Das Abradizil

von Andrew Gibson

4. Kapitel

Es war eine stämmige, kleine Gestalt mit einem finsteren, verzerrten Gesicht, Glupschaugen und sehr großen Ohren.

»Sind Sie Wallenstein?«, fragte Franz.

»Näh!«, sagte der Gnom. »Dworkin!«

Franz war darüber so erschrocken, daß er Esculapius losließ. Der Papagei flatterte davon und verschwand in der offenen Tür.

»Ich dachte, dies sei Wallenstein’s Haus?!«, sagte Franz.

»Is’ es auch.«, sagte Dworkin. »Un’ ich bin Dworkin, Wallensteins Diener.«

Roberta schlich sich an ihm vorbei. Sie verschwand ebenfalls.

»Darf ich hereinkommen?«, fragte Franz.

»Kommt d’rauf an.«, sagte Dworkin. »Wer biste?«

»Grinwiss hat mich geschickt.«, sagte Franz. »Ich habe das Abradizil mitgebracht.«

Dworkin starrte ihn an. Franz starrte zurück.

»Is’ das alles?«, sagte Dworkin schließlich. »Weil, das reicht nich’.«

»Das Abradizil!«, schrie Franz. »Es ist wichtig!«

»Pah!«, sagte Dworkin , und er zeigte geringschätzig ins Haus. »Er hat’s immer mit Abradeseln. Wart’s nur ab, sacht er. Grinwiss wird’n Abradesel machen. Dann werden wer’s tun, sacht er.«

»Was tun?«, fragte Franz.

»Das blaue Juwel holen. Un’ ich sach: Ich weiß wo’s Juwel is’. Holen wer’s gleich!«

»Warum will bloß jeder dieses blaue Juwel? Ferencz hat auch gesagt, er wolle es haben.«

»Was meinste mit ‘Ferencz’?, sagte Dworkin in einem schärferen Ton.

»Ich habe ihn heute nacht auf den Dächern getroffen.«, sagte Franz. »Ich meine ... er hat mich angehalten, weißt du? Und er sagte, er würde mich die ganze Zeit beobachten.«

»Warum kommste denn nich’ endlich rein?«, schrie Dworkin, und er zerrte Franz ins Haus und schlug die Türe zu.

»Was hat das alles zu bedeuten, Dworkin?«, sagte eine Stimme.

Sie gehörte einem großen, weißhaarigen, bebrillten Mann. Er hatte ein mildes, freundliches, leicht verrücktes Gesicht, und er trug einen langen, braunen Talar. Esculapius saß auf seinem Handgelenk.

»Ha’m das Abradesel, Wallenstein.«, sagte Dworkin. »Grinwiss hat’n Abradesel gemacht.«, und Dworkin spuckte aus, um zu zeigen, was er von Abradeseln hielt.

Wallenstein jedoch war ganz aufgeregt. Er scheuchte sie in ein Zimmer, das ein bißchen wie das von Grinwiss aussah, mit Büchern und Reagenzgläsern und Apparaturen und Ähnlichem. Roberta war schon da, sie saß bequem in einem großen, weichen Sessel.

Wallenstein streckte seine Hand aus.

»Zeig es mir, bitte.«, sagte er.

Franz gab ihm das Röhrchen. Wallenstein nahm es und spähte hinein.

Es war still.

Dann: »Ich habe solange darauf gewartet!«, sagte Wallenstein.

Dworkin schnaubte.

»Dreißig Jahre, um genau zu sein.«, sagte Wallenstein, indem er das Glasröhrchen inspizierte.

»Es gab Zeiten, in denen ich fast verzweifelt wäre. Aber morgen werden wir endlich einen Helden haben. Einen Retter! Bis morgen abend wird er seine volle Größe erreicht haben. Morgen abend werden wir die Zitadelle angreifen!«

Und Wallenstein hüpfte vor Freude im Zimmer herum und warf seine Beine dabei ganz hoch in die Luft.

»Sieht aus wie ‘ne Schnecke!«, sagte Dworkin.

Wallenstein hörte auf zu hüpfen.

»Es ist keine Schnecke.«, sagte er.

»Sieht aber wie eine aus.«, sagte Dworkin.

»Es sieht einer Schnecke überhaupt nicht ähnlich!«, sagte Wallenstein.

