Das Abradizil

von Andrew Gibson

11. Kapitel

Die Sonne war endlich hinter dem Turm hervorgekommen und stieg am Himmel empor. Sie starrten in die Schlucht. Kein Geräusch drang mehr herauf. Wie ein offener Rachen klaffte sie vor ihnen.

»Das arme Abradizil!«, weinte Roberta.

»Es hat die Stadt gerettet.«, sagte Franz.

»All diese Städte überall!«, sagte Wallenstein.

»Vielleich’ is’ es gar nich’ tot.«, sagte Dworkin. »Vielleich’ is’ es nur sowas wie ... betäubt.«

»Wie absurd!«, sagte Esculapius. Es ist Meilen tief gestürzt. Von der Spitze des Turms bis auf den Grund der Schlucht. Und du glaubst, es sei nur betäubt. Huh!« Altklug und höhnisch ließ er seinen Schnabel zuklappen. »Dämlicher Gnom!«, fügte er hinzu.

»Ich bin kein Gnom.«, sagte Dworkin.

»DÄHMlicher Gnom!«, sagte Esculapius.

»Ich bin eine ganz normale Person!«, sagte Dworkin. »Ein bißchen klein, das ist alles.«

»Ein Gnom von Wuchs«, sagte Esculapius, »und auch von Natur!«

Ganz plötzlich drehte Dworkin durch und grabschte nach dem Papagei.

Esculapius flatterte hoch in die Luft. Dworkin rannte über die Zinne. Er fand ein paar Kiesel und warf sie nach Esculapius, so fest er konnte.

Wallenstein packte ihn bei den Schultern.

»Ich schlag’ ihm den Schnabel ab!«, schrie Dworkin.

Wallenstein drehte ihn zu sich herum und umarmte ihn dann. Dworkin vergrub seinen Kopf in Wallensteins Talar.

»Mir wird das Abradizil auch fehlen.«, sagte Wallenstein.

»Es is’ nich’ wegen dem Abradesel!«, sagte Dworkin, indem er sich befreite.

»Es is’ wegen dem abscheulichen Papagei!«

Er stieß Wallenstein weg und rannte davon, die Zinne entlang, setzte sich in eine Ecke und starrte auf den Boden.

Esculapius kehrte auf Wallensteins Schulter zurück.

»Der Sieg ist unser!«, kreischte er.

»Nein, das ist er nicht!«, sagte Wallenstein.

»Wie meinst Du das?«, fragte Esculapius. »Ferencz muß einfach tot sein. Er kann unmöglich überlebt haben!«

»Aber er hat das Juwel mit sich genommen.«, sagte Wallenstein. »Kein Juwel, keine Macht. Die Macht bleibt dort, wo sie ist.«

»Bei Horg.«, sagte Franz.

»Horg hat das Juwel doch gar nicht mehr.«, sagte Roberta.

»Er wird die Macht jedoch behalten, weil auch niemand anderes das Juwel hat.«, sagte Wallenstein.

»Also sind wir wieder genau da, wo wir angefangen haben.«, sagte Franz. »Das heißt, wenn wir nicht gehen und nach dem Juwel suchen.«

»Dieses Tal ist riesig!«, sagte Wallenstein. »Wir würden die Leichen niemals finden, geschweige denn, das Juwel. Und wie sollten wir wohl die Klippen hinunterkommen? Ich fürchte, wir sind geschlagen!«

»Und was jetzt, Mr. Wallenstein ?«, fragte Roberta.

»Wir gehen nach Hause«, sagte Wallenstein, »und versuchen, es nicht allzu schwer zu nehmen.«

»Wie sollen wir denn nach Hause kommen?«

»Da hinüber!«, sagte Wallenstein und zeigte auf etwas.

Eine schmale Hängebrücke spannte sich dort über die Schlucht.

