Das Abradizil

von Andrew Gibson

12. Kapitel

»Aber, wie hat es das gemacht?«, sagte Dworkin.

»Ich weiß nicht, wie es überhaupt irgend etwas macht!«, sagte Wallenstein.

»Wir müssen dies wohl als ein Rätsel betrachten.«, sagte Esculapius, indem er das Wasser aus seinem Gefieder schüttelte.

Alle staunten sie ihren merkwürdigen Begleiter an.

»Es hat sich in einen Wal verwandelt!«, sagte Franz.

»Jedenfalls in so etwas Ähnliches.«, sagte Esculapius.

»Danach hat es Horg niedergestreckt«, sagte Roberta, »und die Flut herbeigezaubert!«

»Ist Horg tot?«, fragte Dworkin.

»UMBACHT!«, schrie das Abradizil.

»Dann laßt uns geh’n.«, sagte Dworkin. »Haste das Juwel, Wallenstein ?« Wallenstein öffnete seine Hand. Das Juwel lag auf seiner Handfläche. Hell glitzerte es in der Sonne und sah beinahe so aus, als ob es vor Licht sprudelte.

»Sogar das Juwel sieht aufgeregt aus!«, sagte Franz.

»Juwelen«, sagte Esculapius, »sind niemals aufgeregt. Nur Kinder. Und Gnome!«

»Jawohl, ich bin aufgeregt!«, schrie Roberta. »Wir werden frei sein! Und das bedeutet, daß wir tun können, was wir wollen!«

»Ich werde auf Bäume klettern.«, sagte Franz.

»Ich werde im Fluß herumpatschen.«, sagte Roberta.

»Ich wer’ alte Opis treten!«, sagte Dworkin.

»Äh ... du wirst keine alten Opis treten, Dworkin!«, sagte Wallenstein. »Frei zu sein, heißt nicht, daß du solche Sachen tun darfst!«

Dworkin schien ihn nicht zu hören.

»Alle Hunde wer’ ich beißen!«, schrie er.

»Dworkin.«, sagte Wallenstein.

»Ich wer’ an den Glockenseilen in den Kirchen schaukeln!«

»Dworkin!!«

»Außerdem wer’ ich auf die Bürgersteige spucken!«

»DWORKIN!!«

»Un’ ich werde HARRUMP HARRUH machen !«

Das Abradizil flitzte mit einem gellenden Schrei an ihnen vorüber.

»Was sollen wir mit dem Juwel tun, wenn wir in die Stadt kommen, Mr. Wallenstein ?«, fragte Roberta.

Sie hatten nun wieder den Fluß erreicht.

»Wir bringen es zu Clymstock!«, sagte Wallenstein.

»Wer ist Clymstock?«, fragte Franz.

»Die wichtigste Person in der Stadt.«, sagte Wallenstein.

»Früher mußte er tun, was Horg ihm befahl. Es wird ihn schrecklich glücklich machen, frei zu sein. Er weiß, wie man das Juwel verwenden kann.«

Sie fanden die Stadttore und eilten durch die Straßen. Dann kamen sie zu einer Brücke über den Fluß und trabten lachend hinüber. Es war gut, nicht noch einmal durch die Tunnels zu müssen.

»Hoffentlich ist euch klar«, sagte Wallenstein, »daß wir Helden sein werden!«

»Sind wir doch schon.«, sagte Roberta.

»Ich meine«, sagte Wallenstein, »daß sie uns zweifellos feiern werden!«

»Wir wer’n was ?«, fragte Dworkin.

»Gefeiert werden.«, sagte Wallenstein. »Sie werden viel von uns hermachen.«

»Auch der Gnom?«, fragte Esculapius.

»Ja.«

»Huh.«, sagte Esculapius. »Da ist aber nicht viel, um viel davon herzumachen!«

Roberta zupfte Franz am Arm. Sie wollte, daß er sich eine der Statuen auf der Brücke ansah. Am Fuße der Statue befand sich ein Bild von einem Mann, der ein Feld pflügt.

»Was ist denn damit?«, fragte Franz.

»Schau es dir genau an.«, sagte Roberta.

Und dann sah Franz, was sie gemeint hatte.

