Das Abradizil

von Andrew Gibson

8. Kapitel

Sie betrachteten die Gestalten um sie herum. Es war sonderbar, von all diesen wütenden Augen angestarrt zu werden.

»Laßt uns nach Hause geh’n.«, sagte Dworkin.

»Das können wir nicht.«, sagte Wallenstein. »Denn weder haben wir das Juwel noch ist die Stadt frei!«

»Und was ist mit Ferencz?«, fragte Roberta.

»Er hat bestimmt irgend etwas Fürchterliches im Sinn.«, sagte Wallenstein. »Von nun an wird niemand mehr sicher sein!«

»Ich wer’ sicher sein.«, sagte Dworkin. »Ich geh’ nach Hause un’ versteck’ mich in meinem Bett!«

»Das wird nicht genügen.«, sagte Wallenstein. »Wir müssen ihm folgen und versuchen, das Juwel zurückzubekommen.«

»Ich stimme ihnen zu, Mr. Wallenstein.«, sagte Roberta.

Auf einmal spuckte das Abradizil seine Münzen aus.

»Ich stimme ebenfalls zu.«, sagte es. »Insoweit, als ich mit überhaupt irgendwas einverstanden bin.«

Dann stürzte es sich auf Horg.

»Bist du auch einverstanden?«, fragte es.

Horg warf ihm einen gequälten Blick zu.

»Sag’s mir!«, sagte das Abradizil. »Oder ich muß auf deinen Zehen herumtrampeln!«

Horg antwortete natürlich nicht.

Also sprang das Abradizil in die Luft und landete hart auf seinen Füßen.

»Ich glaube, ich werde dich jetzt in die Nase kneifen.«, sagte das Abradizil. »Nur so, weil’s Spaß macht.« Und das tat es.

»Das ist nicht besonders fair.«, sagte Roberta.

»Ha ha.«, sagte das Abradizil.

»Wir müssen jetzt gehen!«, sagte Wallenstein.

Sie gingen durch die Tür, durch die sie gekommen waren, und verschlossen sie hinter sich. Darauf eilten sie durch die Korridore zurück, weiter zur Küche und wieder hinaus auf den Hof. Sie liefen auf das andere Ende der Zitadelle zu, weil sie wußten, daß es dort unten ein Tor gab. An der Halle schlichen sie sich vorbei, gingen weiter über kopfsteingepflasterte Plätze und tauchten dann unter seltsamen, kleinen Brücken hindurch. Sie flitzten eine Straße hinunter, die mit winzigen Häuschen gesäumt war, in denen Horgs Zauberer lebten - zumindest behauptete das Dworkin.

Am Ende der Straße befand sich ein Abhang, und am Fuße des Abhangs war das Tor ...

Und rechts und links vor dem Tor standen zwei Wächter.

Wallenstein seufzte und trieb seine kleine Gruppe in den Schatten der Mauer.

Bis auf das Abradizil.

Das Abradizil ging weiter.

Inzwischen dämmerte es. Für die Wächter war es hell genug, um das Abradizil zu entdecken. Und natürlich entdeckten sie es auch. Sie schlossen ihre Helme und lockerten ihre Piken und warteten ab.

Das Abradizil kam näher und summte dabei vor sich hin.

Ganz plötzlich fing es an zu rennen und huschte in eine Seitengasse.

Die Wächter jagten hinter ihm her. Innerhalb eines Augenblicks waren sie verschwunden.

Die anderen stürzten den Abhang hinab und eilten durch das Tor. Sie rannten um ein paar Ecken, dann bremste Roberta und funkelte sie an.

»Was ist mit dem Abradizil?«, schrie sie.

»Es wird uns einholen.«, sagte Wallenstein.

»Oder vielleich’ auch nich’.«, sagte Dworkin.

»Wir könnten warten... », sagte Wallenstein.

»Aber wer dürfen keine Zeit verlier’n!«, sagte Dworkin.

Darauf gingen sie um eine weitere Ecke und da war das Abradizil sowieso.

Es stand mitten auf der Straße und es sah sehr komisch aus. Es trug einen Helm und eine Pike. Beides war ihm natürlich zu groß. Der Helm rutschte ihm beinahe über die Augen und die Pike zeigte auf Dworkins Brust.