»Es wird schneller gehen als auf dem Fluß.«, sagte Wallenstein. »Wie auch immer, wir hätten es sowieso nicht geschafft, stromaufwärts zu paddeln.«

So machten sie sich traurig auf den Weg, aus Ferencz’ Schloß hinaus und wieder den Berg hinunter. Sie fühlten sich sehr erschöpft - und außerdem besiegt, was noch viel schlimmer war.

Franz dachte zurück an seine Kletterpartie über die Dächer. Nun schien das alles umsonst gewesen zu sein. Alle ihre Abenteuer hatten sie am Ende nirgendwohin gebracht.

Er seufzte und sah sich um. Roberta und Wallenstein ließen die Köpfe hängen, und Dworkin warf Esculapius giftige Blicke zu.

Als sie die Hängebrücke erreicht hatten, hielten sie an.

Sie schien weiter und immer weiter zu gehen. Außerdem sah sie sehr gefährlich aus, wackelig und schwankend.

Sie krochen an den Rand der Klippen und spähten hinab. Schwarz gähnte die Schlucht unter ihnen. Sie konnten die ungeheuren Gestalten der Giganten sehen, die dort standen; augenlos, einige von ihnen in seltsamen und gewalttätigen Posen erstarrt. Selbst jetzt waren sie noch furchterregend. Beinahe wären sie die entsetzlichsten Dinge der Welt geworden.

Es war merkwürdig, sich nun daran zu erinnern. Angenommen, Ferencz hatte irgendwie überlebt. Angenommen, er könnte sie wieder zum Leben erwecken ...

Hinter einen Felsen ertönte ein schnüffelndes Geräusch und dann eine ruckartige Folge von Quieksern. Es hörte sich an wie ein Tier in Not.

Sie eilten dorthin, so schnell wie sie konnten. Doch es war überhaupt kein Tier.

Es war das Abradizil!

Das Abradizil lag auf dem Rücken, mit geschlossenen Augen und den Füßen in der Luft. Es sonnte sich und gluckste.

Sie starrten es fassungslos an.

»Wie hast du das gemacht?«, sagte Wallenstein schließlich.

Das Abradizil öffnete ein Auge. Es schien gar nicht überrascht, sie zu sehen.

»Bin blubbergleich gehüpft.«, sagte es und machte das Auge wieder zu.

Sie sahen einander an.

»Wie bitte?«, sagte Wallenstein.

»Gehüpft.«, sagte das Abradizil, immer noch mit geschlossenen Augen.

»Fiel direkt runter auf den Boden. BOOOOONG! Hüpfte gleich wieder rauf. BIIIIING!«

»Gehüpft?«, sagte Dworkin.

»Allerdings.«, sagte das Abradizil.

»Du bis’ gleich wieder hoch GEHÜPF’ ?!«, schrie Dworkin.

»Das ist der Fall.«, sagte das Abradizil.

Dworkin rannte zu ihm hin und schüttelte es.

»Warum haste uns dennich’ GESAGT, daß de hüpfen kanns’?«, jammerte er.

»Wußte es nicht, siehst du?«, sagte das Abradizil.

»Habe gerade erst gemerkt, daß ich es kann.«

Es öffnete seine Augen und grinste ihn fröhlich an.

Dworkin schüttelte es ein zweites Mal und wieder und wieder.

Aber das Abradizil schien ihm das nicht übelzunehmen. Im Gegensatz zu Wallenstein. Er wollte es etwas fragen und zog Dworkin fort.

»Was ist mit Ferencz?«, fragte er. »Er ist doch nicht auch gehüpft, oder?«

Das Abradizil schüttelte den Kopf.

»Ferencz ist fort!«, sagte es.

»Wie meinst du das?«, fragte Roberta.

»Ganz kaputt, in Stücke!«, sagte das Abradizil gelinde.

Dann öffnete es seine Hand. Da, auf seiner Handfläche, lag das Juwel!

Alle umringten das Abradizil und staunten das Juwel an.

Wallenstein beugte sich herab und wollte es nehmen.

Das Abradizil schloß seine Faust.

»Meins!«, sagte es.

