Das Abradizil

von Andrew Gibson

5. Kapitel

»HARRUMP HARRUUUH!!«

Etwas Absonderliches kam durchs Zimmer gepoltert, prallte gegen Franz und umarmte ihn fest. Dann umarmte es Roberta und Wallenstein auch. Es umarmte sogar Dworkin, zumindest solange, bis dieser versuchte, es auf den Kopf zu schlagen. Darauf rannte es fort, kletterte eine Wand hinauf, purzelbaumte wieder herunter und flitzte in die Mitte des Raumes. Dort tanzte es einen kleinen Tanz, drehte drei Pirouetten in der Luft und begrüßte sie abschließend alle mit einem Nicken und einer Verbeugung.

Das war ein merkwürdiges kleines Wesen - sehr merkwürdig, in der Tat.

Es war nicht größer als Franz. Seine Haare ähnelten ebenfalls denen von Franz, nur waren sie lang und zottig. Dick war es und kugelrund, aber seine Beine waren sehr dünn. Es hatte ein komisches, häßliches Gesicht, voller Falten, wie das eines neugeborenen Babys, aber mit lustigen, zwinkernden Augen und einer Nase wie eine Art Knallpilz.

Seine Haut war überall wie Gummi, schrumpelig und rauh, und um den Bauch trug es ein Stückchen Decke gewickelt.

Franz gaffte. Wallenstein auch. Sie gafften alle - bis auf Dworkin. Dworkin grinste.

»Was ist das?«, fragte Franz.

»Ich weiß es nicht genau!«, flüsterte Wallenstein.

»Seid vorsichtig!«

»Nau wer und was.«, schrie das Wesen. Dann lachte es johlend.

»Wie bitte?«, sagte Roberta.

»Nau weeeer und waaaas!«, sagte das Wesen wieder. Es beäugte sie schlau, blinzelte dabei und hustete.

»Blubbertanz’ gleich!«, sagte es und hopste für eine Weile auf einem Bein herum.

Wallenstein vergrub sein Gesicht in den Händen.

»Aber - das ist doch kein Abradizil!«, sagte Franz.

»Mehr wie so’ne Art ... hüpfender Ball auf Beinen.«, sagte Dworkin.

»Ich müde, nich’so müde.«, sagte das Wesen, hörte mit der Hopserei auf und fing sofort wieder an.

Plötzlich packte Wallenstein Franz und schüttelte ihn.

»Was ist passiert, aber von Anfang an!«, zischte er.

»Irgend etwas muß schiefgegangen sein!«

Auf einmal verstand Franz.

»Die Flüssigkeit hat einfach verrückt gespielt.«, sagte er. »Sie glühte sehr hell und breitete sich dann ziemlich schnell aus. Und Grinwiss hat gesagt, daß das Abradizil vielleicht verdorben sei.«

Wallenstein barg wieder sein Gesicht in den Händen.

»Jetzt wird es keine Expedition geben.«, sagte er. »Wir können nicht mehr weiter machen. Ich fürchte, dies ist das Ende.«

Das Wesen kam zu ihnen herüber.

»Hende.«, sagte es sanft. »Is Hende.«

»Ende«, sagte Esculapius. »Das Wort heißt ‘Ende’, weißt du?« Wallenstein hob den Kopf und sah das Abradizil an.

»Verschwinde!«, schrie er. »Du elender, kleiner Hochstapler!«

Das Abradizil sprang erschrocken davon. Es huschte durchs Zimmer und krabbelte wieder die Wand hoch. Oben duckte es sich in eine Ecke und hing dort irgendwie an seinen Händen und Füßen.

»BETRÜGER!«, donnerte Wallenstein, rasend vor Wut.

»Trüger.«, sagte das Abradizil und ein fragender Ausdruck glitt über sein Gesicht, als ob es den Geschmack des Wortes prüfte.

»Ein Held?«, schrie Wallenstein. »Es kann noch nicht einmal richtig sprechen!«

»Brechen.«, sagte das Abradizil. »Brechen. Haha. Hende. Oh, Hendee.«

»Aber wir können trotzdem mit dem Angriff weitermachen.«, sagte Dworkin.

Wallenstein schien nichts zu hören. Dworkin starrte ihn böse an.

»Er hört nich’ zu.«, sagte er scheinbar in die Luft. »Das Abradizil entpuppt sich als Niete, also is’ er nu’ ganz verdreht un’ hört nich’ zu, wennste mit ihm redest.«

»Ach halt die Klappe, Dworkin!«, sagte Wallenstein.