Es war kein Pferd, das den Pflug zog, es war ein Teufel. Der Teufel hatte einen grimmigen, wütenden Gesichtsausdruck. Er drehte den Kopf, so weit es ging und versuchte, den Mann mit bösen Blicken zu durchbohren. Dem Mann schien das jedoch nichts auszumachen. Schließlich tat der Teufel ja trotzdem seine Arbeit für ihn.

»Das Abradizil ist auch ein bißchen so.«, sagte Roberta. »Wir hatten auch einen Teufel, der für uns gearbeitet hat!«

»Wir haben es nicht gezwungen, für uns zu arbeiten!«, sagte Franz. »Das hat es freiwillig getan. Auf alle Fälle ist es kein Teufel. Der Teufel auf dem Bild sieht eher aus wie Horg!«

Roberta war still.

»Die anderen sind fort.«, sagte Franz.

Und das waren sie. Sie hatten die Brücke überquert und waren schon außer Sicht.

»Das Abradizil ist so eine Art Teufel, weißt du?«, sagte Roberta, als sie weiter liefen.

»Nein, ist es nicht!«, sagte Franz.

»Ist es doch!«, sagte Roberta. »Ich meine, es erscheint plötzlich aus dem Nichts, genau auf die Weise, wie Teufel es tun. Und es ist frech, wie ein Teufel; und es tut niemals, was man ihm gesagt hat, wie Teufel auch nicht. Und man weiß nicht, was es als Nächstes tun wird, genau wie bei einem Teufel. Und es ist so stark wie ein Teufel; und ihm ist alles egal. Teufeln auch!«

»Woher weißt du das?«, fragte Franz. »Hast du je einen getroffen?«

»Ich dachte einmal, ich hätte.«

»Wie sah er denn aus?«

»Er war grün und schuppig. Und aus seiner Nase dampfte es.«

»Ich glaub’ dir kein Wort!«, sagte Franz. »Jedenfalls ist das Abradizil gut. Teufel sind böse!«

»Ich glaube, es ist nicht so richtig gut.«, sagte Roberta.

»Es hat uns geholfen, weil es uns zuerst gesehen hat. Aber es könnte auch jedem anderen geholfen haben.«

»Könnte es nicht!«, sagte Franz.

»Du bist einfach doof!«, sagte Roberta.

»Nein, du bist doof!!«, sagte Franz.

Sie verließen die Brücke und rannten ganz schnell eine lange Straße hinunter. Sie bekamen kaum noch Luft und das war auch gut so. Sonst hätten sie angefangen zu streiten. Nun standen sie wieder auf dem Marktplatz.

Die anderen gingen gerade in ein großes, altes Haus auf der gegenüberliegenden Seite. Die Kinder flitzten quer über den Platz und folgten ihnen.

Im Haus war es dunkel, staubig und kühl. Franz konnte Wallenstein schreien hören.

»Ich muß unbedingt Clymstock sprechen!«

Wallenstein stand mitten auf einer Treppe. Ein sehr großer Mann versperrte ihm den Weg.

»’Abredung!«, knurrte der Mann. »Du kannst Clymstock nich’ sprechen, ohne ‘Abredung. So sin’ die Gesetze, weißt du? Horgs Gesetze!«

»Horg ist geschlagen!«, schrie Wallenstein.

»Umbacht!«, rief das Abradizil. Es stand direkt hinter ihm.

Der Mann schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme.

»Du bis’ verrückt, Wallenstein!«, sagte er. »Das sin’ diese Egsperimente. Clymstock selbst hat es gesacht. Mehr als alles and’re, mag Wallenstein Egsperimente. Am Ende wird ihn das noch verrückt machen.«

Er grinste. »Geh’ weg, Wallenstein!«, sagte er. »Die Leute werden dich auslachen, wie sie es immer getan haben. Diesmal sogar noch mehr.«

»Horg ist besiegt.«, sagte Wallenstein wieder.

»Wir haben das blaue Juwel!«

»Es rechnet Pfannkuchen!«, sagte der Mann.

»Wir haben das Juwel !!«, sagte Wallenstein.

»Un’ die Kühe trinken Bier!«, sagte der Mann.

»Zeig es mir, Wallenstein.«, sagte eine Stimme.

Sie sahen alle auf.

Ein alter Mann stand oben an den Stufen. Er hatte langes, graues Haar und einen langen, grauen Bart und ein weises, verhutzeltes Gesicht. Wallenstein stieg zu ihm hinauf und öffnete seine Hand.

