Das Abradizil

von Andrew Gibson

6. Kapitel

»Soll ich sie ZERMALMEN, Dikkle ?«, sagte Morgenstern.

»In einem Moment vielleicht!«, antwortete Dikkle, indem er Wallenstein ansah.

Die andren Scheusale warteten, schweigend und kettenschwingend.

»Wieso hast du eigentlich geglaubt, du würdest damit durchkommen, Wallenstein?«, sagte Dikkle. Wallenstein starrte stumm auf den Boden. Dikkle lachte hämisch auf.

»Niemand betritt die Zitadelle ohne Erlaubnis!«, sagte er.

»Das weißt du doch.«

Wallenstein sagte nichts.

»Du hast es noch nie zuvor versucht.«, sprach Dikkle weiter. »Doch jetzt hast du auf einmal beschlossen, es zu wagen, mit -» ,er zeigte auf Franz und die anderen und lachte, »solch armseliger Unterstützung. Woraus ich folgere, daß du mit Hilfe gerechnet hast. Aber von welcher Seite? Nun, wir haben Grinwiss nicht gefunden. Er hat sich vor uns versteckt. Allerdings war dieser Junge in seinem Haus und der Papagei auch. Also werden sie es uns erzählen, Wallenstein, wenn du dich weigerst!«

Morgenstern schob sich näher heran. Die anderen Scheusale auch.

»Und dann wäre da noch ein weiteres Rätsel zu lösen.«, sagte Dikkle.

Alle warteten.

»Weshalb wolltest du in die Zitadelle eindringen ? Ich nehme an, darauf gibt es nur eine Antwort. Du wolltest das Juwel stehlen! Doch wie konntest du nur daran glauben, daß es dir gelingen würde? Auch das kann ich beantworten. Einer von euch weiß, wo das Juwel ist. Das ist furchtbar! Es dürfte jemand sein, der sich in der Zitadelle auskennt. Laßt uns annehmen, ... jemand der dort einmal gearbeitet hat ... »

Plötzlich packte Morgenstern Dworkin im Genick, schnappte seine Füße und bog ihn durch, wie eine Stange.

Dworkin heulte auf.

»Blödsinn!«, kreischte er.

»Du bist ein SPION!«, rief Dikkle.

Morgenstern ließ Dworkins Genick los, hielt ihn an den Fersen hoch und schwang ihn vor und zurück. Einer der anderen griff sich Wallenstein und begann ihm die Kehle zuzudrücken.

Wallensteins Gesicht wurde rot und dann blau. Er gurgelte, schnaufte ein oder zweimal - und war still.

Roberta stieß Franz heimlich an und zeigte auf etwas. Sie starrten den Tunnel hinab in die Dunkelheit.

Da, halb im Schatten verborgen, war das Abradizil!

Das Abradizil stand ruhig auf seinen kleinen, spindeldürren Beinen. Es hatte einen Finger im Mund und beobachtete sie. Es sah sehr ärgerlich aus und runzelte die Stirn. Und dann begann es sich aufzublasen.

Es schwoll auf doppelte Größe an und mehr und noch mehr.

Außerdem wuchsen ihm zusätzliche Beine - fünf, sechs, sieben ...

Dann griff es an!

Es zog alle seine Beine ein und fing an zu rollen, schneller und schneller und immer schneller. Es rollte direkt auf Morgenstern zu und quetschte ihn gegen die Mauer. Morgenstern ließ Dworkin fallen und kreischte. Das Abradizil kullerte weiter und walzte das Scheusal nieder, das Wallenstein würgte. Darauf überrollte es Dikkle und die anderen Ungeheuer. Schließlich schrumpfte es wieder zusammen und kehrte zu seiner vorherigen Gestalt zurück.

Es spähte nach den Körpern auf dem Boden. Es kniff ein Auge zu und rümpfte die Nase.

»Hende!«, sagte es ernst.

»Hast du sie umgebracht?«, fragte Roberta.

Das Abradizil nickte.

»Umbacht.«, sagte es.

