Das Abradizil

von Andrew Gibson

3. Kapitel

»Es sind Dikkle und Morgenstern.«, sagte Franz.

Grinwiss kam zum Fenster.

»Geheimpolizei!«, sagte er.

»Heute morgen haben sie mich angehalten.«, sagte Franz. Sie wollten etwas über Sie herausfinden, aber ich habe ihnen nichts gesagt.«

»Du mußt sofort gehen.«, sagte Grinwiss. »Nimm die Treppe und geh’ über’s Dach.«

»Aber wo soll ich denn hingehen?«, schrie Franz.

»Esculapius wird es dir zeigen.«, sagte Grinwiss.

Franz und der Papagei warfen sich einen Blick zu.

»Huh.«, sagte Esculapius.

Grinwiss schnappte das Abradizil und gab es Franz, und Franz steckte es unter sein Hemd.

Darauf zerrte Grinwiss ihn durch die Tür und scheuchte ihn die Treppe hinauf. Esculapius flog laut krächzend voran. Von unten kamen Schreie und das Geräusch von splitterndem Holz. Die Treppe war eng, gewunden und steil. Grinwiss fing an zu keuchen. Dann fiel er zurück. »Weiter Junge!«, rief er. Folge dem Papagei, so schnell wie du kannst!« Franz kletterte mühsam weiter, bis er einen Absatz und eine schäbige, kleine Tür erreichte. Er drückte die Klinke herunter.

Die Tür bewegte sich nicht.

Er versuchte es noch einmal. Dann hörte er Triumphgebrüll. Unten hatten sie die Tür eingeschlagen. Sie stürmten das Haus! »Darf ich annehmen«, sagte Esculapius hochmütig, »daß dein kleines bißchen Stärke dich bereits beim ersten Hindernis verläßt?« Franz versuchte es wieder. Ohne Erfolg. Verzweifelt ließ er den Kopf sinken. Plötzlich, langsam und geräuschlos, öffnete sich die Tür von allein. Sie traten auf’s Dach hinaus. Es war wunderbar. Keine Wolke war mehr zu sehen, und der Himmel war voller Sterne. Außerdem schien der Vollmond. Alles übergoß er mit einem weißen Glanz. Ein silbernes Band durchschnitt den Fluß. Die Türme, Türmchen und Kuppeln stachen gegen den Mond ab, wie große, eigenartige Pflanzen, die über Nacht gewachsen waren. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses erhob sich eine riesige, dunkle, massige Festung. Das war Horgs Zitadelle.

Franz wendete sich ab. Wir müssen uns beeilen.«, sagte er.

Esculapius krächzte höhnisch. »Vielleicht möchtest du doch lieber erst ein Bild davon malen.«, sagte er.

Franz begann über das abfallende Holz zu klettern. Es war moosig und feucht, und einer seiner Füße rutschte weg. Er sah auf die Straße unter ihnen hinab. Sofort drehte sich ihm der Magen um.

»Ende eines Tick-it-Boys.«, sagte Esculapius düster.

»Nein das ist es nicht!«, sagte Franz, hielt sich fester und schob sich weiter voran. Zwischen seinem Dach und dem von nebenan klaffte eine Lücke. Er schluckte und sprang. Dann krabbelte er weiter, sprang wieder, krabbelte - und so weiter, bis er zum letzten Haus in der Reihe kam.

Das nächste Gebäude war kein Haus. Es war ein Palast mit vielen Fenstern, alle von ihnen dunkel.

An seiner Seite befand sich ein Sims, nur ein kleines Stückchen entfernt; und darauf stand eine Reihe schwarzer Steinfiguren.

Franz schloß die Augen, zählte bis drei und sprang.

Seine Füße schlugen gegen Stein. Er stolperte, fiel aber nicht. Esculapius flatterte herab und ließ sich auf seiner Schulter nieder. So krochen sie das Sims entlang, immer wieder nervös zu den Statuen aufspähend. Es waren alles Figuren merkwürdiger alter Männer, in seltsamer altmodischer Kleidung. Finster dreinschauend oder zähnefletschend vor Wut, lehnten sie sich hinaus in die Dunkelheit. Sie drohten mit ihren Fingern oder stießen sie in die Luft, als ob sie versuchten, die Stadt zu warnen. Plötzlich machte eine der Statuen eine kleine Bewegung.