»Halt!«, sagte das Abradizil.

»Keine Spielchen.«, sagte Dworkin. »Wir ham’s eilig!«

»Halthalthalt!«, sagte das Abradizil. Es stach mit seiner Pike nach Dworkin. Der sprang zurück und kreischte.

»Wächter!«, sagte das Abradizil und sah dabei sehr stolz aus.

Es stieß fest nach Wallenstein.

»Du hältst uns auf!«, sagte Wallenstein, furchtsam zurückweichend.

Roberta ging einen Schritt vor.

»Eigentlich solltest du ja auf unserer Seite sein.«, sagte sie.

»Hende.«, sagte das Abradizil.

»Oh nein.«, sagte Roberta. »Bitte hör’ nicht auf damit, auf unserer Seite zu sein. Wir brauchen dich. Du bist doch unser Held!«

Als das Abradizil hörte, daß man es einen Helden nannte, wurde es ganz aufgeregt. Es ließ seine Pike fallen und ging und umarmte Roberta. Dann ging es und umarmte Franz auch. Darauf schlug es ein Rad und dabei fiel sein Helm herunter.

Erleichtert eilten Wallenstein und Dworkin weiter, und die anderen folgten ihnen. Alle waren sie nun gut gelaunt. Esculapius versuchte sogar ein Lied zu singen.

»Grauenhaft!«, sagte Dworkin, die Nase rümpfend.

»Ich habe lediglich versucht, mein bißchen Bestes zu geben.«, sagte Esculapius. »Papageien sind keine Singvögel.«

»Weiß ich.«, sagte Dworkin. »Du has’ gequakt wie’n Frosch!«

»Klang wie eine rostige Türangel.«, sagte Roberta.

»Wie ein Hähnchen mit Halsweh!«, sagte Franz.

»Papageien sind nicht berühmt für ihre Musikalität.«, sagte Esculapius steif. »Anderer Dinge wegen, ja. Ihrer Klugheit, zum Beispiel. Aber nicht wegen ihres Gesanges.«

Wallenstein zeigte zum Himmel. Ein Streifen graues Licht war erschienen.

Bald würde der neue Tag beginnen. Sie rannten das letzte Stück des Abhanges hinunter und waren wieder am Fluß.

An Stegen befestigt, wiegten sich dort hölzerne Boote. Eingebettet in kleine Wellen, zogen sie leicht an ihren Tauen. Es war wunderschön. Kalt, frisch und ruhig. Nebel hing in Fetzen herab, die still und langsam dahinzogen. Hunderte von Vögeln schliefen am Ufer, die Köpfe unter den Flügeln verborgen. Große, weiße Schwäne und kleine, braune Enten - sie sahen sehr friedlich und gelassen aus.

Franz und die anderen schlichen einen Steg entlang und wählten ein ziemlich großes Boot mit flachem Kiel aus. Sie stiegen alle hinein, und Wallenstein stieß sie ab. Das Boot trieb hinaus auf den Fluß.

Esculapius betätigte sich als Ausguck. Wallenstein und Dworkin schliefen ein. Die Kinder plätscherten mit den Händen im Wasser und sahen die Häuser und Paläste an sich vorüberziehen.

Keines von ihnen war je in einem Boot gewesen. Es war wirklich ein Vergnügen! Man bewegte sich so schnell und konnte einfach nicht damit aufhören. Außerdem mußte man nicht das Geringste dafür tun.

Das Abradizil schien allerdings nicht ganz so zufrieden zu sein.

Es lag auf dem Rücken und schaute traurig in den Himmel.

Roberta schob sich vorsichtig heran und setzte sich daneben. Für eine Weile blieb es still. Dann:

»Nau wer und was?«, sagte das Abradizil sanft.

Franz schwankte langsam herüber und ließ sich neben Roberta plumpsen. Das Abradizil drehte sich um und sah sie beide an.

»Wo bin ich eigentlich hergekommen?«, fragte es. Seine Stimme klang vernünftig - fast schneidend.

Die Kinder sahen besorgt und beunruhigt aus.