Dworkin stieß Morgenstern seinen Fuß in die Seite.

Dann sprang er zurück.

»s’ atmet!«, japste er.

Das Abradizil nickte wieder. »Umbacht!«, sagte es.

»Du hast s’e überhaupt nich’ umgebracht.«, sagte Dworkin. »Atmen heißt nich’ umgebracht. Atmen heißt absolut nich’- tot! Wissen Monster das nich’?«

»Wenn sie noch leben«, sagte Wallenstein, »sollten wir lieber gehen, jetzt sofort!«

Also rannten sie wieder los, durch weitere Tunnels und weitere.

Dikkle und die anderen waren bestimmt schon hinter ihnen her - grausam, zähnefletschend und nach Rache dürstend.

Franz war sich dessen ganz sicher. Als er sich jedoch umdrehte, schien sie niemand zu verfolgen.

Nach einer Weile hielt Dworkin an und zeigte auf einen Spalt in der Wand. »Dadrin’ werden s’e uns nich’ finden.«, sagte er.

Wallenstein kletterte hinein und Roberta auch.

Nur das Abradizil schien dazu nicht die geringste Lust zu haben.

Statt dessen schlug es draußen Kapriolen.

»Umbacht!«, krähte es.

»Gehrein!«, sagte Dworkin keuchend.

»Umbacht!«, schrie das Abradizil. »Ba, bumm baam, dann ... umbacht!«

Dworkin griff es beim Genick, zerrte es zu dem Spalt und versuchte es hineinzustoßen.

»Hende.«, sagte das Abradizil.

»Ich wer’ dich henden, du Monster!«, sagte Dworkin. »Ich hende dich hunmittelbar!« Und er schubste das Abradizil so fest, wie er konnte.

Franz folgte ihnen.

Innerhalb des Spalts waren Stufen und dann ein winziger Raum, wie eine Höhle. Es gab nicht genug Platz für alle. Roberta saß auf Wallensteins Schoß und Franz auf dem des Abradizils. Aber das Abradizil wollte nicht stillhalten, also setzten sie es vor die Tür und Franz setzte sich auf Dworkins Schoß anstatt.

»Was nun?«, sagte Esculapius.

»Was soll’n wer mit ihm machen?«, fragte Dworkin und zeigte auf das Abradizil.

»Anbinden und hierlassen.«, sagte Esculapius.

Roberta starrte sie entsetzt an.

»Wie meint ihr das?«, fragte sie.

»Fest verschnürt, sozusagen.«, sagte Esculapius.

»Ihr wollt es festbinden?«, sagte Roberta.

»Besser gesagt, es sorgfältig gefesselt zurücklassen.«, sagte Esculapius.

»Es hat uns alle gerettet«, sagte Roberta, »Und vor allen Dingen DICH«- zu Dworkin - »und es war einfach wunderbar und jetzt redet ihr davon, es festzubinden und zurückzulassen und ... und ... oh, und ich mag es und ihr seid einfach unerträglich!«

Und sie vergrub ihren Kopf in Wallensteins Talar und schluchzte.

Esculapius sah Dworkin an. Dworkin sah Esculapius an.

»Dämlicher Papagei!«, sagte Dworkin. »Du hast’s Mädchen zum Weinen gebracht.«

»Dämlicher Gnom!«, sagte Esculapius. »Dein häßliches Gesicht ist daran schuld!«

»Ich bin kein Gnom!«, sagte Dworkin.

»IHR SEID BEIDE DÄMLICH!«, schrie Franz.

Alle schauten auf.

»Wer war das?«, fragte Dworkin.

»Der Tick-it-Boy, glaube ich.«, sagte Esculapius.

»Oh Goooott.«, sagte Dworkin.

»Ihr wißt nie was es als Nächstes tun wird.«, schrie Franz. »Also denkt ihr, ihr könnt ihm nicht trauen. Aber ihr könnt! Denn, wenn es uns überrascht, wird es unsere Feinde doch noch viel mehr überraschen. Deshalb sollten wir es mitnehmen!«

»Es mitnehmen?«, sagte Dworkin.