»Wie außergewöhnlich!«, murmelte sie. »Ein Junge.«

Sie war nicht wie die anderen Figuren. Nein! Es war überhaupt keine Statue. Ein großer, magerer Mann war es, ganz in Schwarz gekleidet. Langsam schlenderte er auf sie zu, beugte sich hinunter und betrachtete sie prüfend. Dann lächelte er dünn.

»Ein Junge«, murmelte er, »Und ein Papagei. So so. Sicherlich nichts Gutes im Sinn.«, sagte er. »Etwas Geheimes vielleicht?«

Esculapius kreischte vor Furcht auf und verschwand.

»Dein Papagei hat dich im Stich gelassen.«, bemerkte der Mann und gab Franz einen tröstenden Klaps auf den Arm. »Nun bist du ohne Freunde, nicht wahr? Du Armer. Und ganz allein.«

Das letzte Wort betonte er auf eine sehr merkwürdige Weise.

»Ja, Sir, ich habe mich verirrt.«, sagte Franz. »Ich bin ein Ticket-Boy, Sir.«, fügte er hinzu, als ob das die Umstände irgendwie erklären würde.

»Also bist du vermutlich gerade dabei, einer Statue ein Ticket zu liefern?«, sagte der Mann. »Wie bezaubernd.«, sagte er und schob langsam einen Finger zwischen seine Zähne. Er hatte sehr weiße Zähne. »Ich komme oft hierher, allein. Natürlich immer bei Nacht.«

Seine Stimme war irgendwie gleichgültig und melancholisch - aber auch streng und belustigt. Irgendwie klang sie nach vielen Dingen; und nach allen zur gleichen Zeit.

»Warum?«, fragte Franz und kam sich dabei ziemlich mutig vor.

»Ich schaue auf die Stadt herab.«, sagte der Mann mit einem Gähnen. »Ich beobachte, wie sich der Fluß dem Meer entgegen windet. Außerdem lausche ich der Stille.«

Franz war verwirrt. »Wie meinen Sie das?«, fragte er.

»Die Stadt gehört mir.«, sagte der Mann. »Doch ziehe ich es vor, mein Reich bei Nacht zu inspizieren, wenn die Straßen still und alle Leute fort sind.«

»Sind Sie Horg?«, fragte Franz. Denn er hatte Horg noch nie zuvor gesehen.

»Du glaubst, dies alles gehört Horg?«, sagte der Mann mit einem Lachen und einer verächtlichen Handbewegung. »Es gehört Horg nur, weil es mich langweilen und anstrengen würde, mein Eigentum offiziell zu beanspruchen. Kannst du dir etwas Lästigeres vorstellen, als eine Stadt zu regieren ?«

Franz schüttelte feierlich den Kopf.

»Genau!«, sagte der Mann. »Nein ich überlasse das Horg nur zu gerne. Nicht jedoch das blaue Juwel. Ich habe beschlossen, daß ich es trotz allem haben will. Noch ist Horg in seinem Besitz. Bis jetzt habe ich es noch nicht gefunden, aber es wird nicht mehr lange dauern.«

»Wer sind Sie dann ?«, fragte Franz.

Der Mann sah ihm ins Gesicht. Er hatte eine sehr blasse Haut und große, dunkle Augen, und sein Lächeln war gleichzeitig bitter und weich. »Graf Ferencz.«, sagte er. »Ein Magier, falls du noch nichts von mir gehört haben solltest. Der Mächtigste von Allen. Mit Abstand!«

»Mächtiger als Wallenstein?«; fragte Franz. Er dachte, er sollte zeigen, daß er wenigstens einen Namen kannte.

»Wallenstein!«, sagte der Mann, und er lachte, sehr laut und sehr lange. »Nun erzähl’ mir schon, was dich hierher führt. Ich habe selten Gelegenheit mich mit einem Jungen zu unterhalten. - Oder mit überhaupt irgendjemandem.«, fügte er mit einem kühlen Lächeln hinzu.