»Aus einem Glasröhrchen.«, sagte Roberta schließlich.

»Einem Glasröhrchen?«, sagte das Abradizil.

Roberta nickte.

»Wie armselig!«, sagte das Abradizil mit düsterer Stimme.

»Wie schäbig! Was für ein Quatsch!«

Die Kinder schauten betreten zu Boden.

»So schlimm ist es doch nun wirklich nicht.«, sagte Roberta nach einiger Zeit.

Das Abradizil starrte wieder in den Himmel.

»Ihr habt recht.«, sagte es. »Es spielt keine Rolle wo man her kommt. Wofür bin ich da? Das ist wichtig.«

»Ich weiß, wofür du da bist.«, sagte Franz hastig. »Für etwas ganz Besonderes!«

»Was denn?«, fragte das Abradizil.

»Ein Magier hat dich erschaffen, damit du ein richtig großer Held wirst!«, sagte Franz. »Er wollte, daß du hilfst die Stadt zu befreien. Und genau das tust du ja, weißt du ?«

Das Abradizil sah nicht viel fröhlicher aus als vorher. Tatsächlich schaute es sogar ziemlich mißtrauisch drein.

»Ich bin doch gar kein richtiger Held.«, sagt es.

»Natürlich bist du das.«, sagte Roberta. »Du hast uns vor Dikkle und Morgenstern gerettet und auch vor den Wächtern. Das ist genau die Art von Dingen, die Helden normalerweise tun.«

Das Abradizil schüttelte den Kopf.

»Ich meine, ich bin kein richtig großer Held.«, sagte es.

»Ich bin ein sonderbares Exemplar. Jetzt sehe ich es ein Ich muß ... eine Enttäuschung gewesen sein!«

Es war still.

»Es ist schrecklich, eine Enttäuschung zu sein.«, sagte das Abradizil. »Es bringt einen dazu, daß man einschlafen möchte und nie wieder aufwachen! Oder den Fluß hinunterschwimmen und nie zurückkehren!«

»Tu das nicht!«, sagte Roberta.

»Ich bin eine Kuriosität, weißt du?«, sagte das Abradizil.

»Ich könnte auch gar nichts anderes sein, noch nicht mal, wenn ich es versuchte. Und das macht die Leute ärgerlich und aufgebracht und ... enttäuscht!«

»Wir sind nicht enttäuscht.«, sagte Franz.

»Seid ihr sicher?«, fragte das Abradizil und sah sie fest an.

»Im Anfang waren wir es auch.«, bekannte Franz, »Nur ein bißchen.«

Das Abradizil sah wieder traurig aus.

»Doch dann haben wir unsere Meinung geändert.«, sagte Roberta. »Wir haben nicht direkt erwartet, daß du so bist. Aber gemocht haben wir dich trotzdem!«

»Weshalb?«, fragte das Abradizil.

»Oh, das weiß ich nicht.«, sagte Roberta.

»Man kann nicht erklären, warum man andere Wesen mag. Es gibt Dinge, die sie tun, und sie sind die einzigen, die sie tun. Und man fängt an diese Dinge zu mögen. Dann beginnt man, die anderen Dinge die sie tun auch zu mögen, bis man das ganze Wesen mag. Alles an ihm. Sogar, wenn es einen manchmal ärgerlich macht. Und man vergißt, daß das Wesen eigentlich nicht das ist, was man gewollt hat. Man mag es einfach so, wie es ist.«

Das Abradizil grübelte darüber eine Weile nach.

»Ihr seid nicht aus einem Glasröhrchen gekommen, oder?«, sagte es. Roberta schüttelte den Kopf.

»Wir hatten Mütter und Väter.«, sagte sie.

»Seht ihr?«, sagte das Abradizil kläglich. »Eine Kuriosität!«

Und es kratzte sich auf sehr melancholische Weise an der Nase.

»Unsere Mütter und Väter sind tot.«, sagte Franz.

»Wir sind auch ganz alleine, genau wie du.«

Das Abradizil schüttelte den Kopf.

»Aber wir haben einander!«, sagte Roberta. »Und wir werden auch zusammenhalten!«

Das Abradizil schüttelte wieder den Kopf.