»Das is’ ne Fälschung!«, sagte der andere Mann.

Clymstock nahm das Juwel und betrachtete es genau.

»Nein.«, sagte er ruhig. »Es ist keine.«

»Gut gesprochen, olles Knochengerüst!«, murmelte Dworkin.

»Halt die Klappe, Dworkin!«, sagte Wallenstein.

»Wir müssen es den Bewohnern der Stadt mitteilen.«, sagte Clymstock.

»Bravo, Alterchen!«, murmelte Dworkin wieder.

»Happe, Orkin!«, sagte das Abradizil.

»Folgt mir.«, sagte Clymstock.

Dann hielt er einen Moment inne und dachte nach.

»Sie werden natürlich außer sich sein. Alles kann passieren. Ich werde sie nicht mehr kontrollieren können!«

Kopfschüttelnd humpelte er weiter. Sie folgten ihm und betraten einen Balkon, der auf den Platz hinaus ging. Franz spähte auf die Menge unter ihnen herab. Dann :

»Bürger!«, schrie Clymstock.

Einige aus der Menge schauten hoch. Menschen begannen sich unter dem Balkon zu versammeln.

»Horg ist nicht länger im Besitz des Juwels!«, rief Clymstock. »Wallenstein hier hat es mir gebracht.«

Die Menge fing an zu murmeln und noch mehr Leute rannten von allen Seiten herbei.

»Seht!«, schrie Clymstock.

Langsam hob er das Juwel hoch in die Luft.

»Ihr seid frei !«, donnerte er.

»Es ist wahr!«, schrie Wallenstein. »Ihr könnt Horg und seine Männer gefangen nehmen, wenn ihr wollt. Sie sind draußen, an der Straße nach Westen!«

Mehr Gemurmel aus der Menge - aufgeregtes Gemurmel jetzt. Leute begannen zu klatschen und ‘Hurra’ zu rufen.

»Erzählt es der ganzen Stadt!«, rief Clymstock.

Eine Gruppe von Männern eilte nach Westen. Manche Menschen liefen wie verrückt durch die Gegend und schrien einfach vor Freude. Einige rannten in Geschäfte und kamen mit Armen voller Speisen und Getränke wieder hinaus geeilt. Andere huschten in nahegelegene Straßen, um die Neuigkeiten jedermann weiter zu erzählen.

»Komm.«, sagte Roberta zu Franz. »Laß uns mitmachen!«

Sie tobten die Stufen hinunter und hinaus auf den Platz; die anderen folgten ihnen auf dem Fuße.

Draußen herrschte ein großes Durcheinander. Überall, wo sie auch hinschauten, aßen Leute, tranken, lachten und jauchzten. Kinder kreischten und sprangen herum. Menschen entzündeten Feuer, nur so zum Spaß. Männer sprangen auf Pferde und ritten sie wild über den Platz. In allen Straßen war es das Gleiche, die ganze Stadt feierte, sogar die Long Street und die Linden Street.

»Grinwiss’ Leute.«, murmelte Franz. »Auch sie sind jetzt frei.«

Für einen Moment geriet Grinwiss selbst in ihr Blickfeld. Er stand einfach nur da, lächelte und sah zu. Er winkte, als er sie sah, aber dann hastete eine Menschenmenge vorbei und trug sie davon, und sie verloren Grinwiss wieder aus den Augen.

In einem anderen Teil der Stadt sah Franz auch Hubert. Er trank ein sehr großes Bier, tanzte mit einem sehr großen Mädchen und begrüßte Franz mit einem sehr großen Grinsen.

»Hallo!«, rief er. »Hast du schon gehört? Horg hat das Juwel nicht mehr. Wir haben es jetzt!«

»Ich weiß.«, sagte Franz. »Wir haben es ja hergebracht!«

Er fing an zu erklären : »Wir haben versucht die Zitadelle anzugreifen, aber Ferencz ...«

Doch Hubert schien gar nicht zuzuhören.

»Wo bist Du überhaupt gewesen?«, schrie er. »Du warst eine lange Zeit fort. Da steckt sicher nichts Gutes dahinter! Nun lauf aber nach Hause, so fix es geht!«

Er wartete Franz’ Antwort nicht einmal ab - sondern sprang davon, mit seiner Freundin am Arm.