»Irgendwas ... Klebriges.«, sagte Dworkin.

Doch Wallenstein kümmerte sich nicht länger um ihn und trug das Röhrchen in ein anderes Zimmer. Dann ging er zu einem Regal und fand eine Kristallschale. Er polsterte sie mit Federn aus und stellte die Schale auf einen niedrigen Tisch in der Mitte des Raumes. Er befreite das Wesen aus seinem Glasröhrchen und ließ es sanft in sein Bett herab. Darauf trat er zurück und neigte den Kopf.

»Es wird sehr schnell wachsen.«, sagte er.

Alle drängelten sich um den Tisch und spähten in die Schale.

»Vielleich’ doch mehr n’ Wurm, wie ‘ne Schnecke.«, sagte Dworkin mit heiserer Stimme.

»Es gleicht nicht im Entferntesten einem Wurm.«, sagte Wallenstein.

»Schau doch. Es hat winzige Hände. Winzige Füße.«

»Un’ auch ‘n winz’chen Verstand.«, murrte Dworkin.

Wallenstein versuchte nach ihm zu greifen. Dworkin floh nach nebenan.

»Du bist nur eifersüchtig!«, schrie Wallenstein.

»Binichnich!«, sagte Dworkins Stimme.

Wallenstein stürzte zur Tür.

»Wenn du dich nicht besser benimmst,« brüllte er »werde ich dir verbieten, am Angriff auf die Zitadelle teilzunehmen!«

»Verbieten?«, kreischte es zurück.

»WER weiß wo das Juwel is’? ICH. WER weiß wie man’s finden kann? ICH. ICH. Dworkin. Un’ nich irgendein Abrablödesel!«

Plötzlich stürzte er sich auf Wallenstein und rammte ihm den Kopf so fest in den Bauch, daß Wallenstein umfiel.

»Stimmt!«, sagte dieser vom Fußboden aus. »Wir brauchen dich. Verzeih mir. Nichtsdestotrotz sieht das Abradizil überhaupt nicht aus wie ein Wurm.«

Dworkin gab ein schreckliches Stöhnen von sich und zog sich wieder in das andere Zimmer zurück.

Wallenstein rappelte sich auf, rieb seinen Rücken und sah leidend aus.

Franz starrte in die Schale. Nein, das Abradizil sah nicht aus wie ein Wurm oder wie eine Schnecke. Allerdings ähnelte es auch keinem normalen Baby, das Franz je gesehen hatte. Waren dies seine Arme und Beine? Und was für eine komische Haut. Wie Gummi!

Dworkin kam zurück ins Zimmer geschossen. Sein Gesicht war vor Wut rot angelaufen.

»Mr. Wallenstein?«, sagte Roberta.

»Ja?«

»Was ist denn das blaue Juwel?«

Wallenstein führte sie aus dem Zimmer und schloß vorsichtig die Tür. Dann setzte er sich in seinen großen, weichen Sessel. Esculapius ließ sich auf einer Lehne nieder. Franz und Roberta standen davor, und Dworkin kauerte sich in eine Ecke grollte.

»Ihr scheint die Geschichte eurer eigenen Stadt nicht zu kennen.«, sagte Wallenstein.

»Ich schon!«, knurrte Dworkin.

»Dich, Dworkin, natürlich ausgenommen.«, sagte Wallenstein.

»Danke.«, sagte Dworkin. »Abradeseln«, fügte er hinzu, »wissen NIX über GARNIX!«

»Vor vielen Zeitaltern«, sagte Wallenstein, »kam eine Prinzessin hierher.«

»Huh.«, sagte Dworkin. »BLÖDSINN.«, grummelte er.

»Zu der Zeit gab es noch keine Stadt. Nur den Fluß und die Wälder. Die Prinzessin war sehr weit gereist. Sie war erhitzt, durstig und müde. Daher beugte sie sich über den Fluß um zu trinken, und als sie trank, erschien eine Gestalt.«

»Es war n’ Abradesel.«, sagte Dworkin. »Aber die Prinzessin hielt es für ‘ne Wasserschlange.«

»Es war ein Mann in bäuerlicher Kleidung«, sagte Wallenstein »und er hatte in großes, blaues Juwel in der Hand. Er sagte, das Juwel sei ein Geschenk des Flusses und sie solle hier eine Stadt gründen. Wer auch immer das Juwel besäße, sagte er, würde über die Stadt herrschen. - Nun, natürlich heiratete die Prinzessin den Bauern.«

»Sie tat was?«, fragte Esculapius.