»Nein!«, sagte Wallenstein. »Unseres!«

»Meins!«, sagte das Abradizil.

»Nein!«, sagte Wallenstein. »Es gehört der Stadt!«

»Und bist du wirklich vollständig davon überzeugt«, sagte das Abradizil, jetzt mit einer anderen Stimme, »daß es auch zum Nutzen der Stadt verwendet werden wird? Zum Vorteil aller ihrer Bewohner?«

»Ja.«, sagte Wallenstein. »Das bin ich.«

»Es sei fern von mir, irgend etwas als persönliches Eigentum zu beanspruchen.«, sagte das Abradizil. »Aber ich ahne Böses und ich mißtraue dieser Lösung. Nichtsdestoweniger magst du es an dich nehmen.«

Es öffnete seine Hand und Wallenstein nahm das Juwel.

»Also haben wir schließlich doch noch gewonnen!«, sagte Esculapius. »Hurra für uns alle - den Gnom eingeschlossen!«, fügte er hinzu.

Franz und Roberta umarmten das Abradizil und Wallenstein tätschelte seinen Kopf. Dann wendeten sie sich wieder der Hängebrücke zu.

Sie schien nun gar nicht mehr so schrecklich zu sein. Sie machten sich auf den Weg über die Schlucht. Unter sich konnten sie die schwarzen, zerklüfteten Felsen sehen, die sich spitz vom Boden abhoben; und auch die erstarrten Giganten, die von allen Seiten drohend aufragten - wie Statuen, errichtet zu Ferencz’ Gedenken, sagte sich Franz.

Plötzlich fing die Brücke an zu schwanken. Sie hob und senkte sich unter ihren Füßen. Dann begann sie zu schaukeln und ruckartig hochzuschnellen.

Das Abradizil amüsierte sich wieder köstlich.

»HUUUURRRRAAAAAH!«, sang es, als es an ihnen vorüber hüpfte.

»Hör’ auf!«, sagte Dworkin.

»Ich blubbermach mir eine schöne Zeit!«, sagte das Abradizil.

»Mach dir bitte eine gewöhnliche Zeit, sei so freundlich!«, sagte Wallenstein. »Du wirst uns alle noch herunterkippen, wenn du nicht aufpaßt. Und das wird’s dann gewesen sein. Bums!«

Das Abradizil nickte.

»Bums!«, sagte es. »Alle gehen kaputt und in Stücke!«

»Ich will nich’ in Stücke geh’n!«, sagte Dworkin. »Also halt’ gefälligst still!«

»Aber das Interessante an der Sache, Dworkin«, sagte das Abradizil auf einmal, »ist doch, daß diese Brücke zu überqueren dem Leben selbst sehr ähnlich ist! Ich meine, hier sind wir nun , unsicher über einem unermeßlichen Abgrund schwebend...«

»... von dämlichen Monstern geplagt«, sagte Dworkin, »die von Anfang an überhaupt nich’ hätten mitkommen sollen!«

»Also sprach der Gnom!«, sagte Esculapius.

»Wallenstein?«, sagte Dworkin.

»Ja?«

»Wenn wer das Juwel inne Stadt zurückgebracht ha’m, is’ die Stadt frei, stimmt’s?«

»Ja.«

»Wir wer’n alle frei sein un’ können tun, was wer wollen??«

»Mehr oder weniger.«, sagte Wallenstein.

»Dann wer’ ich so frei sein un’ Papageien den Hals umdreh’n!«, sagte Dworkin. »Besonders einem Papagei!«, fügte er hinzu.

»Doch Papageien«, sagte Esculapius,« werden dann frei sein, so hoch zu fliegen, wie sie wollen und auf diese Weise den Klauen kleiner, rachsüchtiger Gnome zu entkommen!«

»Ich werde frei sein, um Tonnen und Tonnen von Eis zu essen!«, sagte Franz. »Um in der Nase zu bohren und tagsüber zu schlafen. Herumzurennen und zu schreien, die ganze Nacht lang!«

»Und ich werde frech zu Erwachsenen sein!«, sagte Roberta. »Ich werde jeden boxen, der mich auslacht und mich im Schlamm wälzen, wenn ich Lust dazu habe. Außerdem werde ich allen Soldaten die Zunge rausstrecken!«

»Werden wir wirklich all diese Dinge tun können, Wallenstein ?«, fragte Franz.