Dann sahen sie ein ganz anderes Bild. Horg, Dikkle und Morgenstern wurden durch die Massen geführt. Ihre Hände waren gefesselt und ihre Köpfe gesenkt. Sie sahen unglücklich aus und ängstlich. Die Leute schnitten ihnen Grimassen und verspotteten sie, als sie vorbeikamen.

»Nun haben wir wirklich gewonnen!«, sagte Franz.

»Aber was machen wir jetzt, nachdem wir gewonnen haben ?«, fragte Roberta.

»Da ist eins, Wolfgang!«, sagte eine Stimme.

»Schnapp’ es dir, Dirk!«, sagte eine andere.

Sie fuhren herum. Zwei Männer hatten das Abradizil bei den Armen gepackt. Der eine, der Dirk hieß, war eine komische, kleine Figur. Er hatte strahlende Augen, ein verschrumpeltes Gesicht, lockiges, braunes Haar und einen lustigen, eierigen Gang. Wolfgang war dünn, hatte böse Augen und war vollkommen bartlos. Er konnte nicht richtig lachen. Wenn er es versuchte, klang es wie eine Mischung aus Eselsgewieher und einem saugenden Geräusch in seiner Kehle.

»Das kommt mit uns!«, sagte er und zeigte auf das Abradizil.

»Moment mal!«, sagte Wallenstein. »Das ist das Abradizil! Es ist ein Held! Es hat das blaue Juwel gebracht und gegen Horg, Dikkle und Ferencz gekämpft!«

Dirk grinste, breit aber kalt.

»Es ist ein Monster!«, sagte er in angewidertem Ton. »Wir wollen hier keine Monster haben.«

»Unter gar keine Umständen!«, sagte Wolfgang. »Monster beleidigen unsere Augen.«

»Aber wenn es doch ein heldenhaftes Monster ist?«, sagte Wallenstein.

»Ich glaube nicht«, sagte Dirk, »daß Monster heldenhaft sein können. Deine Meinung, Wolfgang?«

»Genau meine Meinung, Dirk!«, sagte Wolfgang.

»Helden sind heldenhaft. Monster sind monströs. Das darf man nicht verwechseln!«

»Also kommt es mit uns!«, sagte Dirk, und sie führten das Abradizil ab.

Die anderen folgten ihnen, bis sie zu einem Gasthof kamen. Sie gingen hinein und fanden sich in einem heißen, stickigen Saal wieder.

Er war bis an die Wände vollgestopft mit Leuten. Einige saßen in Stuhlreihen, andere standen auf Bänken dahinter. Manche waren so weit oben, daß die Decke ihre Köpfe berührte.

Am Ende des Raumes stand ein Tisch, und dahinter saßen ein Mann und eine Frau. Dirk und Wolfgang bahnten sich einen Weg nach vorne, das Abradizil zwischen sich schleifend.

»Sie haben einen Gerichtssaal daraus gemacht.«, flüsterte Wallenstein.

Der Mann am Tisch blickte auf.

»Wir haben es auf der Straße gefunden.«, sagte Wolfgang. »Noch so ein Monster, glaube ich.«

Der Mann sah dem Abradizil streng ins Gesicht und auf seine Haare. Dann betrachtete er prüfend seine Arme und Beine.

»Ja.«, sagte er schließlich. »Eindeutig ein Monster! Werft es ins Verlies, zu den anderen.«

»Was?«, sagte Wallenstein.

Der Saal wurde still.

»Willst du Einspruch erheben ?«, fragte der Mann.

»Dieses Monster hat die Stadt gerettet!«, sagte Wallenstein.

»Aha.«, sagte der Mann mit einem Seufzer der Erleichterung. »Dann gibst du also zu, daß es ein Monster ist? - Ins Verlies!«, wiederholte er und senkte erneut den Kopf.

»Fragt doch Clymstock!«, sagte Wallenstein. »Er wird es euch bestätigen. Wir waren diejenigen, die ihm das Juwel gebracht haben.«

»Clymstock hat genug damit zu tun die Stadt zu regieren.«, sagte der Mann. »Er hat keine Zeit sich mit den Angelegenheiten von Monstern zu befassen. Wir nehmen ihm das ab!«

»Aber jeder ist doch jetzt frei!«, sagte Franz.