»Warte nur.«, sagte Roberta. »Eines Tages wirst du es auch verstehen!«

Doch das Abradizil wendete sich nur von ihr ab und starrte erneut in den Himmel.

Ein neuer Tag dämmerte herauf, und die Vögel zwitscherten an den Ufern. Das Boot driftete weiter, zwischen hohen Böschungen hindurch und allmählich wurden die Böschungen zu Klippen. Wallenstein und Dworkin erwachten und sahen sich um.

»Es ist nicht mehr weit.«, sagte Wallenstein. »Wir sollten langsam ans Ufer paddeln.«

»Wir haben kein Paddel.«, sagte Roberta.

»Dann nehmt was and’res.«, sagte Dworkin.

»Zum Beispiel den Tick-it-Boy!«, sagte Esculapius.

Franz sah eine Planke im Wasser treiben. Sie fischten sie heraus und versuchten es damit.

Sie landeten in einer kleinen, grauen Bucht, stiegen aus und sahen nach oben. Über ihnen wand sich ein schmaler Pfad durch die Klippen. »Dort gehen wir hinauf.«, sagte Wallenstein. »Hinter den Klippen liegt ein Hügel und hinter dem Hügel ein Berg. Ferencz’ Schloß ist oben, auf dem Gipfel. Fertig?«

Sie nickten und machten sich auf den Weg. Sie kletterten und kletterten und der Fluß verschwand unter ihnen. Windböen umwehten sie. Sie krabbelten eine Abflußrinne hoch, suchten sich einen Weg zwischen den Felswänden, erreichten die Höhe der Klippen und gingen den Hügel hinauf.

Schließlich standen sie auf einer staubigen Ebene, auf der Geröllblöcke und Felsen verstreut lagen. Drohend erhob sich der Berg vor ihnen.

Sie konnten das Schloß auf seinem Gipfel deutlich sehen.

Es war ein schroffer, kahler Gipfel und das Schloß selbst war schwarz.

Es hatte riesige, dicke Mauern und eine Menge spitzer Türme.

Sie setzten sich auf einen Felsbrocken und starrten es an.

»Wohnt Ferencz wirklich dort?«, fragte Roberta.

»Ja.«, sagte Wallenstein.

»Das ist aber ziemlich weit von allen anderen entfernt!«

»Ich nehme an, es ist ihm so lieber.«, sagte Wallenstein.

Das Abradizil sah auf einmal sehr würdevoll aus.

»Graf Ferencz muß an große Einsamkeit gewöhnt sein.«, sagt es. »Einsamkeit an sich ist unnatürlich und ein sehr großes Übel, denkt ihr nicht auch ?«

»Was meinsten damit, Abradesel?«, schnauzte Dworkin.

»Äh ... ich weiß nicht.«, sagte das Abradizil entschuldigend.

»Die Worte sind mir irgendwie ... rausgerutscht. Manchmal tun sie das, weißt du?«

»Wie sollen wir bloß da hineinkommen?«, fragte Franz.

»Keine Ahnung!«, sagte Wallenstein.

»Ich bin sicher, Ferencz weiß, daß wir hier sind.«, sagte Roberta.

»Ich wette, er beobachtet uns in genau diesem Moment!«

»Höchst wahrscheinlich.«, sagte Wallenstein.

»Wir sin’ erledigt!«, jammerte Dworkin. »Ich will nach Hause!«

»Happe, Orkin!«, sagte das Abradizil. »Ich werde das Schloß stürmen.«, fügte es plötzlich hinzu.

»Du wir’s was??«, sagte Dworkin .

»Ich werde das Schloß stürmen!«, sagte das Abradizil und es hastete ganz schnell den Berg hinauf.

»Abradeseln stürmen keine Schlösser nich’!«, brüllte Dworkin ihm hinterher.

»Besonders nich’ alleine! Nur Armeen stürmen Schlösser!«

Doch das Abradizil rannte einfach weiter.

Sie sahen ihm nach. Es blickte nicht zurück. Niemand von ihnen sprach.

Sie blinzelten in die Ferne, schauten sich an, dann standen sie auf und folgten ihm.

impressum © Andrew Gibson 1990 / übersetzt von kadabra1993

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