Es klang einfach zu schön, um wahr zu sein.

»Mehr oder weniger.«, sagte Wallenstein unbestimmt.

Alle dachten sie angestrengt darüber nach, wie es wohl sein würde. Als sie das Ende der Brücke erreichten, dachten sie immer noch darüber nach.

Ein kleiner, brauner Pfad führte von der Brücke fort und schlängelte sich einen Abhang hoch, auf einen Bergrücken. Sie eilten ihn keuchend hinauf. Oben angekommen, sahen sie unter sich ausgebreitet wieder die Stadt.

»Wir haben unser Abenteuer beinahe zu einem erfolgreichen Ende gebracht.«, sagte Wallenstein. »Wirklich erstaunlich! Ich habe nie so recht geglaubt, daß wir es schaffen würden.«

Er wendete sich für einen Moment zurück und Franz tat dasselbe.

Da war die Schlucht, und auf ihrer anderen Seite der kahle, abstoßende Berg mit dem Schloß auf dem Gipfel.

»Was wird nun mit dem Schloß passieren?«, fragte Franz.

»Ich nehme an, es wird jetzt einfach leerstehen.«, antwortete Wallenstein. »Vielleicht für Hunderte von Jahren, wer weiß? Dann werden die Wände anfangen zu zerbröckeln. Die Türme werden einstürzen. Und schließlich wird nichts mehr von ihm übrigbleiben, außer Ruinen.«

Franz merkte, daß ihn etwas bedrückte.

»Was ist mit dem Geschöpf in dem Labyrinth?«, sagte er.

»Ferencz wird nicht mehr da sein, um es herauszulassen. Nun wird es dort bleiben müssen, ganz allein, bis das Schloß einstürzt.«

Der Gedanke daran brachte ihn ganz durcheinander.

Wallenstein lächelte gütig.

»Ja.«, sagte Wallenstein. »Stell es dir nur vor. Ganz alleine in diesem Labyrinth. Tag für Tag für Tag. Aber vielleicht hat es niemals wirklich existiert. Vielleicht hat Ferencz es uns nur vorgegaukelt, wie die anderen Wesen, die wir geglaubt haben zu sehen. Und wenn es doch wirklich existiert ... nun, es dürfte nicht allzu unglücklich sein. Immerhin haben wir ihm die Möglichkeit gegeben, zu entkommen. Es sagte aber, es wolle lieber bleiben, wo es war.«

Sie fanden einen Fuhrweg, der den Hügel hinabführte und folgten ihm redend und lachend.

Alle waren sie jetzt quietschvergnügt. Das Abradizil sprang und hüpfte und stand auf dem Kopf und schlug Räder und Purzelbäume, wie ein ziemlich verrücktes Ding.

In einer Senke zwischen zwei Abhängen stießen sie auf ein Wäldchen mit einem Bach, der es durchfloß und einem Teich.

Sie setzten sich nieder, um zu rasten und betrachteten das Licht auf dem Wasser und den Blättern. Es sah aus, wie Hände voll verstreuter Edelsteine.

Franz und Roberta gingen ein bißchen planschen. Das Abradizil erklomm einen Felsbrocken neben dem Teich. Als es oben war, verschränkte es die Arme.

»Herrrscherrr!«, sagte es.

»Auf einen Felsblock zu klettern«, sagte Esculapius, »macht dich noch noch nicht zum Herrscher.«

»Herrrscherrr des Waldes!«, sagte das Abradizil.

»Wälder haben keine Herrscher nich’!«, sagte Dworkin.

»BLAM!«, sagte das Abradizil.

»Wie bitte?«; sagte Dworkin.

