Das Abradizil

von Andrew Gibson

7. Kapitel

Über ihnen ragten die Turmspitzen der Zitadelle auf. Der Himmel war klar und der Mond strahlend. Der Hof sah aus wie ein Becken voll Silber. Schleichend umrundeten sie ihn, indem sie sich im Schatten der Mauern hielten.

Um das Abradizil ruhig zu halten, nahmen Franz und Roberta es an seinen Armen in die Mitte. Das Abradizil rieb erst sein Gesicht an Robertas Arm. Dann rieb es sein Gesicht an dem von Franz und fing an zu summen. Darauf zerrte es fest an beiden Armen und sie bekamen am eigenen Leibe zu spüren, wie stark es sein konnte.

»Aua!«, sagte Franz, so leise wie möglich.

Sie kamen an eine Ecke, fanden einen Durchgang und ein großes, eisernes Tor. Hinter dem Tor war ein Weg und am Ende des Weges ein Gebäude.

»Der Palast.«, flüsterte Dworkin.

»Wie kommen wir da hinein?, fragte Roberta.

»Warum nicht einfach das Tor einschlagen?«, sagte Esculapius, »Und dabei den Tick-it-boy als Rammbock benutzen?«, fügte er hinzu.

»Um die Seite ‘rum«, sagte Dworkin, »Treppe ‘runter un’ durch die Küchentür. Kommt jetzt. BEEILT EUCH!«

Also beeilten sie sich.

Das Problem war nur, daß sich das Abradizil in die falsche Richtung beeilte, und Franz und Roberta mußten natürlich mit. »Halt!«, sagte Franz, er versuchte es nicht herauszuschreien.

»Ha ha.«, sagte das Abradizil und beeilte sich noch ein bißchen mehr als zuvor. Da entschlüpfte Roberta seinem Griff und lief zurück. Das Abradizil hielt an und machte kehrt. Es klemmte sich Franz unter einen Arm und jagte Roberta hinterher. Es fing sie, schnappte sie, klemmte sie sich unter den anderen Arm und rannte wieder zu Wallenstein.

»Ha ha.«, sagte das Abradizil.

»Du widernatürliche Kreatur!«, sagte Esculapius. »Du MUSRÜBE!«

»Bin nich’!«, sagte das Abradizil.

»ZURÜCKGEBLIEBEN biste!«, zischte Dworkin.

»Bin nich’!«, sagte das Abradizil. »Pssst!«

»Ich kann wirklich nicht weitergehen«, sagte Wallenstein, »wenn ihr euch weiter so zankt!«

Er schaute Dworkin und den Papagei böse an.

Sie sahen ein wenig beschämt aus.

»Oder ungezogen seid!«, sagte er und sah sie wieder an. Jetzt sahen sie noch ein bißchen beschämter aus.

»Oder herumalbert!« Er blickte Franz und Roberta an.

Die Kinder schauten sehr betreten drein, obwohl sie ja nun wirklich nicht daran schuld waren.

»Oder verrückte Sachen macht!«

Dabei sah er das Abradizil an und zwar so streng wie er konnte.

Doch das Abradizil sah überhaupt nicht beschämt aus. Eher so, als würde es pfeifen.

»Das hat’s mit Absicht gemacht!«, sagte Dworkin. »Todsicher!«

Sie fanden die Stufen, gingen hinunter und schlichen auf Zehenspitzen durch die Küchentür.

Eine Küche?, dachte Franz, als er sich umsah. Bestimmt nicht! Eher eine Folterkammer. Nun es war trotzdem eine Küche - aber eine Küche voller seltsamer Dinge, die im Dunkel noch unheimlicher aussahen. Von oben hingen Ketten und Haken herab. Ein Ofen gähnte weit, wie ein riesengroßer Rachen. Beile und Messer baumelten von den Wänden. Es gab einen sehr scharf aussehenden Bratspieß und einen gigantischen Kochtopf. Dann gab Franz ein Wimmern von sich und zitterte. Ein Gesicht starrte direkt in seines. Es war das Gesicht eines Schweines. Eines ziemlich toten Schweines. Das Schwein hing an seinen Füßen von der Decke herab. Es hatte eine borstige Schnauze und bösartige Schweineaugen. Franz beschloß, daß er das Schwein haßte. Er trat zurück.

Das Abradizil trat vor.