»Jeder, außer Monstern!«, sagte der Mann. »Du bist frei. Deine Freunde sind frei. Ihr könnt alle so frei sein wie ihr wollt, solange ich nicht böse werde. Aber nicht das Monster!«

»Warum denn nicht?«, fragte Wallenstein.

»Ihr versteht das nicht.« Die Frau sprach jetzt.

»Jeder will frei und glücklich sein. Doch wir können nicht alle glücklich sein, wenn alle von uns frei sind. Und Monster machen die Leute unglücklich. Sie sind ekelhaft, häßlich und furchtbar! Sie bringen die Leute dazu an seltsame, lästige und schwierige Dinge zu denken.

Deshalb müssen wir sie ... von ihnen fernhalten!«

»Kinder mögen Monster.«, sagte Franz.

»Kinder sind aber nicht verantwortlich für die Verwaltung der Stadt!«; sagte die Frau streng. »Das sind nur die Erwachsenen. Und Erwachsene wollen keine Monster auf den Straßen. Dort sind sie nur im Weg. Und das Schlimmste: Sie verhindern, daß die Dinge vernünftig funktionieren!«

Die Menge fing an zu klatschen.

Da stürzte plötzlich Dworkin nach vorne. Er sprang auf den Tisch, verschränkte die Arme und funkelte die Leute an.

»Hört zu!«, schrie er. »Wenn ihr die Monster einsperrt, hoff’ ich, daß s’e wieder ausbrechen un’ kommen un’ euch alle auffressen! Ich hoff’, s’e kommen an eure Betten un’ kneifen euch inne Nase un’ beschimpfen euch mit Massen un’ Massen von gemeinen Wörtern! Ich hoff’, s’e setzen sich auf eure Stühle un’ machen s’e kaputt! Ich hoff’, s’e essen euch alles wech un’ schmieren eure Wände mit unanständ’chen Wörtern voll ! Hört zu! Das Abradesel is’n guter Freund von mir! Wenn ihr meinen guten Freund ins Verlies werft, dann ... dann ... dann müßt ihr mich auch reinwerfen un’ ich wer’ euch alle beißen, wenn ich kann!!!«

Es war Dworkins größte Stunde.

Auf einmal stieg Esculapius hoch hinauf in die Luft. Er stieß auf den Mann am Tisch herab und hackte wütend nach seinen Ohren und nach seiner Nase. Franz trampelte fest auf Wolfgangs Fuß. Wolfgang heulte vor Schmerz. Dann stellte Wallenstein Dirk ein Bein und brachte ihn zu Fall. Roberta setzte sich ihm auf den Kopf. Dirk jaulte ebenfalls.

Das Abradizil fing an, sich um die eigen Achse zu drehen, langsam zunächst, aber dann schneller und immer schneller. Es war wie ein kleiner Wirbelsturm, mitten im Gerichtssaal.

Menschen wurden gegen die Wände geschleudert. Zwei Sekunden später waren die Mauern selbst geborsten. Überall flog Putz und Staub herum. Balken und Bretter kamen herabgestürzt. Das Abradizil trudelte auf die Übriggebliebenen zu - Franz, Dworkin, Roberta, Esculapius und Wallenstein - nahm sie in die Arme und wirbelte sie von den Trümmern fort. Es trug sie durch die Straßen davon, während die feiernden Bürger zurückblieben und vor Entsetzen gafften.

Weiter sauste es, bis sie die Stadt hinter sich hatten und eine flache, braune Ebene erreichten. Dort machte es halt und setzte sie alle auf einem Felsen ab. Dann fiel es hintenüber, auf seinen Rücken.

Nach einer Weile schauten sie sich um.

Die Stadt war nun sehr weit weg. Aber in der Ferne konnten sie sie noch in der Sonne schimmern sehen.

»Ich verstehe das nicht!«, sagte Roberta. »Ist es das, was ‘gefeiert werden’ bedeutet?«

»Ich dachte, wir seien Helden?«, sagte Franz.

»Es sieht so aus«, sagte Wallenstein, »als ob all unsere Abenteuer uns nur dies hier eingebracht hätten.« Und er wies auf die Ebene.

»Ich weiß gar nicht, warum wir uns so angestrengt haben!«, sagte Dworkin.