»Ein perfektes Rezept für Katastrophen, würde ich sagen.«, murrte Esculapius.

Aber natürlich war es Wallenstein, der die Sache für sie entschied.

Er tätschelte Robertas Kopf.

»Der Junge hat recht.«, sagte er. »Das Abradizil mag sich wirklich als so etwas wie ein Hindernis erweisen, doch bis jetzt hat es uns geholfen. Im Moment können wir ihm ebensogut trauen.«

Dworkin sprang auf.

»Ich will nich’ mit’m Abradesel zur Zitadelle geh’n!«, schrie er.

Aber niemand schenkte ihm noch Beachtung, schon gar nicht das Abradizil. Es lag vor der Tür und streckte seine Beine in die Luft.

»Laßt uns weitergehen.«, sagte Wallenstein.

Dworkin sah wahnsinnig wütend aus, doch er führte sie aus dem Spalt hinaus und wieder den Tunnel entlang. Sie gingen einen zweiten Tunnel hinab und noch einen dritten. Dann standen sie vor einer Mauer.

»Hende.«, sagte das Abradizil.

»Wir sin’ da!«, sagte Dworkin mit erleichterter Stimme.

»Wo?«, fragte Esculapius.

»Auf der and’ren Seite des Flusses.«, sagte Dworkin. »Von hier aus steigen wir zur Zitadelle rauf.«

Da begann sich das Abradizil auf einmal zu strecken. Es wurde viel größer und auch dünner.

»Wir werden die Zitadelle mit unwiderstehlicher Gewalt einnehmen!« sagte es im Befehlston. »Dann, wenn sich alle ergeben haben, werden wir uns in den Besitz des blauen Juwels bringen und die Stadt mitsamt ihren Bewohnern befreien!«

Es war still.

»Biste fertig?«, fragte Dworkin.

»Hende!«, sagte das Abradizil prompt, schrumpfte wieder auf seine normale Größe und fing an, um sie herumzuhüpfen.

»Wie genau gehen wir von hier aus weiter?«, fragte Wallenstein.

»Wir geh’n nach rechts«, sagte Dworkin, »un’ dann steigen wir die Stufen rauf. Leise. Also DÜRFEN Abradeseln kein Geräusch machen. S’e DÜRFEN sich nich’ einfach in irgend so’ner dollen Weise strecken. Un’ s’e DÜRFEN auch nich’ irgend so’ne dollen, komischen Sachen sagen, nur weil s’es wollen!!«

Als Antwort machte das Abradizil einen Luftsprung und veranstaltete einen lustigen, kleinen Tanz.

»Ihr kennt die Halle in der Zitadelle?«, sagte Dworkin.

Sie nickten. Das war ein riesiges, altes, zugiges, düsteres Gebäude. Ein vorzeitlicher König hatte sie erbauen lassen. Vom anderen Ufer aus konnte man sie deutlich erkennen.

»Da is’ ‘ne Falltür im Boden.«, sagte Dworkin. »Die Stufen, die hier anfangen, führen direkt dorthin.«

»Wird da das Juwel aufbewahrt?«, fragte Wallenstein. »In der Halle?«

Dworkin schüttelte den Kopf.

»Wir klettern in die Halle hinein«, sagte er wichtig, »un’ dann geh’n wir ... aus der Halle hinaus.«

»Hinein.«, sagte Esculapius, »Und dann wieder hinaus. Wie originell!«

»Un’ dann », sagte Dworkin, »schleichen wer zur Stelle, wo das Juwel versteckt is’.«

Er führte sie zu der Treppe. Sie hatte hohe Stufen, für erwachsene Männer gemacht, und sie war schwer zu erklimmen.

Wallenstein kam gut zurecht, weil er so lange Beine hatte, aber Dworkin und die Kinder mußten klettern, so gut sie es konnten.

Das Abradizil machte große Sätze und hopste, fast wie ein Känguruh.

»Uuuuuuuuuuuuunhoooooooooooops!«, sagte das Abradizil.

