Das Abradizil

von Andrew Gibson

9. Kapitel

Höher auf dem Pfad stieß das Abradizil einen "Stürmt-das-Schloß-Schlachtruf" aus.

»YEEEEEEEEEEEEEEEEEHAAAAAAAAAAAA!«

»YEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEHAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!«

Der Schrei schwang sich bis zum Schloß hinauf und kam dann als Echo wieder zurück.

»Wenn Ferencz noch nicht gewußt hat, daß wir kommen«, sagte Wallenstein, weiß er es jetzt ganz bestimmt!«

»Vielleicht wird er das Abradizil mit einem Blitzschlag lähmen.«, sagte Esculapius hoffungsvoll.

»AHOI!«, gellte das Abradizil. »HIEFT AN! DREHT BEI!«

»Sagen Stürmer von Schlössern "Dreht bei"?, fragte Roberta.

»Ich dachte immer, das waren die Piraten.«, sagte Franz.

»Ich nehme an, Abradizils stürmen Schlösser auf ihre eigene, ganz spezielle Weise.«, sagte Wallenstein.

»Genau wie alles and’re, wasse tun!«, murrte Dworkin.

»HARRUMP HARRUUUH!«, schrie das Abradizil.

Die anderen ließen die Köpfe hängen und schlurften weiter.

Sie warteten darauf, daß Ferencz irgendeine Falle zuschnappen ließ.

Aber nicht passierte. Sie kamen den ganzen Weg hoch, bis zu den Toren des Schlosses , und es geschah immer noch nichts.

An den Toren war niemand - niemand außer dem Abradizil. Kein Pförtner, kein Wächter. Nur die großen, hölzernen, düsteren, geschwärzten, uralten Tore selbst. Vermutlich standen sie schon seit Hunderten und Aberhunderten von Jahren da und taten nichts als altern. Das Schloß machte einen unbewohnten Eindruck, so als ob dort nie wirklich jemand gelebt hätte. Es wirkte fast wie ein Teil des Berges.

Das Abradizil staunte die Tore an.

Als sie es erreichten, drehte es sich um und zwinkerte.

»Blubberschrei’ gleich!«, sagte es.

»Ich dachte, du wolltest das Schloß stürmen?«, sagte Roberta.

»Hab’s schon gestürmt!«, sagte das Abradizil.

»Näh, haste nich’!«, sagte Dworkin.

»Stürmen heißt ‘reingeh’n! Überall ‘rumrennen. Aufruhr verursachen! Du has’ überhaupt kein’ Aufruhr verursacht, außer bei uns, natürlich!«

Das Abradizil kratzte sich an der Nase.

»Aufruhr!«, protestierte es. »Den ganzen Weg! So:YEEEHAAAAAA!«

»Du hast wahrscheinlich die ganze Expedition verdorben!«, sagte Wallenstein. Alle schauten es böse an, aber das Abradizil sah ziemlich reuelos aus.

Dann öffneten sich die Tore. Langsam knirschten sie über den Boden, als ob sie eigene Gedanken hätten, als ob sie auf eine schreckliche Weise ‘Herein’ sagen wollten.

Hinter den Toren befand sich ein großer, steinerner Hof. Furchtsam traten sie ein und sahen sich um. Aber da war niemand, nur fensterlose Mauern.

»Wo ist er?«, fragte Roberta. »Ich meine, er muß doch wissen, daß wir da sind?«

Franz blickte suchend herum.

»Wo ist den das Abradizil geblieben?«, fragte er.

»Es ist immer noch dort.«, sagte Roberta, nach draußen zeigend.

Franz schaute durch die Tore zurück. Das Abradizil saß auf einem Felsbrocken, mit seinen Füßen hinter den Ohren und war eingeschnappt.

»Nun komm schon!«, sagte Franz.

»«Magnich’!«, sagte das Abradizil.

»Bitte!«, sagte Roberta.

»Willnich’!«, sagte das Abradizil. Es blies die Backen auf und schnitt eine unverschämte, häßliche Grimasse.

»Bitte!«, sagte Roberta.