»Trotzdem bin ich froh, daß wir es getan haben!«, sagte Roberta.

»Ich vermute, wir entbieten der Stadt ein ‘Lebewohl’?, sagte Esculapius.

»Wir können nicht zurück!«, sagte Wallenstein.

»Nich’, ohne das Abradesel zurückzulassen!«, sagte Dworkin.

Es gab eine Pause. Alle sahen ihn abwartend an. Dworkin schluckte mühsam.

»Un’ das könn’ wer nich’ tun.«, sagte er schließlich.

»Also könn’ wer nie mehr zurück. Un’ das is’ bloß die Schuld von diesem blöden Monster!«

Wieder sahen sie ihn an. Besonders das Abradizil starrte ihn gespannt an.

Dworkin starrte zurück. Dann grinste das Abradizil. Dworkin grinste auch. Das Abradizil grinste wieder. Schließlich sprang es auf, rannte zu Dworkin und umarmte ihn.

»Freuuund!«, schrie es. »Guter Frrreuuund!!«

»So gut nu’ auch wieder nich’!«, sagte Dworkin, es abwehrend.

»Geh’ von mir runter!«

Das Abradizil hörte auf und starrte ihn wieder an.

»Abgeseh’n von allem and’ren«, sagte Dworkin, »stinkste!«

»Tu ich nicht.«, sagte das Abradizil.

»Tuste doch!«, sagte Dworkin. »Es is’ komisch. Niemand hat bis jetzt was darüber gesagt. Hier sind wer nu’, unser Abenteuer is’ fast vorbei un’ ich bin der erste, der’s sacht. Du stinkst! - Scheußlich. So nach Kohl un’ Misthaufen!«

»Tu ich NICH’!«, sagte das Abradizil. Es sah sehr aufgebracht aus.

»Es stinkt wirklich überhaupt nicht, Dworkin.«, sagte Roberta hastig.

»Sei doch nicht so unverschämt!«

»Es stinkt ERBÄRMLICH!!«, sagte Dworkin grollend.

»Laßt uns abstimmen.«, sagte Roberta. »Alle die meinen, daß das Abradizil stinkt, sollen die Hände heben!«

Dworkin wurde fünf zu eins überstimmt. Sogar Esculapius stimmte gegen ihn. Aber er nahm es nicht übel. Er und das Abradizil grinsten sich wieder an; und dann legte sich das Abradizil vor den Felsen, schloß die Augen und streckte die Füße in die Luft.

»Was werden wir denn jetzt machen?«, fragte Franz.

Wallenstein zeigte über die Ebene.

»Dort drüben gibt es noch andere Städte.«, sagte er.

»Manche von ihnen sind gar nicht so weit weg. Ferencz hat sie uns gezeigt, erinnert ihr euch ? Vielleicht wird man dort nichts gegen ein Monster haben. Und wenn doch ... nun, es gibt eine Menge weiterer Städte zu entdecken. Wir werden viele, wunderbare Abenteuer erleben, wißt ihr?«

»Das wird bestimmt sehr aufregend!«, sagte Franz.

»Ich glaube«, sagte Esculapius, »daß sich uns einige, wahrhaft erstaunliche Perspektiven eröffnen werden!«

»Ich wer’ alte Opis treten!«, murmelte Dworkin.

»Dworkin!«, sagte Wallenstein. »Was das Thema alte Opis betrifft: Wenn du es wagst auch nur den Fuß zu heben, solltest du einem nahe kommen, werde ich ...«

Plötzlich drehte Roberta sich um. Ihre Augen waren voller Tränen.

»Aber es ist doch unser Zuhause!«, jammerte sie.

»Können wir wirklich niemals wieder zurück?!«

Es war still. Dann ging das Abradizil vorsichtig und auf Zehenspitzen auf sie zu und legte ihr den Arm um die Schulter.

»Müssen die Stadt verlassen.«, flüsterte es. »Viele, aufregende Abenteuer vor uns.«

Es strich Roberta übers Haar.

»Haben jetzt einander.«, sagte es. »Werden auch zusammenhalten!«

Roberta wendete sich ihm zu und lächelte.

Das Abradizil deutete auf die Stadt.

»Nie mehr.«, sagte es ruhig. »Hende!«

impressum © Andrew Gibson 1990 / übersetzt von kadabra1993

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