»Sie heiratete den Bauern.«, sagte Wallenstein.

»Sind sie sicher?«, fragte Esculapius.

Wallenstein nickte.

»Wie furchtbar einfallslos von ihr!«, sagte Esculapius. »Diese Frau war verblendet und ... außerdem ein SPATZENHIRN!«

»Sie hatten einen Sohn.«, sagte Wallenstein. »Er erbte das blaue Juwel und herrschte über die Stadt, bis zu seinem Tod. Dann regierte seine Tochter, und so weiter und so weiter und weiter bis...«

»Horg.«, sagte Roberta.

»Horg.«, sagte Wallenstein. »Du hast recht. Natürlich gehörte ihm das Juwel nicht, aber er hat es gestohlen und seitdem regiert er die Stadt.«

»Und bis jetzt konnte ihn niemand aufhalten.«, sagte Franz.

»Aber wir wer’n ihn aufhalten.«, sagte Dworkin.

»Wie denn?«, fragte Roberta.

»Wir wer’n das blaue Juwel stehlen. Weil ich weiß wo’s is’.«

»Du?«, sagte Roberta. »Du weißt es, wirklich?«

»ICH!«, brüllte Dworkin. »Ja, ich weiß es wirklich, so isses!«

»Ja.«, sagte Wallenstein.

»ICH!«, kreischte Dworkin in einem neuen Wutanfall, sprang aus seiner Ecke hervor und rannte im Zimmer herum.

»Er hat in der Zitadelle gearbeitet.«, sagte Wallenstein.

»Ich werd’ der Held dieser Expedition sein!«, schrie Dworkin.

»Und dabei hat er herausgefunden, wo Horg das Juwel aufbewahrt.«

»ICH!«, donnerte Dworkin wieder. »Nicht irgend so’n ABRADEEESEL!«

Abrupt hielt er vor Wallenstein inne und warf ihm böse Blicke zu. Wallenstein musterte ihn ausdruckslos.

»Also wird es eine Expedition geben.«, sagte Roberta.

»Morgen abend.«, sagte Wallenstein.

»Und ich geh’ auch mit!«, sagte Roberta.

»Wir werden die Zitadelle durch einen Geheimgang betreten.«

»Ich auch!«, sagte Roberta.

»Wir stehlen das blaue Juwel.«

»Ich auch!«, sagte Roberta.

»Dann entkommen wir, und die Stadt wird frei sein.«

»Ich auch!«, sagte Roberta wieder.

»Aber was ist mit Ferencz?«, fragte Franz.

Es war still.

»Was meinst du damit?«, sagte Wallenstein.

Franz beschrieb die Begegnung auf dem Sims.

»Er sagte, er will das Juwel?«, fragte Wallenstein.

Franz nickte.

»Das verstehe ich nicht.«, sagte Wallenstein.

»Wer ist Ferencz?«, fragte Roberta.

»Ein Magier.«, sagte Wallenstein. »Er lebt ganz allein in einem Schloß über der Stadt. Ferencz ist sehr böse. Aber auch sehr mächtig.«

»Genau das hat er auch gesagt.«, sagte Franz.

»Er könnte die Stadt regieren, wenn er das wollte.«, sagte Wallenstein. »Sogar ohne das Juwel. Doch bisher hat sich Ferencz nie für diese Dinge interessiert. Also weshalb will er das Juwel ausgerechnet jetzt?«

Franz schüttelte den Kopf.

»Aber wir werden das Abradizil haben.«, sagte Roberta. »Es wird sogar stärker sein als Ferencz.«

»Das hoffe ich.«, sagte Wallenstein. »Wie auch immer, morgen abend brechen wir auf.«

»Du kannst uns begleiten.«, sagte er zu Roberta.

»Du auch.«, zu Franz.