Franz fing sofort an, irgendeine Geschichte zu erfinden und öffnete seinen Mund um loszulegen. Aber Ferencz wendete sich ab, als ob er bereits ermüdet und Franz’ Antwort ihm gleichgültig sei, wie sie auch lauten mochte, »Deinen Eltern davongelaufen, vermute ich.«, sagte er - »Oder dabei, irgend ein albernes Spiel zu spielen. - Aber hör’ zu!« Er beugte sich flüchtig herab und kniff Franz ins Ohr. »Ich werde dich von hier oben beobachten, wo immer du auch hingehst.«, zischte er. »Nichts wirst du vor mir verbergen können!« Dann tätschelte er Franz den Kopf. »Nun geh’, süße Träume wünsche ich dir, falls es dir noch gelingt welche zu haben.«

Franz schob sich langsam aus seinem Blickfeld und kroch davon, an das Ende des Simses. Als er dort angekommen war, drehte er sich noch einmal um und schaute zurück. Ferencz schien ihn bereits wieder vergessen zu haben. Er stand einfach da, am Rande des Simses, mit verschränkten Armen und einem steinernen Ausdruck auf dem Gesicht. Das Sims senkte sich zu einem anderen Dach herab, und von dort führte eine kleine, gewundene Treppe zum Boden.

Die Straßen unten waren verlassen. Franz fragte sich gerade, was er jetzt tun sollte, da kam Esculapius zurückgeflattert und setzte sich wieder auf seine Schulter.

»Du hast mich im Stich gelassen!«, sagte Franz vorwurfsvoll.«

»«Papageien opfern sich nicht für Tick-it-Boys.«, sagte Esculapius.

»Weißt du, wer das war?«, fragte Franz.

»Ferencz.«, sagte Esculapius.

»Und du hast mich mit ihm alleine gelassen?«, sagte Franz.

»Papageien retten Tick-it-Boys auch nicht vor Graf Ferencz!«, sagte Esculapius.

Sie eilten durch die fackelbeschienenen Straßen davon. Unter einer der Fackeln hielt Franz einen Moment an, nahm das Röhrchen aus seinem Hemd und hielt ans Licht. »Es wächst.«, sagte er ängstlich. »Bald wird es zu groß für das Röhrchen sein.«

Sie rannten bis zum Ende der Straße und standen auf dem Marktplatz. Leer, verlassen, mondbeschienen und kalt lag er vor ihnen. Die Mauern der Paläste waren glatt und hart. Über ihnen ragten drohend die Turmspitzen der riesigen, schwarzen Kirche auf, wie die Hörner eines ungeheuren Teufels. Vorsichtig begann Franz über den Platz zu schleichen. Als er ungefähr die Hälfte überquert hatte, hörte er Rufe.

Aus einer Ecke kamen Männer hervorgestürzt und verfolgten ihn. Es waren Dikkle und Morgenstern mit den anderen Scheusalen.

Franz rannte auf eine andere Ecke des Platzes zu. Er erreichte sie, bog in eine Seitenstraße ein, sah eine enge, kleine Gasse und tauchte darin unter. Füße trappelten laut über das Kopfsteinpflaster hinter ihm. Da streckte sich eine Hand aus einer Mauer.

»Hier herein.«, rief eine Stimme.

Eine kleine Gestalt winkte ihn heran. Franz folgte ihr in eine Türöffnung, einen Flur entlang, in einen Raum mit einem Tisch mitten darin und einer Kerze an der Wand. Er fand sich Angesicht zu Angesicht mit einem Mädchen wieder. Es war ein sehr kleines Mädchen. Sie war kleiner als Franz und außerdem ziemlich dreckig. Ihr Gesicht war schmutzig und ihr Haar zerzaust. Sie trug ein altes, dreckiges Hemd und schmuddelige Hosen. Die Sachen waren zerfetzt und zerrissen, aber sie hatte wunderschöne, glänzende Augen.

»Ich heiße Roberta.«, sagte sie. »Ist das ein Abenteuer? Kann ich mitmachen?«

Franz blickte nervös zur Tür.

»Keine Angst!«, sagte Roberta sofort. »Von draußen können sie gar nichts sehen.«

»Ich bin Franz.«, sagte Franz.

»Ein Tick-it-Boy.«, sagte Esculapius. »Ein ziemlich gewöhnlicher Beruf, wenn du mich fragst.«

»Wer war hinter dir her?«, fragte Roberta ganz aufgeregt . »Bist du ein Räuber?«

Franz schüttelte den Kopf.