Das Abradizil lief auf das Schwein zu und rannte fest dagegen. Das Schwein schaukelte zurück und wieder vor. Es prallte gegen das Abradizil. Das Abradizil knuffte es in die Schnauze. Das Schwein schaukelte vor und wieder zurück und warf das Abradizil um. Das alles war furchtbar lustig. Zumindest dachte das Abradizil, es sei lustig. Es lag auf dem Boden und lachte. Dann stand es wieder auf, sprang das Schwein an und begann durch die Luft zu schwingen.

Franz und Roberta packten es mitten im Schwung, holten es herunter und scheuchten es davon.

»Hende.«, sagte das Abradizil traurig, als sie weiterliefen.

Es verdrehte den Kopf und blickte sehnsuchtsvoll und verzweifelt nach dem Schwein zurück.

Sie eilten weiter durch die Küche. Sie schlängelten sich an Bottichen, Körben, Kisten, Trögen und Stapeln und noch mehr Stapeln von Fässern vorbei. Sie schoben sich zwischen Bergen von Müll und Kehricht hindurch, und versuchten den Gestank zu ignorieren.

Dann hasteten sie mehrere Korridore entlang, immer auf näherkommende Schritte lauschend. Ihre Kerzen warfen Schatten an die Wand, und diese Schatten begleiteten sie hüpfend und tanzend.

Einer der Schatten tanzte wilder als die anderen, weil das Abradizil natürlich auch schon wieder tanzte.

Schließlich gelangten sie zu einer großen Eisentür inmitten einer großen, kahlen Mauer.

»Die Schatzkammer.«, sagte Dworkin. »Da is’ das Juwel bewahr’.«

»Es ist was?«, fragte Esculapius.

»Bewahr’!«, sagte Dworkin.

»Ah.«, sagte der Papagei, »Ich verstehe.«

Sie starrten die Tür an. Sehr massiv sah sie aus und es waren Riegel davor. Vier davon waren mit Schlössern gesichert.

»Brauch’ deine Magie, Wallenstein.«, sagte Dworkin.

»Äh ... na gut.«, sagte Wallenstein. »Das heißt ... ich werde es versuchen.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und sah ziemlich bestürzt aus.

»Das Problem mit Schlössern ...«, begann er.

»Du kannst es nicht, oder?«, sagte Dworkin hart.

Und seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.

»Wie schrecklich zweitklassig!«, sagte der Papagei.

Wallenstein schaute betreten.

»Ein bißchen bin ich das wohl.«, sagte er.

»Genau wie Grinwiss!«, sagte Dworkin auf einmal, »Ein Magier? PAH!«, und er deutete auf das Abradizil.

»Nicht direkt ein Erfolg, wie ich zugeben muß.«, sagte Esculapius.

»Blubbertanz’ gleich.«, sagte das Abradizil.

»Wennste gleich blubbertanzt«, sagte Dworkin trocken, »Werd’ ich dich blubbergleich erwürgen. - Versuchs!«, sagte er zu Wallenstein.

Wallenstein legte seine Hände auf eines der Schlösser. Er murmelte ein paar Worte und sang eine sanfte, kleine Melodie. Dann murmelte er wieder und trat zurück.

Nichts geschah.

Wallenstein berührte das zweite Schloß. Er holte eine kleine Schachtel aus seiner Tasche, entnahm der Schachtel eine Prise Pulver und streute sie über das Schloß. Darauf murmelte er wieder und wartete.

Auch diesmal passierte nichts.

Wallenstein versuchte es mit dem dritten Schloß. Mehr Gemurmel, mehr Pulver, etwas Flüssigkeit aus einer Phiole.

Wieder nichts; und auch nichts beim letzten Schloß.

Franz und Roberta sahen sehr enttäuscht aus. Das Abradizil sank auf dem Boden zu einem Häufchen zusammen. Dworkin schien wie betäubt.

»HOFFNUNGSLOS!«, sagte er schließlich.

»Du verstehst nichts von Magie.«, sagte Wallenstein. »Es ist gar nicht so einfach ...«

»... Schlösser aufzumachen.«, sagte Dworkin.

»Ich fand schon immer, daß gerade Schlösser ein spezielles Problem darstellen.«, sagte Wallenstein.

»Näh, haste nich’.«, sagte Dworkin ziemlich brutal. »Du has’ noch ganz and’re spazille Probleme gehabt. Dauernd!«

KRRRAAAACK BOING!

Franz fuhr herum.

KRRRAAAAAACK BOOIING!

Die Schlösser sprangen auf! Und noch mal und noch mal!

Wallenstein hatte es schließlich doch noch geschafft.