»Happe, Orkin!«, sagte das Abradizil.

»Du hältst selbst die Klappe!«, schrie Dworkin. »Du unnützes, kleines Monster!«

»Monster, vielleicht.«, sagte das Abradizil. »Doch auf keinen Fall völlig nutzlos.«

Alle starrten es an.

»Aber ... du kannst ja richtig sprechen.«, sagte Roberta.

»Es hat den Anschein.«, sagte das Abradizil, kletterte die Wand hinunter und stand wieder auf seinen Füßen.

»Ich sehe, daß euch dies überrascht. Mich überrascht es auch. Doch das tut nichts zur Sache. Ich wage zu behaupten, daß es ohnehin nur bei seltenen Gelegenheiten vorkommen wird. Es scheint, daß ich immer so etwas wie eine unbekannte Größe sein werde.«

»Aber wie hast du überhaupt sprechen gelernt?«

»Das kann ich wirklich nicht genau sagen.«, antwortete das Abradizil. »Doch wäre es möglich, daß ich manche Dinge aus der Atmosphäre aufnehme, die mich umgibt. Worte eingeschlossen.«

Dworkin wendete sich wieder Wallenstein zu.

»Wir können trotzdem mit dem Angriff weitermachen.«, sagte er.

»Wir haben doch keinen Helden mehr.«, sagte Wallenstein. »Jetzt wird uns niemand vor der Geheimpolizei beschützen.«

»Ich werde kämpfen, Mr. Wallenstein.«, sagte Roberta.

»Ich auch.«, sagte Franz.

»Aha.«, sagte Esculapius. »Der Tick-it-Boy als Held.«

Er schlug verächtlich mit den Flügeln. »Das wird dann wirklich das Ende sein.«

»Hende.«, sagte das Abradizil. Es schien zu seinem vorherigen Selbst zurückgekehrt zu sein.«

»Blubberleg' mich gleich hin.«, sagte es und tat es auch. Dann hob es die Beine und streckte sie in die Luft.

Wallenstein sah Dworkin an.

»Vielleicht hast du recht.«, sagte er. »Wir haben solange gewartet. Wenn wir jetzt aufgeben, geben wir endgültig auf. Wir haben kaum eine Chance, aber vielleicht sollten wir es dennoch versuchen.«

»Un’ das da?«, fragte Dworkin, indem er auf das Häufchen auf dem Boden zeigte.

»Wir lassen es hier.«, sagte Wallenstein. »Natürlich mit Nahrung und Wasser!«, fügte er hinzu.

Dworkin lächelte ein sehr triumphierendes Lächeln.

»Ich werd’ dafür sorgen.«, sagte er und hastete davon.

Die anderen schlurften niedergeschlagen aus dem Zimmer. Das Abradizil hatte immer noch die Beine in der Luft und schien gar nicht wahrzunehmen, daß sie gingen.

Dworkin kam mit etwas zu Essen und zu Trinken zurück und Wallenstein schloß die Tür ab.

Und dann ... es war ein furchtbares Geräusch.

Da war Fußgetrappel hinter der Tür und der Griff bewegte sich auf und nieder. Die Klinke bewegte sich noch einmal und dann wieder und wieder, immer schneller. Darauf wurde an der Tür gerüttelt und geschüttelt. Heftige Schläge, Gehämmer und Tritte waren zu hören. Und schließlich ein langer, verzweifelter Schrei.

»Laßt es uns doch mitnehmen.«, sagte Franz. »Oh, Bitte!«

Wallenstein schüttelte den Kopf.

Roberta fing beinahe an zu weinen. Vor lauter Anstrengung es nicht zu tun, war ihr hartes, kleines Gesicht ganz zusammengezogen.

»Laßt es dann wenigstens heraus!«, sagte sie. »Immerhin kann es im Haus herumstreifen, solange wir nicht da sind.«

»Nein.«, sagte Wallenstein.

»Warum denn nicht?«

»Du hast doch gehört, was es gesagt hat. Eine unbekannte Größe. Weißt du ,was das heißt?«

»Nein, aber...«

»Es bedeutet«, sagte Wallenstein, »daß wir nie wissen würden, was es als nächstes täte.«

Das Gejammer hatte jetzt aufgehört. Hinter der Tür war es ruhig.

»Aber es ist doch ein gutmütiges Geschöpf.«, sagte Franz.

»Es ist unberechenbar!«, sagte Wallenstein.

»Es kann besser reden als jeder von uns.«, sagte Roberta.

»Wir brauchen keinen Redner!«, sagte Wallenstein.

