Dort riecht es ...puh!«

Hubert hielt sich die Nase zu, um zu demonstrieren wie es roch. Er zeigte Franz das Ticket in seiner Hand. »Bring das zu Nummer siebzehn. Und hab’ keine Angst. Weder vor der Gasse, vor dem Haus noch vor dem Mann im Haus.«

»Warum sollte ich Angst haben?«, fragte Franz. Aber Hubert zuckte nur die Achseln und schlurfte davon zum Essen.

Franz starrte zum Himmel hinauf. Es war ein düsterer, bitterer und trostloser Tag.

Überhaupt nicht die richtige Art von Tag, um eine unbekannte Gasse hinunterzugehen. Doch Hubert war sein Freund, er hatte ihm sein Brot gegeben, und Franz hatte seit einer Woche kein Würstchen mehr gegessen. Ein Penny von Hubert würde außerdem auch noch für ein bißchen Kohl reichen.

»Ich darf keine Angst haben!«, sagte sich Franz, und er zitterte nur ein wenig und machte sich dann auf den Weg.

Er kam am alten Friedhof vorbei, mit den hohen, schwarzen Mauern und den großen, hochgewachsenen Bäumen. Natürlich kannte er ihn. Er war vollgestopft mit modrigen Grabsteinen. Sie standen überall hervor, wie die Zähne im Mund eines alten Mannes. Franz trabte weiter, so schnell er konnte und bog in die Long Street ein.

Er mochte die Long Street nicht. Die Leute dort waren ...sonderbar. Sie spähten nach ihm durch die Risse in ihren Fensterläden. Sie schlurften hinter ihm her, starrten ihn an oder zogen eine Grimasse und wichen ihm aus. Sie waren anders. Ärmer. Häßlicher. Fremd. Ebensogut hätten sie vom Mond kommen können. Aber die Linden Street war noch schlimmer. Alle diese wunderlichen Häuser, die ohne Fenster! Dafür hatten sie sonderbare, spitze Dächer, die fast bis zum Boden herabreichten.

Dort sahen die Leute ihn an, als sei er ein Gespenst.

Eifrig suchte er nach der Gasse und fand sie schließlich. Er huschte schnell an ihr Ende und klopfte an die Tür von Nummer siebzehn.

Langsam öffnete sich die Tür, mit einem knarrenden, quietschendem Geräusch. Eine lange, spitze Nase erschien, gefolgt von einem alten, mißbilligendem Gesicht.

»Jaaaa?«

»Bitte, Sir, ich bin der Ticket-Boy. Ich habe ein Ticket für Sie.«

»Ticket-Boy? Was soll das heißen, Ticket-Boy?«

»Bitte, Sir, es ist von Hubert dem Glasmacher.«, sagte Franz drängend.» Sie müssen ihn doch kennen, er schickt mich.«

Der alte Mann lächelte. »Das Glas!«, sagte er und rieb sich dabei kräftig die Nase.

»Oh guut, das Glas! Komm herein!« Er leitete Franz eine kleine, gewundene Treppe hinauf und führte ihn in ein Zimmer.

Das war ein sehr merkwürdiges Zimmer! An einem Ende war es niedrig, am anderen hoch und überall vollkommen verwinkelt. Hier hatte es Krümmungen, dort Knicke und außerdem einen wackeligen, unsicheren Boden.

Bücher standen an allen Seiten. Und Gerätschaften: Miteinander verbundene Glasröhren in Reihen, die in einer Tülle oder einem großen Glaskolben endeten; Schalen, in denen Flüssigkeiten und Rührlöffel waren; Töpfe voller Puder und Pulver; Reagenzgläser mit Flüssigkeiten in Grün, Lila und Rot; Schüsseln voll kleiner Vogeleier und Teller mit Sirup; Behälter voller Käfer und Würmer; Karten, Zeichnungen, und ein Teleskop.

Und ein Papagei.

»Hauab!«, sagte der Papagei, als er Franz sah.

Unsicher schaute Franz ihn an.

»Hauab!«, kreischte der Papagei erneut. »Hauab und nimm deinen äußerst abscheulichen Kadaver mit!«

»Ruhe, Papagei!«, rief der Mann und warf mit einem Buch nach ihm.

»Mein Name ist Grinwiss.«, sagte er. »Das ist Esculapius.« Er zeigte auf den Papagei.

»Und nun das Glas bitte, wenn es dir nichts ausmacht.«

»Ich-ich-ich hab’ es aber nicht.«, stammelte Franz. »Bitte, Sir, Ich bin doch nur der Ticket-Boy.«

»Hast es nicht?«, fragte Grinwiss.

»Natürlich hat er es nicht!«, sagte Esculapius, mit den Flügeln schlagend. »Der Junge ist offensichtlich ein STROHKOPF!«

»Ein was?«, fragte Grinwiss überrascht.

»STROHKOPF!«, sagte Esculapius und schloß seinen Schnabel mit einem verächtlichen Klappen.

»Bitte, Sir!«, sagte Franz. Ich habe das Glas nicht. Ich bringe ihnen nur das Ticket, auf dem steht, daß sie das Glas holen können. Sie müssen selbst gehen und es abholen, Sir.«

Grinwiss rieb sich wieder die Nase.