Esculapius flatterte in die Luft und kreischte vor Freude.

Franz umarmte Roberta und Roberta umarmte ihn wieder. Wallenstein hüpfte auf und ab und tanzte. Natürlich tanzte das Abradizil auch. Sogar Dworkin tanzte. Beinahe hätte er mit dem Abradizil getanzt.

Aber dann besann er sich.

»Kommt schon!«, zischte er. »Laßt uns reingeh’n!«

Das taten sie.

Die Schatzkammer war ein wunderbarer Aufenthaltsort. Sie war riesig und sie ... leuchtete irgendwie. Das Licht kam ganz allein von den Schätzen : Gold, Edelsteine, Kronen und Pokale. Trophäen und Szepter und Schwerter. Schmuckkästchen und Statuen und mit Flitter übersäte Gewänder und uralte, juwelenverzierte Bücher.

Dann waren da noch die merkwürdigen Dinge : Eine silberne Puppe mit silbrigem Haar, ein goldener Schürhaken, eine perlenbesetzte Zange. Es gab sogar einen kleinen, goldenen Handwagen, in dem man die Schätze herumfahren konnte. Doch dann sahen sie das blaue Juwel und hatten den Rest bald vergessen.

Das Juwel lag auf einem Kissen in einer Schatulle. Es war groß - so groß wie die Faust eines Babys - und von einem strahlenden, schimmernden Blau. Franz hatte das Meer noch nie gesehen, aber er hatte darüber gelesen und davon geträumt. Das Leuchten des Juwels war so blau wie das Meer in seinen Träumen.

Langsam gingen sie auf die Schatulle zu. Wallenstein beugte sich herab und nahm das Juwel.

Plötzlich hörten sie ein Husten und ein Schlurfen. Eine Tür schlug zu.

Franz drehte sich um und schaute.

Auf allen Seiten waren Soldaten. Gräßliche Wächter, mit Helmen, die sie aussehen ließen, als hätten sie keine Augen.

Dikkle stand beobachtend dabei und streichelte sein Kinn. Morgenstern war bei ihm und die anderen Scheusale auch, und zwischen ihnen befand sich ein Mann mit einem hageren, verzerrten Gesicht. Auch sein dünner, kleiner Körper war verrenkt, wie ein von Stürmen gebrochener Baum. Er hustete viel und schnappte dauernd nach Luft.

Aber was Franz am meisten beeindruckte, waren seine Augen. Sie waren dunkel, brutal und grausam.

Dikkle schlenderte zu Wallenstein hin. Er riß ihm das Juwel aus der Hand und legte es in die Schatulle zurück.

Die verrenkte Gestalt stützte sich auf Morgenstern.

»Das quält mich, Dikkle.«, sagte sie.

»Ja, Horg.«, sagte Dikkle indem er zurücktrat.

»Sie hätten das Juwel an sich bringen können. Allein der Gedanke daran nagt an meinen Eingeweiden wie eine Ratte!«

»Sie hätten es niemals geschafft!«, sagte Dikkle.

»Schau sie dir doch an : Ein Junge, ein Mädchen, ein seniler, alter Mann, ein Papagei, ein Monster und ein Gnom. Es sind Narren!«

»Ich bin kein Gnom!«, murrte Dworkin tonlos.

»Sie sind aber in meine Schatzkammer eingedrungen.«, greinte Horg.

»Mein Juwel haben sie besudelt!«

Er massierte sich seinen Bauch mit den Fäusten und lamentierte.

»Das bedauere ich, Horg.«, sagte Dikkle.

Horg knetete seine Magengegend zwischen den Händen.

»Hier frißt das alles an mir.«, ächzte er.

»Es nagt. Es beißt. Es reißt mich auseinander!«

»Sie sind doch unwichtig.«, sagte Dikkle. »Wir können sie bald loswerden!«

Horg erstarrte.

»Dann werde sie los!«, schnauzte er. »Und zwar möglichst schnell - und auf eine möglichst unangenehme Weise!« Morgenstern nickte. Die Scheusale bewegten sich vorwärts, hoben die Keulen und schwangen ihre Ketten.

Franz warf dem Abradizil schnell einen Blick zu, in der Hoffnung, es würde ihnen beistehen. Aber das Abradizil schien alles über sie vergessen zu haben. Es saß auf einem Haufen von Münzen, nuckelte an ihnen, immer an einer nach der anderen und sprach ganz leise mit sich selbst.