»Es war einmal«, sagte das Abradizil, »ein Herrrscherrr des Waldes. Und als die Leute sagten, es sei keiner, sagte es einfach BLAM!«

Es machte eine Pause.

»Bravo!«, sagte Esculapius.

»Doch der Herrrscherrr begann sich einsam zu fühlen.«, sagte das Abradizil. »Niemand verstand es, also verschwand es!« Und plötzlich sprang der Tunichtgut vom Felsen in den Teich.

Die anderen waren alle durchnäßt. Als sie wieder aufschauten, war das Abradizil verschwunden.

»Ich glaube nicht, daß es schwimmen kann.«, flüsterte Franz.

»Es ist untergegangen!«, schrie Roberta. »Es dachte, es könne schwimmen, aber das kann es gar nicht!«

»Rettet es!«, schrie Franz gellend.

»Was für eine interessante Szene.«, sagte eine Stimme.

Es war eine widerliche, kleine Stimme. Franz erkannte sie sofort. Es war Dikkles Stimme.

Hunderte von finsteren, behelmten Gestalten schlüpften langsam hinter den Bäumen hervor. Dikkle befingerte sein Kinn. Morgenstern und seine Kumpane waren auch da. Dann kämpften sich vier Wachen in Sicht.

Sie schleppten zwei lange Stangen und auf diesen Stangen befand sich ein kastenförmiger Stuhl. Die Wachen setzten ihn vor Wallenstein nieder und Wallenstein stellte fest, daß er geradewegs in Horgs verzerrtes Gesicht starrte.

»Es preßt mich von innen zusammen, Dikkle.«, stöhnte Horg.

»Wo ist das Juwel, Wallenstein ?«, sagte Dikkle.

Morgenstern trat einen Schritt vor und schwang seine Kette.

»Es verzehrt mich, Dikkle.«

»Wir sahen Ferencz stürzen.«, sagte Dikkle. »In seinen Tod, offensichtlich. Was bedeutet, daß ihr ihn irgendwie besiegt haben müßt. Aber das ist ja lediglich zu unserem Vorteil, nicht wahr?«

Er lachte.

»Soll ich ihn ZERMALMEN, Dikkle ?«; fragte Morgenstern.

»Du wirst es nicht bekommen!«; sagte Wallenstein.

»Er sagt, du wirst es nicht bekommen, Dikkle.«, sagte Morgenstern. »Darf ich ihn dafür ZERMALMEN?«

»Das Juwel gehört uns.«, sagte Wallenstein. »Wir werden es der Stadt zurückgeben.«

»Ich will es jetzt, Dikkle.«, ächzte Horg.

Dikkle lächelte.

»Gehört es wirklich euch, Wallenstein?«, sagte er und zeigte auf die Wachen. »Wenn das Juwel die Stadt erreicht hätte, würde es ihr gehören. Doch es hat die Stadt nicht erreicht. Also hat, wer auch immer in seinem Besitz ist, die Macht. Wenn er stark genug ist. Ferencz dachte , er sei es, aber am Ende war er es nicht. Und ich bezweifle, daß du stark genug bist.«

»Nimm es, Dikkle!«, krächzte Horg.

Dikkle und Morgenstern kamen auf sie zu. Die anderen auch und die Wachen ebenfalls.

Da holte Wallenstein plötzlich das Juwel heraus und hielt es wütend vor sich.

»Bleibt, wo ihr seid!«, schrie er.

Alle blieben stehen. Morgenstern sah Dikkle an, und Dikkle sah Horg an. Dann winkte Horg mit der Hand. Langsam pirschte sich Dikkle weiter heran, diesmal etwas vorsichtiger.

Wallenstein streckte das Juwel in die Luft und schaute dabei so drohend und grimmig drein, wie er konnte.

Dikkle und Morgenstern hielten inne und erstarrten. Alle warteten.

Nichts geschah.

»AKAAAAAYAAAAMAAAH!«, schrie Wallenstein mit unirdischer Stimme.

Es passierte immer noch nichts.