»Es is’ verrückt.«, sagte Dworkin. »’n IDIOT! Laßt uns geh’n.«

»Also gut.«, sagte Wallenstein und sah auf einmal ganz munter aus. »Wo gehen wir hin, Dworkin? Wo ist der Geheimgang?«

»Unter’m Fluß.«, sagte Dworkin.

»Darunter?«, sagte Wallenstein.

»Du has’ nich’ gewußt, daß das geht.«, sagte Dworkin. »Aber es geht. Leute haben Tunnels gegraben, weißte? Vor Hunderten von Jahren war’s, bevor sie angefangen haben, die Brücken zu bauen, glaub’ ich. Einer der Tunnels führt zur Zitadelle. Direkt mittenrein. Un’ ich weiß, wie man ihn findet.« »Und die Geheimpolizei weiß es auch, nehme ich an.«, sagte Wallenstein.

»Egal.«, sagte Dworkin. »So müssen wer geh’n. - Es sei denn, ihr wollt schwimmen!«

»Lieber nicht.«, sagte Wallenstein.

Die Beiden gingen zur Vordertür, aber Franz und Roberta blieben zurück, und warfen einen letzten Blick auf die andere Tür.

Das Abradizil dahinter blieb ruhig. Kein Winseln, kein Weinen, kein Wort des Vorwurfs.

»Wegen des Abradizils habe ich eine Menge durchgemacht.«, sagte Franz.

»Und am Ende war alles umsonst.«

»Ich hab’ das Abradizil gemocht!«, sagte Roberta auf einmal.

Sie sagte es mit tapferer Stimme und trotzigem Blick.

»Ich mochte es lieber als Dworkin und auch Esculapius. Sogar noch lieber als Mr. Wallenstein.«

Franz nickte, so fest wie er konnte. Dann sahen sie einander in die Augen und stellten fest, daß sie sehr gute Freunde waren.

Draußen auf den Straßen war es finster und still. Dworkin führte sie zum Fluß hinunter und machte dann halt. Er sah sehr grimmig - aber auch sehr aufgeblasen aus.

»Es is’ nich’ nett in den Tunnels.«, sagte er. »Es is’ schleimig un’ schlüpfrig. Un’ außerdem gespenstisch.«

Esculapius sträubte sein Gefieder und zitterte.

»Tatsächlich«, sagte Dworkin, »is’ es ÜBERHAUPT nich’ nett. An die, die ein nettes Abenteuer wollen: GEHT NICHT WEITER!«

Er starrte die Kinder an. Es war klar, daß er sie meinte.

»Da sin’ Geräusche«, sagte er, »un’ sie sin’ furchterregend un’ seltsam. Überall tropft Wasser. Da sin’ Schatten un’ Dinge, die umherkriechen. Da sin’... »

»Mach nur weiter!«, sagte Wallenstein.

»Aber du wirs’ dich fürchten, Wallenstein!«, sagte Dworkin.

»Ich will dir nur erzählen, wie sehr du dich fürchten wirs’.«

»Ich werde mich nicht fürchten, Dworkin.«, sagte Wallenstein. »Ich bin ein Magier. Magier fürchten sich nicht vor Tunnels, weißt du?«

»Vielleich’ würden manche Magier sich nicht fürchten!«, sagte Dworkin. »Vielleich’ fürchtet Ferencz sich nicht. Aber ...«

»Hast du etwas an meinen Fähigkeiten auszusetzen, Dworkin?«, fragte Wallenstein und richtete sich ganz gerade auf.

»Näh!«, sagte Dworkin. »Ich weiß, was ich weiß. Das is’ alles.«

Sie gingen eine letzte, kleine Gasse hinunter und stiegen ein paar feuchte, unkrautüberwucherte Stufen hinab. In der Mauer am Ende der Stufen befand sich ein großes, eisernes Gitter. Es war rostig und schwarz vor Alter. Dworkin zog daran, es öffnete sich mit einem knarrenden Geräusch.

»Klettert rein!«, zischte Dworkin. »Un’ dann springt!«

Wallenstein kletterte und sprang. Die Nächste war Roberta. Franz wollte gerade folgen, als sich etwas bewegte. Zumindest dachte er, er habe sich etwas bewegen sehen. Nicht sehr weit weg, in der Dunkelheit.

Morgenstern!, sagte er zu sich selbst und dann - mit noch ängstlicherer Stimme - Ferencz! Aber es bewegte sich nichts mehr, und schließlich stieß Dworkin ihn hart vorwärts.