Dworkin hielt sie an.

»Das Abradesel macht Lärm!«, sagte er so ruhig, wie er konnte. »Wen das Abradesel nich ‘ aufhört Lärm zu machen, sin’ wer im Eimer!«

Sie blieben stehen. Franz wußte genau, was Dworkin im Sinn hatte.

Er wollte das Abradizil zurückschicken.

Roberta ging zu dem Abradizil hinüber.

»Sei doch bitte leise!«, sagte sie. »Wir möchten dich ja bei uns haben, aber wir wollen auch sicher sein. Also sei still.«

Sie drückte einen Finger gegen ihre Lippen: »Pst!«

Das Abradizil tat dasselbe.

»PPPPSSSSSSSSSSSSSSSSSSTTTTTT!«, zischte es sehr laut.

Es war das lauteste ‘Pst!’, das Franz je gehört hatte.

Es klang mindestens so laut wie das Wehr.

Dworkin machte ein sehr böses Gesicht. Sogar Wallenstein sah ärgerlich aus. Roberta versuchte es noch einmal.

»Nein!«, sagte sie, »Psst. Pst.«

Endlich erfaßte das Abradizil den Sinn des Ganzen.

»Pssst.«, sagte es mit ganz kleiner Stimme.

Wallenstein und Dworkin warfen einander einen Blick zu.

»Genau!«, murrte Dworkin.

»Pssst!«, sagte das Abradizil.

»Weiter.«, sagte Dworkin.

»Pssst!«, sagte das Abradizil.

Sie gingen weiter. Das Abradizil hüpfte von Stufe zu Stufe und machte dabei jedesmal »Pssst!«. Es war mit sich selbst sehr zufrieden und grinste. Nach einer Weile wurden die Stufen schmaler und steiler.

Schließlich führten sie um eine Ecke und endeten direkt vor einer anderen Mauer. Dworkin zeigte an die Decke. Da war die Falltür, über ihnen.

Wallenstein reckte sich, drückte und stieß die Falltür auf. Er hob sie alle nacheinander durch die Öffnung, kletterte selbst hindurch und schob die Falltür wieder an ihren Platz.

Sie sahen sich um.

Die Halle lag fast ganz im Dunkel, aber in den Wänden waren ein paar große, breite Fenster angebracht und durch sie fiel ein wenig Licht.

Franz bremste und hielt den Atem an. Sie waren umzingelt!

Überall standen Männer, bewegungslos und stocksteif. Gesichter spähten nach ihnen von allen Seiten.

Einen Augenblick später stieß er die Luft erleichtert wieder aus.

Denn es waren gar keine Männer. Es waren Ritterrüstungen.

Und die Gesichter waren auch nicht echt. Sie gehörten zu Porträts, die an den Wänden hingen.

Bilder von großen, majestätischen Männern, mit grausamen Zügen und dicken Bärten, finster dreinschauend, die Gesichter von Königen und Feldherren, die alle seit langem tot waren.

Sie sahen aus, als ob sie es übelnahmen, daß man sie störte.

Roberta schauderte. »Wohin jetzt?«, fragte sie.

»Psst!«, sagte das Abradizil. Dann, ganz plötzlich, rannte es auf eine der Rüstungen zu und trat fest dagegen. Sie gab einen lauten Klang von sich, wie eine große Zinnglocke.

Das Abradizil machte einen Luftsprung.

»Psst!!«, sagte es und lief, so schnell es konnte, zurück.

»Kretin!«, zischte Dworkin.

Versteinert warteten sie darauf, daß jemand käme. Aber es kam niemand.

»Wir können weitergehen, denke ich.«, sagte Wallenstein.

»Aus der Tür«, sagte Dworkin, »un’ dann über’n Hof. - Leise! -«, fügte er mit einem giftigen Blick auf das Abradizil hinzu.

»Dann in’nen Palast. Folgt mir«

Sie taten, was man ihnen gesagt hatte.

impressum © Andrew Gibson 1990 / übersetzt von kadabra1993

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