Auf einmal hielt Morgenstern inne. Auch die anderen Scheusale stoppten. Sie funkelten Franz und seine Freunde an, schienen jedoch außerstande, sich zu bewegen oder zu sprechen. Dann merkte Franz, daß er sich auch nicht mehr bewegen konnte. Niemand rührte sich mehr.

Über ihnen erschallte Gelächter.

Da , auf einem Sims, stand Ferencz! Er beobachtete sie alle mit einem zufriedenen Lächeln. Darauf sprang er zu ihnen hinab, faßte auf dem Boden Fuß und wischte ein Stäubchen von seinem Mantel.

»Ein scheußlicher Ort.«, bemerkte er. »Es ist doch ziemlich lästig, Horg zum König zu haben.«

Er spazierte herum und betrachtete sie alle.

»Ihr habt mich wirklich glänzend unterhalten!«, sagte er, ging zu Horg und verneigte sich spöttisch.

»Danke Wallenstein, daß du mir denn Weg gezeigt hast. Denn ich bin euch natürlich gefolgt. Laß mich dir meine Dankbarkeit beweisen : Bevor ich gehe, werde ich dich freilassen. Deine Freunde auch. Horg und seine Maulhelden werden noch eine Weile so bleiben wie sie sind. Das wird euch Zeit geben zu entkommen.«

Er machte eine Pause.

»Horg ist wirklich gräßlich, mit seinen nagenden Schmerzen und seiner ständigen Angst um das Juwel. So ein alberner, kleiner Mann!«

Plötzlich erfaßte sein Blick das Abradizil. Von seinem Zauber schien es völlig unberührt zu sein. Hatte es ihn überhaupt wahrgenommen? Franz war sich dessen nicht sicher. Es hatte einfach weiter an seinen Münzen genuckelt.

Ferencz lachte nicht, obwohl Franz zunächst dachte , er würde es tun. Er betrachtete das Abradizil neugierig und ging dann zu ihm hinüber.

Das Abradizil sah auf. Es nahm eine Münze aus dem Mund und hielt sie Ferencz hin. Der schüttelte den Kopf und schwieg, starrte es nur an.

»Man könnte meinen, daß Monster dich interessieren.«, sagte das Abradizil.

»Aber natürlich!«, sagte Ferencz.

»Es scheint, daß der Grund dafür in etwas Ungewöhnlichem in ihnen und ihrem Verhalten liegt. So wie in dir und dem deinigen.«

»Teilweise.«, sagte Ferencz und sah dabei ziemlich überrascht aus.

»Und es hat den Anschein «, sagte das Abradizil, »daß dein am wenigsten gewöhnlicher Charakterzug darin besteht, daß du keine Wünsche hast.«

Ferencz war still.

»Es scheint so.«, sagte das Abradizil. »Doch wie wir wissen, kann der Schein manchmal trügen. Das ist bei dir der Fall. Denn du willst Macht!«

»Genau das.«, sagte Ferencz.

»Wie entsetzlich langweilig!«, sagte das Abradizil.

»Ah.«, sagte Ferencz. »Aber in dem Punkt mißverstehst du mich. Ich will Macht, um etwas wahrhaft Außergewöhnliches zu erschaffen. Dann will ich es benutzen. Um damit zu zerstören, falls ich es wünsche.«

Das Abradizil schauderte.

»Das darfst du nicht!«, sagte es.

»Ich werde es tun.«, sagte Ferencz.

Das Abradizil schüttelte seinen komischen, kleinen Kopf.

»Es wird dir nicht gelingen, weißt du?«, sagte es.

Ferencz zog sich vorsichtig zurück.

»Sieh mal!«, sagte er, »Wenn ich erst meine Macht mit der des Juwels vereine ....«

Das Abradizil hörte jedoch nicht mehr zu. Es war wieder dazu übergegangen an seinen Münzen zu nuckeln.

Ferencz marschierte zur Schatulle und packte das Juwel. Danach wedelte er mit der Hand, und Franz und die anderen waren wieder frei.

Bevor sie sich jedoch rühren konnten, war Ferencz verschwunden.

Franz stürzte auf das Abradizil zu. Konnte es Ferencz nicht aufhalten? Langsam begann er zu glauben, daß es alles könnte.

Wenn sie nur wüßten was und ob ...

Doch der Mund des Abradizils war mit Münzen vollgestopft, und es brabbelte undeutlich vor sich hin, wie ein Tölpel.

impressum © Andrew Gibson 1990 / übersetzt von kadabra1993

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