Das Abradizil

von Andrew Gibson

2. Kapitel

»Was ist ein Abradizil?«, fragte Franz.

Aber Grinwiss gab ihm keine Antwort. Er war damit beschäftigt, das Glasgefäß zu erhitzen. Bald begann die Flüssigkeit in seinem Inneren rot zu glühen. Die Glut breitete sich durch das ganze Glasgeflecht aus. Langsam kroch sie von Röhre zu Röhre, wie eine lange, schmelzende Schlange. Grinwiss drehte an Trichtern und baute noch mehr gläserne Geräte an. Er fügte etwas Pulver hinzu und spähte in die Glut. Das Glas fing mit einem hellen, klingenden Geräusch zu beben an. Dampf stieg aus einer der Röhren auf.

Plötzlich zuckte ein Blitz durch die große Glaskugel in der Mitte der Apparaturen. Dann ein zweiter Blitz und noch einer. Es war wie ein winziges Gewitter. Grinwiss klatschte vor Freude in die Hände.

»Es funktioniert!«, krähte er.

Aber dann hielt er inne und schaute ganz verdutzt drein. »Ich habe etwas vergessen.«, murmelte er bei sich. »Hm. Federn vom Papagei? Nein, ein Abradizil mit Federn, das ist unmöglich. - Junge!«, rief er. »Komm her!«

Nervös ging Franz zu ihm hinüber. Grinwiss nahm ein Messer.

»Ich fürchte, du mußt mir ein bißchen von dir abgeben.«, sagte er. »Dem Abradizil zuliebe, weißt du?« Rasch beugte er sich über Franz, schnitt ihm eine Haarsträhne ab und warf sie in eins der Gefäße.

Inzwischen hatte die Flüssigkeit begonnen, durch das Glas zu sprudeln. Dabei brodelte, spritzte und summte sie. Weitere Blitze durchzuckten die große Glaskugel. Grinwiss sah jetzt ziemlich besorgt aus.

»Wasser, Junge!«, sagte er. »Hol Wasser aus dem Faß dort drüben!«

Franz rannte zu dem Faß, schöpfte eine Schale voll Wasser und lief zurück. Dann blieb er stehen und gaffte.

Die Flüssigkeit war langsamer geworden. Fast schien sie sich nicht mehr zu bewegen. Darauf färbte sie sich golden und fing an zu sieden. Wellen von Licht strömten aus dem Glas. Es war ein wütendes unerträgliches Licht.

»Das war nicht vorgesehen!«, sagte Grinwiss.

Franz schwieg.

»Schon vor Hunderten von Jahren haben sie Abradizils erschaffen.«, sagte Grinwiss. »Sie haben alles niedergeschrieben, in Büchern. Daher habe ich gewußt, wie man es macht. Aber so etwas haben sie nie erwähnt!!«

Plötzlich begann die Flüssigkeit wieder durch die Röhren zu schießen. Sie schlug gegen das Glas und sprudelte in die Trichter hinauf, bösartig sprühte sie aus winzigen, kleinen Löchern. Sie fing sogar an, die große Glaskugel durchzuschütteln. Schließlich veränderte sie ihre Farbe wieder zu rot und verlangsamte sich bis zum Stillstand.

Franz schaute Grinwiss fragend an. Grinwiss kratzte sich am Kopf.

»Und wenn es nun schiefgegangen ist?«, sagte er endlich.

Franz sagte nichts.

»Angenommen, es ist irgend etwas falsch an dem Abradizil?«, sagte Grinwiss.

Wie würde ein falsches Abradizil wohl aussehen, fragte sich Franz. Und woran würde man es von einem Richtigen unterscheiden können?

Die Flüssigkeit hatte sich wieder in der Kugel gesammelt. Sie war jetzt dunkel, zähflüssig, dick und braun. Grinwiss hakte die Kugel aus und trug sie zu einem Fensterbrett. Es sah aus, als sei sie voller Schlamm. »Nun müssen wir es sich selbst überlassen.«, sagte Grinwiss und nahm dem Papagei die Kapuze ab. Esculapius sah ziemlich verdrießlich aus.

»Ist das ein Abradizil?«, quäkte er. »Es sieht genauso aus wie der Tick-it-Boy!«

»Sei nicht so albern!«, schnauzte Grinwiss ihn an. »Du kannst jetzt gehen.«, fügte er für Franz hinzu.

»Sie sagten doch, sie hätten noch einen Auftrag für mich.«, sagte Franz.

»Den habe ich auch.«, sagte Grinwiss. »Komm heute abend wieder.«

Dann stürzte er auf Franz zu. »Erzähle niemandem von dem Abradizil. Verstehst du? Niemandem!«

Franz nickte. Er ging die Treppe hinunter, auf die Gasse hinaus und machte sich wieder auf den Weg nach Hause.