»Das ist aber sehr unangenehm, Junge«, sagte er. »Ich habe soviel zu tun. Eine sehr wichtige Arbeit. Weißt du, ich bin gerade dabei, daß Geheimnis zu entdecken wie ... nach so langer Zeit ... niemand hat seit Hunderten von Jahren ...«

Er verfiel in Schweigen und sah Franz mißtrauisch an. Dann sagte er schließlich: »Sieh mal, Junge. Angenommen, ich gebe Dir eine Krone. Eine ganze Krone! Würdest du dann das Glas für mich holen und es hierher bringen?«

Er näherte sein Gesicht dem von Franz.» Wenn du wieder kommst«, wisperte er, »wirst du etwas sehen, etwas... Unvergeßliches!«

»Eine Krone!«, murrte Esculapius. »Eine gaaaaanze Krone!«, und er krächzte empört.

»Halt die Klappe, Papagei!«, sagte Grinwiss.

»Halfpenny ist genug für einen Tick-it-Boy!«, sagte Esculapius.

»Ich werde es tun, Sir.«, sagte Franz.

»Aber hör’ zu, Junge.«, sagte Grinwiss. »Erzähl’ es niemandem! Schon gar nicht, wenn dich jemand danach fragt. Es könnte die Geheimpolizei sein! Oder Graf Ferencz!«

Es war still. Der Papagei blinzelte und plusterte sein Gefieder ein wenig auf.

»Bitte, Sir?«, fragte Franz. Er hatte schon von der Geheimpolizei gehört, aber noch nie von Graf Ferencz.

Wie auch immer, Grinwiss war offensichtlich nicht bereit, etwas zu erklären. Er drängte Franz wieder hinunter zur Tür.

»Noch nie so einen Strohkopf gesehen!«, sagte Esculapius, als Franz an ihm vorbeiging.

»Ruhe, Papagei!«, sagte Franz zwischen den Zähnen hindurch.

Er eilte zurück zu Hubert und erzählte diesem alles über Grinwiss. Hubert war nicht begeistert. Er sagte, daß sei ein ziemlich merkwürdiges Geschäft. Ticket-Boys waren schließlich keine Botenjungen! Sie waren Ticket-Boys. Boten trugen normalerweise die Ware aus. Doch Franz sollte immerhin eine Krone für seine Arbeit erhalten. Also schimpfte Hubert nicht lange. Dann erzählte ihm Franz, was Grinwiss noch gesagt hatte.

»Die Geheimpolizei?«, schrie Hubert, während er das Glas einwickelte und verpackte.

»Der hat ganz bestimmt nichts Gutes im Sinn! Nimm das Glas, bring es ihm, nimm die Krone und dann lauf, so schnell du nur kannst! Sonst kommt die Geheimpolizei vielleicht hierher.«

»Sie könnten mich verhaften!«, sagte Hubert, zitternd vor Furcht. »Sie könnten sogar meine Gläser und Schüsseln verhaften. Sie könnten uns alle miteinander ins Gefängnis stecken!«

»Was ist mit Graf Ferencz?«, fragte Franz.

»Nie von ihm gehört.«, sagte Hubert und fuhr fort das Glas einzuwickeln und zu verpacken. Er verpackte Glastrichter und Glocken, Spiralen, Geflechte und Gewinde aus Glas. Dann drückte er Franz das Päckchen in die Arme, als ob es eine Bombe sei.

Und vielleicht war Grinwiss ja dabei, eine Bombe herzustellen - zumindest schoß Franz der Gedanke durch den Kopf , als er wieder loslief.

Er taumelte durch dieselben Straßen zurück. Als er in die Gasse einbog, biß er die Zähne zusammen und eilte hinab zu Grinwiss’ Haus.

Grinwiss ließ ihn ein und brachte ihn die Treppe hinauf. Dann nahm er das Päckchen und fing an auszupacken.

»Ja!«, atmete er auf, während er ein Gefäß im Licht hin und her drehte. »Das ist genau das Richtige!«

Er begann die verschiedenen Gläser an eine Apparatur anzubauen. Nach einiger Zeit richtete er sich auf. »Deine Krone!«, sagte er und gab Franz eine neue, blanke Münze. »Und nun laßt uns anfangen!«, und er rieb sich die Hände. »Das Wichtigste zuerst! Wir müssen den Papagei zum Schweigen bringen:« Er ging zu einem Stuhl hinüber und nahm etwas auf, das aussah wie eine kleine, schwarze Kapuze.

»Nein!«, sagte Esculapius verärgert. »Ich will zugucken!«

»Wir würden es dir ja gerne erlauben«, sagte Grinwiss, »aber du würdest uns nur mit deinem Geplapper quälen!«

»Du bist ein langweiliges, altes Ekel und eine Plage!«, sagte Esculapius. Er dachte noch einen Moment nach. »Und ein QUATSCHKOPF!«, fügte er hinzu.

Doch Grinwiss zog ihm einfach die Kapuze über den Kopf und band sie fest. Dann ließ er die Vorhänge an den Fenstern herab. Der Raum war nun fast dunkel, bis auf ein kleines Feuer, das unter einem Glasstutzen flackerte. »Wenn alles gut geht, werde ich dich noch einmal brauchen, Junge.«, sagte Grinwiss.

»Für deine nächste Arbeit werde ich dir fünf Kronen geben. Das wird der wichtigste Auftrag sein, den du je erledigen wirst!«

»Aber jetzt mußt du gut aufpassen. Du wirst Zeuge eines wundervollen Ereignisses sein. Das erste dieser Art, seit Hunderten und Aberhunderten von Jahren. Und nur ich allein kann es zustande bringen!«

Grinwiss’ Stimme war voller Aufregung.

»Du wirst bei der Geburt eines ABRADIZILS dabei sein!«

impressum © Andrew Gibson 1990 / übersetzt von kadabra1993

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