»Aber geht jetzt nach Hause und seht zu, daß ihr etwas Schlaf bekommt. Der Papagei kann bei mir bleiben. Kommt morgen abend wieder.«

Er begleitete sie aus der Tür und auf die Straße hinaus. Dort verabschiedeten sie sich und machten sich erneut auf den Weg durch die Stadt. Sie versuchten so vorsichtig und leise wie möglich zu sein. Überall konnte die Geheimpolizei lauern. Furchtsam spähten sie in die Dunkelheit und drückten sich an den Wänden entlang, aber es schien niemand in der Nähe zu sein.

»Ich gehe nicht nach Hause.«, sagte Franz schließlich. »Hubert wird mir verbieten wieder fortzugehen.«

»Du kannst bei mir bleiben, wenn Du willst.«, sagte Roberta.

»Werden denn deine Mama und dein Papa nichts dagegen haben?«

Roberta schüttelte den Kopf.

»Ich habe weder Mama noch Papa.«, sagte sie. »Ich wohne bei den Küchen. Ich bin ein Küchenmädchen.«

»Macht es Spaß?«, fragte Franz.

»Nein.«, sagte Roberta. »Es macht überhaupt keinen Spaß! Ich fege die Kartoffelschalen zusammen und scheuere die Suppenkessel aus. Lieber möchte ich Abenteuer erleben, jeden Tag.«

»Ich auch.«, sagte Franz.

Sie erreichten die Küchen und gingen auf Zehenspitzen zu Robertas kleinem Kämmerchen herauf. Roberta zeigte in eine Ecke und gab Franz eine Matte zum Schlafen.

»Ich habe auch keine Familie mehr.«, sagte Franz, als Roberta es sich für die Nacht gemütlich machte.

»Das ist schlimm!«, sagte Roberta. »Keine Eltern zu haben, meine ich. Vielleicht sollten wir uns trotzdem nicht allzu schlecht fühlen. Schließlich würden uns Eltern vermutlich daran hindern auf Expeditionen zu gehen. - Nun, was denkst du über Mr. Ferencz? Glaubst du, es gelingt ihm, das Juwel zu stehlen, bevor wir hinkommen ?«

»Graf Ferencz.«, sagte Franz. »Das kann ich wirklich nicht sagen. Er wäre dazu fähig.«

»Und was ist mit dem Abradizil? Wird es ein richtig großer Held werden ?«

»Ich glaub’ schon.«, sagte Franz. Er gähnte.

»Und Dworkin? Ob er wohl weiter so ungezogen ist, wie heute abend?«

Diesmal bekam sie keine Antwort. Franz war fest eingeschlafen.

Am nächsten Tag arbeiteten sie nicht. Dazu waren sie viel zu aufgeregt.

Franz hatte seine sechs Kronen von Grinwiss, also zogen sie statt dessen los, um sie auszugeben. Sie ritten auf Eseln den Fluß entlang. Sie verspachtelten große Platten voll Würstchen mit Klößen und verschiedene, riesige Eisbecher. Sie kauften sich Pfeifen, Luftschlangen und Puppen, beschlossen dann aber sie zurückzulassen. Roberta sagte, man nähme auf Abenteuer besser kein Spielzeug mit, denn dabei sei es nur im Weg. Als sie damit fertig waren, all das Geld auszugeben, kehrten sie in Robertas Kämmerchen zurück und erzählten sich Geschichten bis zum Einbruch der Nacht. Sobald es richtig dunkel war, gingen sie los.

Ernst und zielstrebig schritten sie durch die Straßen.

Als sie zu Wallensteins Haus zurückkamen, stand Dworkin in der Tür.

Er sah noch ärgerlicher aus als vorher.

»Sie wollen sich’s gerade anseh’n.«, grollte er.

Die Kinder gingen hinein und begrüßten Wallenstein aufs neue. Wallenstein war sehr aufgeregt - so aufgeregt, daß seine Knie gegeneinander klapperten und seine Nase bebte. Sie drängten sich um die Tür.

»Der Anlaß unserer Versammlung hier«, sagte Wallenstein, »ist ein Ereignis von großer Bedeutung.«

»Jo.«, sagte Dworkin. »Ihr werd’t gleich die größte Schnecke der Welt sehen!«

»Dies ist nicht die Zeit für Mißgunst oder Spott!«, sagte Wallenstein.

»Nun laßt uns doch endlich reingehen!«, sagte Roberta und stampfte mit dem Fuß auf.

Und so gingen sie hinein.

impressum © Andrew Gibson 1990 / übersetzt von kadabra1993

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