Dann kam ein winzigkleiner Kobold unter einem Stein hervorgekrochen und stellte sich neben Wallensteins Fuß auf. Er besah sich die ganze Gesellschaft und grinste.

»Was gibt’s, Wallenstein ?«, sagte er.

»Wer bist du?«, fragte Wallenstein .

«Was für eine Frechheit!«, sagte der Kobold gekränkt.

»Du hast mich doch herbei gerufen!«

Dworkin vergrub sein Gesicht in den Händen.

»Ah.«, sagte Wallenstein. »Äh ... ich verstehe. Du sollst sie ... in die Flucht schlagen!«, sagte er, indem er auf Dikkle und seine Mannschaft zeigte.

Der kleine Kobold betrachtete sie lange und zwinkerte.

»Bißchen arg viele für mich, fürchte ich.«, sagte er schließlich. »Tut mir leid, Wallenstein. Vielleicht ein anderes Mal, alter Freund!«

Und er schlenderte fröhlich summend einen Pfad hinunter und verschwand.

Sie blickten ihm nach. Morgenstern fing an zu lachen, und dann Dikkle und die Wachen und Roberta und Franz.

Alle lachten, bis auf Wallenstein und Horg. Und Dworkin.

»ERBÄRMLICH!«, murrte Dworkin mit hohler Stimme.

»Entschuldige.«, murmelte Wallenstein.

Horg gab Dikkle ein Zeichen. Dikkle trat vor, um das Juwel an sich zu nehmen. Da geriet alles durcheinander.

Der Teich explodierte. Wasser wallte überallhin. Es riß sie alle von ihren Füßen und blendete sie. Franz fiel auf den Rücken und schnappte nach Luft.

Dann sah er es : Ein gigantischer Tintenfisch erhob sich aus dem Teich und versprühte Wasser in alle Richtungen. Er spritzte große Strahlen auf Horg und seine Männer. Dikkle fiel flach auf sein Gesicht und eine riesige Woge schlug krachend über seinem Kopf zusammen.

Ein Strudel wirbelte Morgenstern herum und warf ihn in einen Baum.

Eine Wasserhose zerschmetterte den kastenförmigen Stuhl und verstreute die Trümmer überall. Wellen rammten die Wachen und schlugen sie zu Boden.

Der Tintenfisch selbst kam aus der Luft herabgestürzt und landete direkt auf Horg.

Das Wasser riß Franz mit sich fort und fegte ihn in den Teich. Es zog ihn hinab, stieß ihn wieder nach oben und ließ ihn in den Wellen tanzen. Er konnte Robertas Kopf sehen und auch Wallensteins.

Alle seine Freunde waren da und die Flut trug sie davon. Es war eine freundliche Flut. Wenn er versank, hob sie ihn wieder hoch und wenn er müde wurde, brachte sie ihm etwas, woran er sich festhalten konnte, zum Beispiel einen Ast.

Er fing an, die Flucht zu genießen. Sie erinnerte ihn ziemlich an eine dieser verrückten Fahrten, von denen er manchmal geträumt hatte, wenn er schlief.

Aber allmählich hörte die Flut auf. Die Wasser wurden ruhiger und weniger. Der Fluß spülte sie auf einen sandigen Hügel. Mühsam kletterten sie hinaus und standen tropfend da.

Nun waren sie wieder in Sichtweite der Stadt.

»Ich nehm’s zurück, Wallenstein.«, sagte Dworkin. »Ich hatte unrecht. Deine Magie is’ erstaunlich! Wie haste das bloß gemacht ?«

»Ich fürchte, ich war es gar nicht.«, sagte Wallenstein traurig und zeigte ein Stückchen das Ufer hinunter.

Da war das Abradizil, es lag auf dem Rücken in der Sonne, die Füße in die Luft gestreckt, die Augen geschlossen und mit einem fröhlichen, kleinen Lächeln auf dem Gesicht.

impressum © Andrew Gibson 1990 / übersetzt von kadabra1993

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