»Wie schade.«, sagte Roberta. »Ich wollte schon immer mal mit einem Räuber befreundet sein.« Sie sah sehr enttäuscht aus.

»Die Geheimpolizei ist hinter mir her.«, sagte Franz.

»WIRKLICH?«, sagte Roberta und schwang frohlockend ihre Fäuste.

»Ich glaube, es ist, weil ich etwas ziemlich Wichtiges bei mir habe.«, sagte Franz. Dabei versuchte er gleichzeitig stolz und bescheiden zu klingen, und merkte, daß das gar nicht so einfach war.

»Was denn?«, fragte Roberta. »Erzähl’s mir.«

»Es ist ein Abradizil.«, sagte Franz. »Für Wallenstein:«

»Ein was?«, fragte Roberta.

»Ein Abradizil.«, sagte Franz lässig. »Bis jetzt ist es natürlich nur ein winziges Ding. Aber bald wird es zu einem Helden heranwachsen. Dann wird es die Stadt von Horg befreien. Du magst doch Horg nicht, oder?«

Roberta schüttelte den Kopf.

»Gut.«, sagte Franz. »Wenn wir es schaffen, das Abradizil zu Wallenstein zu bringen, werden sie Horg besiegen, und dann wirst du glücklicher sein und alle anderen auch.«

»Wirklich?«, sagte Roberta. »Das ist fein! Ich wäre gern glücklicher. Wer ist Wallenstein ?«

»Ein Magier.«, sagte Franz.

»Wo wohnt er?«

Esculapius sagte es ihr.

»Ich kenne eine Abkürzung zu Wallensteins Straße.«, sagte Roberta. »Auf diese Weise könnt ihr der Geheimpolizei aus dem Weg gehen. Ich werde sie euch zeigen, wenn ihr mir versprecht, daß ich mitmachen darf.«

»Aber das ist unser Abenteuer.«, sagte Franz.

»Und du bist - leider - noch nicht mal ein Tick-it-Boy.«, sagte Esculapius. »Du bist ein Mädchen.«

»Sonst schrei’ ich.«, sagte Roberta.

«Wie bitte?«, sagte Esculapius.

«Ich werde schreien und schreien.«, sagte Roberta. »Und dann wird die Geheimpolizei kommen und euch doch noch kriegen!«

»Komplette Erpressung!«, sagte Esculapius.

Er sah Franz an, und Franz sah ihn an. Esculapius zuckte die Flügel. »Zuerst ein Tick-it-Boy«, murrte er, »Und nun auch noch ein Mädchen. Die Sache wird langsam albern.«

»Na gut.«, sagte Franz.

Also zeigte Roberta ihnen den Weg, sie trippelte in ihren, kleinen, dreckigen, karierten Hosen voran. Dikkle und die anderen waren nirgends zu sehen. Sie überquerten einen Platz und dann einen anderen. Sie liefen unter Gewölben hindurch und unter Uhren, die sich knarrend über ihnen abmühten. Sie kamen an einem alten Mann vorbei, der in einem Torweg schlief; an einer alten Frau, die Papier aus der Gosse sammelte; einem Esel, der friedlich aus einem mondbeschienenen Trog soff. Und die ganze Zeit mußte Franz an Ferencz denken, der ihn beobachtete, wo immer er auch hinlief. Schließlich machten sie vor einer Tür halt.

»Das ist es.«, sagte Roberta.

»Das ist es tatsächlich!«, sagte Esculapius. »Der Tick-it-Boy hat uns ziemlich aufgehalten.«

Franz grabschte nach ihm, bekam ihn zu fassen und drückte zu. »Papagei!«, sagte Franz.

»Ja?«, antwortete Esculapius schwach.

»Ich glaube, ich werde dir jetzt den Hals umdrehen.«

»Ich würde es vorziehen, wenn du das unterließest.«, sagte Esculapius. »Am Ende könnte er verdreht bleiben.«

»Egal, ich werd’s trotzdem tun!«, sagte Franz und packte den Schnabel des Papageis.

Aber inzwischen hatte Roberta geklingelt und jemand hatte die Tür geöffnet.

impressum © Andrew Gibson 1990 / übersetzt von kadabra1993

Valid XHTML 1.0! Valid CSS!