Er landete zunächst auf seinen Füßen. Aber seine Füße rutschten weg und so landete er auch noch auf seinem Hinterteil. Dworkin zog das Gitter zu und kletterte selbst hinab. Die anderen standen dort, bereit zum Aufbruch.

Sie gingen durch einen langen, ersten Tunnel. Nach einer Weile begannen weitere Gänge abzuzweigen.

Glücklicherweise hatte Dworkin ein paar Kerzen mitgebracht. Sonst gab es nämlich kein Licht. Über ihren Köpfen konnten sie den Fluß in das Wehr stürzen hören.

Außerdem waren da noch andere Geräusche, genau wie Dworkin gesagt hatte. Echos, Echos ihrer Schritte, ihrer Stimmen, anderer Töne, die ... sie wußten nicht woher ... kamen. Sie waren nicht besonders laut. Es klang, als ob eine Menge klagender Geister um sie herum sanft murmelte, als ob sich außerdem tausend Gespenster hier unten versammelt hätten.

So viele Gänge, soviel Dunkelheit, so viele wispernde Geräusche!

Hier würde sie niemand finden, sagte sich Franz.

Und dann merkte er, daß er sich geirrt hatte. Schritte kamen auf sie zu, trappelnd , schnell und laut. Es klang wie ein ganzer Polizeitrupp.

»Wohin jetzt?«, schrie Wallenstein.

»Wo kommen sie denn her?«, gellte Dworkin.

»Ich weiß es nicht! Man kann es nicht erkennen! Wendet euch nach rechts!«

Das taten sie. Es war genau die falsche Entscheidung!

Doch es waren weder Morgenstern noch Dikkle, den sie sahen. Es war das Abradizil.

Das Abradizil schaute sie erwartungsvoll an.

»Bin blubbergleich hergekommen.«, sagte es schließlich.

Dworkin vergaß sich.

»Du solltest aber nich’ blubbergleich herkommen!«, brüllte er. »Du solltest gefälligst blubbergleich zu Hause bleiben!«

»Wie bist du raus gekommen?«, fragte Roberta mit einem Lächeln.

»Hip, hop, hieft an.«, sagte das Abradizil. Was nun auch keine erschöpfende Auskunft war.

»Wie hast du uns gefunden?«, fragte Franz.

Aber das Abradizil antwortete nicht. Es setzte sich einfach hin und kratzte sich an der Nase.

»Ihr wißt, was zu tun ist.«, sagte Dworkin.

»Nein.«, sagte Franz.

»Wenn ich’s sach, dann rennt.«

»NEIN!«, sagte Roberta.

»Doch!«, sagte Wallenstein. »Oder die Expedition ist beendet.«

»JETZT!«, schrie Dworkin; und er und Wallenstein flitzten beide davon.

»NEIN!«, schrie Roberta. Dann sah sie Franz an und Franz sah sie an. Sie durften nicht alleine zurückbleiben, sonst wären sie für immer verloren. Sie warfen dem Abradizil noch einen letzten Blick zu und fingen dann auch an zu rennen. Beide waren sie den Tränen nahe und schrien ‘NEIN’, während sie liefen.

Dworkin hatte sich in einen kleinen, engen Gang geduckt. Franz und Roberta kauerten sich ebenfalls hinein. Schritte trappelten ihnen nach. Dworkin und Wallenstein tauchten noch tiefer in den Gang und die Kinder folgten ihnen. Das Geräusch der Schritte wurde schwächer. Dworkin erklomm ein par Stufen, huschte durch einen Durchgang und quetschte sich durch einen Spalt in der Mauer. Die anderen machten es ihm nach, und die Schritte hinter ihnen wurden noch leiser.

Schließlich verklangen sie ganz.

Sie hielten keuchend an.

»Du SCHUFT!«; zischte Roberta und blitzte Dworkin an.

»Ich hoffe, du wirst zermalmt!«, sagte Franz.

Aber Dworkin grinste nur und streckte ihnen die Zunge heraus. »Nu’ zu den wicht’chen Dingen.«, sagte er fröhlich, als sie sich wieder auf den Weg machten.

»Aber was sind das für wichtige Dinge?«, sagte eine Stimme.

»Das würden wir gerne wissen!«

Gestalten begannen sich aus dem Schatten der Wände zu lösen.

Eine von ihnen war klein, doch die meisten anderen waren groß und breit. Es waren Dikkle und Morgenstern und ihre Bande.

Sie trugen Keulen, Fesseln und Ketten und sie sahen sehr bedrohlich aus.

impressum © Andrew Gibson 1990 / übersetzt von kadabra1993

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