Etwas folgte ihm.

Franz begann schneller zu gehen.

Die Schritte hinter ihm wurden auch schneller. Plötzlich rissen ihn zwei Hände hoch und schleuderten ihn gegen eine Mauer.

»Soll ich ihn ZERMALMEN, Dikkle?«, fragte eine Stimme.

»Ich würde ihn mir lieber erst’mal ansehen.«, sagte eine andere.

Zwei stahlgraue Augen starrten Franz an. Ein großer, breitschultriger Mann hielt ihn beim Kragen gepackt. Er hatte stahlgraues Haar und trug einen schwarzen Stahlpanzer. Neben ihm stand ein kleinerer Mann. Seine Augen waren kalt und hart, wie die eines Raubtieres.

»Ich würde ihn gerne zermalmen, Dikkle.«, sagte der große Mann.

»Noch nicht, Morgenstern.«, sagte der andere. »Ich möchte ihm ein paar Fragen stellen.« Morgenstern ließ Franz herunter.

»Nun was meinst du, welche Sorte von Verbrechen könnte er wohl begangen haben?«, sagte Dikkle und ging dabei in einem Kreis um Franz herum. Morgenstern zuckte die Achseln und schaute schmollend zu Boden. »Spionage vielleicht?«, sagte Dikkle mit einem fiesen Grinsen. »Fälschung oder Straßenraub? Irgendeine Art von Verschwörung jedenfalls. Was hattest du da drinnen zu suchen?«, fragte er, indem er auf Grinwiss’ Haus deutete.

»Bitte, Sir, ich bin ein Ticket-Boy.«, sagte Franz.

»So. Was macht ein Ticket-Boy in einem Haus wie diesem?«

»Ich weiß überhaupt nichts.«, stammelte Franz. »Dort wohnt ein alter Mann. Er hat einen Papagei, Sir.«

»Einen Papagei?«, sagte Dikkle mit gespielter Überraschung. »Ein übler Papagei, zweifellos.«

»Es ist ein ziemlich übler Papagei, Sir.«, sagte Franz.

»Darf ich den Papagei zermalmen, Dikkle?«, fragte Morgenstern.

»Was hast du getan, Ticket-Boy, in der Gesellschaft dieses üblen Papageis?«

»Sie sind von der Geheimpolizei, nicht wahr?«, sagte Franz auf einmal.

Dikkle nahm keine Notiz von ihm, und Morgenstern fing an, ihm den Hals zuzudrücken.

»Gehst du noch mal zu diesem Haus zurück?«, fragte Dikkle.

»V-vie-vielleicht.«, sagte Franz.

»Wenn du zurückkehrst«, sagte Dikkle - und kam Franz Gesicht dabei sehr nahe - »komm und berichte mir darüber. Geh zur Zitadelle und frag’ dort nach Dikkle. Es wird besser für dich sein, wenn du es tust. Sonst könnte ich Morgenstern dich zu Brei zerstampfen lassen.«

»Ich könnte ihn gleich ‘stampfen, Dikkle.«, sagte Morgenstern. »Ich könnte ihn ‘stampfen und ‘stampfen, solange bis nix mehr von ihm übrig wäre, außer vielleicht ein paar Knochenstückchen.«

»Hast du verstanden, Ticket-Boy?«, fragte Dikkle.

»Ja, Sir.«, sagte Franz.

Dikkle drehte sich um und ging schnell davon. Morgenstern folgte ihm. Franz rieb sich die Stirn und wankte in die Linden Street.

Er wollte nicht mehr nach Hause gehen. Sie könnten ihm folgen und herausfinden, wo er wohnte. Außerdem würde Hubert sich Sorgen machen. Am Ende würde er Franz einschließen, um zu verhindern, daß er noch mal zu Grinwiss ginge. Also beschloß Franz sich Arbeit zu suchen, die ihn für den Rest des Tages beschäftigen würde.

Zuerst brachte er ein Ticket vom Schlosser zum Bootsverleiher am Kai. Dann trug er ein anderes vom Schneider zum Faßbinder, der seinen Hof oben auf einem Hügel hatte. Dort stieg er in ein Faß und rollte den ganzen Weg wieder hinunter. Er besorgte Tickets für den Hutmacher, den Alchimisten und für die Stallknechte. Schließlich, als wirklich keine Arbeit mehr zu tun übrig blieb, trieb er sich beim Eiskremverkäufer herum und wartete darauf, die Reste aus dessen großen Bottich angeboten zu bekommen.

Endlich begann es dunkel zu werden. Franz wartete bis es Nacht wurde und machte sich dann auf den Weg. In der Dunkelheit fürchtete er sich noch mehr als sonst. Es gab keine Laternen, nur hier und da eine Fackel in einer Klammer an der Wand. Die Fackeln warfen Schatten und die Schatten hüpften und tanzten. Häuser sprangen hervor, wie schroffe Klippen. Stimmen flüsterten und murmelten. Irgendwo kicherte leise ein Zwerg. Schritte klapperten ihm hinterher.

Franz fing an zu rennen, und er rannte schneller und schneller, bis er wieder zurück in die Gasse kam. Dann machte er halt und spähte um sich. Kein Dikkle. Kein Morgenstern.

Franz flitzte die Gasse hinunter und klopfte. Grinwiss ließ ihn ein. Im Zimmer schaute Franz sich suchend um. Wo war das Abradizil?

»Ich weiß jetzt, warum ich den Tick-it-Boy nicht ausstehen kann.«, sagte Esculapius. »Er ist eine Memme!«

»Bin ich das?«, fragte Franz, der nicht wußte, was das hieß.

»Bist du.«, sagte Esculapius. »Eine Memme und verweichlicht und außerdem ein Pickelgesicht. Du ißt zu viele Würstchen.«

»Ich glaube nicht, daß ich das tue.«, sagte Franz.

»Seid ruhig!«, sagte Grinwiss. Er schaute in ein Buch.

Doch Franz hielt es einfach nicht mehr aus. »Aber wo ist denn das Abradizil?«, rief er.

Grinwiss zeigte auf das Fensterbrett. Die Glaskugel voll Schlamm war verschwunden. Ein kleines Glasröhrchen stand an ihrer Stelle. Franz sah es sich an. Es war mit braunem Wasser gefüllt. Und darin schwamm eine Kaulquappe. Eine sehr kleine Kaulquappe.

Franz war schrecklich enttäuscht. Er wünschte sich, er wäre wieder bei Hubert.

»Überhaupt nicht schiefgegangen, soweit ich sagen kann.«, sagte Grinwiss, der immer noch in seinem Buch las.

»Das ist ein Abradizil?«, fragte Franz mit seiner trübsten Stimme.

Grinwiss sah auf und blickte ihn an. Dann kam er herüber. »Laß mich dir etwas über Abradizils erzählen.«, sagte er und schubste Franz in einen Sessel. »Unsere Leute sind anders.«, sagte Grinwiss. »Diejenigen, die in diesem Teil der Stadt leben, meine ich. Du mußt das bemerkt haben.« Franz nickte. »Wir sind schon genau so lange hier wie die anderen.«, sagte Grinwiss. »Aber einst sind wir von fremden Orten hierher gekommen, und wir hatten Kenntnisse von seltsamen und geheimen Dingen.«

Er machte eine Pause.

»Magie!«, sagte er. »Ein bißchen merkwürdige Magie manchmal, aber auch die beste Art davon. Wenige von uns sind jetzt noch richtige Magier. Doch früher waren es viele. Sie haben große Dinge vollbracht und sie in Büchern beschrieben. Und sie haben entdeckt, wie man Abradizils macht.«

»Und Sie haben die Bücher gelesen und herausgefunden wie Sie selbst eins machen können.«, sagte Franz.

»Ja.«, sagte Grinwiss. »Das erste Abradizil seit vielen Zeitaltern. Und nur ich war dazu fähig. Wallenstein, zum Beispiel, hah Wallenstein...«

»Aber was ist ein Abradizil?«, fragte Franz.

Grinwiss zeigte auf das Röhrchen. »Dieses kleine Geschöpf wird sehr schnell wachsen. Morgen Abend wird es seine volle Größe erreicht haben.«

»Und was wird es dann sein ?«, fragte Franz. »Eine Riesenkaulquappe?«

»Ein Held!«, sagte Grinwiss.

»Deshalb brauche ich dich ja. Du mußt das Abradizil zu Wallenstein bringen. Ich bin zu alt dazu. Aber Wallenstein wird mit Hilfe des Abradizils unseren Plan ausführen.«

»Was denn für einen Plan?«, fragte Franz.

»Einige von uns wollen die Stadt von Horg befreien. Für uns selbst und natürlich für die anderen auch. Für Jeden. Dann werden wir alle glücklich sein und friedlich zusammen leben können. Das Abradizil wird uns dabei helfen.«

BUMMBANGBUMMBUMMBANGBANGBUMBUMMBANGBUMM!

Es klang, als ob ein Wirbelsturm unten an der Tür rüttelte. Franz rannte zum Fenster und schaute hinaus. Aber es war gar kein Wirbelsturm. Viel schlimmer als das.

Es war Morgenstern mit einigen sehr brutal aussehenden Männern.

Dikkle war auch da und brüllte Befehle. Sie brachen in das Haus ein!

impressum © Andrew Gibson 1990 / übersetzt von kadabra1993

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