»Willnich’!«, sagte das Abradizil. »Geheim!«

»Geh’ nicht heim. Du darfst auch schreien, soviel du möchtest!«

»GEHEIM!«, sagte das Abradizil. »Hende!«

»Laß das nicht das Ende sein.«, sagte Franz.

Und dann war es zu spät!

Rasch glitten die Tore zusammen. Das Abradizil war immer noch auf der anderen Seite. Doch Franz und Roberta vergaßen das bald.

Eine Gestalt stolzierte auf sie zu. Es war eine gigantische Vogelscheuche, in Fetzen aus schwarzem Tuch gekleidet - aber gleichzeitig war es auch ein Skelett, mit einem Dinosaurierschädel an der Stelle, wo eigentlich sein Gesicht hätte sein sollen.

Es war ein abscheuliches, hassenswertes, niederträchtig aussehendes Ding. Es reckte den Hals über ihnen, wie ein ungeheuerlicher Vogel, grinsend und bereit, jeden Moment nach ihnen zu hacken.

Dann verschwand es. Einfach so.

Sie zitterten alle vor Furcht. Esculapius hielt sich die Flügel vor die Augen. Wallensteins Knie klapperten und Dworkin war zu Boden gesunken.

»Er benutzt das Juwel!«, sagte Wallenstein mit unsicherer Stimme.

»Noch nicht einmal Ferencz kann so etwas nur aus eigener Kraft erschaffen. Er versucht, herauszufinden was er damit tun kann. Er probiert es aus. An uns!«

Aus der Luft über ihnen ertönte ein leises Lachen.

»Ah, Wallenstein.« Sie konnten Ferencz nicht sehen, doch es war seine Stimme.

»Du bist doch ein neugieriger Kauz! Zwar so ein unfähiger Magier, aber immerhin nicht ganz beschränkt. Ich war immer - leider - soviel besser in Magie, als der Rest von euch. Auf die Dauer wird es ziemlich stumpfsinnig, wenn die eigenen Fähigkeiten die der anderen so sehr überragen. Man fühlt ein größeres Bedürfnis nach ... Entspannung. Daher mein Wunsch, das Juwel zu besitzen. Ist es nicht aufregend, zu sehen was es alles bewirken kann?«

»Vielleicht wirst du auch des Juwels Müde werden.«, sagte Wallenstein.

»Oh, ich glaube nicht, daß dies passieren wird. Weißt du, ich habe da ziemlich spezielle Pläne!«

»Was für Pläne?«

Doch Ferencz antwortete nicht.

Es war still - dann folgte ein schnarrendes Geräusch.

In einer Ecke des Hofes erschien eine Kreatur. Sie war pelzig, schleimig und langsam; ein bißchen wie eine Schnecke, ein bißchen wie ein Igel, aber größer als beide und außerdem anders. Sie kam auf sie zu und neigte ihren häßlichen, kleinen Kopf. Danach sprach sie, ziemlich undeutlich, so als ob ihre Zunge für ihr Maul zu groß wäre.

»Ich bin där Blan!«, mümmelte sie. »Main Maifter befahl mir, äf äuch fu fagen. Wänn allef vorbai ift, wärde ich där Häärfer där Wält sain. Daf wäre ein guter Witf, maint er.«

»Ein Witz?«, sagte Wallenstein.

»Är dänkt, daf wird fähr amüfant!«, sagte die Kreatur.

Dann verschwand sie und sie hörten wieder das leise Lachen.

»Es wird tatsächlich amüsant werden.«, sagte Ferencz.

»Unterhaltung für mich, seht ihr?«

»Was hast du vor, Ferencz?«, fragte Wallenstein.

»Vielleicht wirst du das noch herausfinden, Wallenstein. Eventuell wird es dir sogar gelingen, es zu beobachten. Jedoch nicht sofort.

Zuerst möchte ich, daß ihr etwas ... Ungewöhnliches ausprobiert. Hast du je von Daedalus gehört?«

»Selbstverständlich!«, sagte Wallenstein.

»Erzähl’ deinen Freunden von ihm .«

»Er war ein Grieche, der ein Labyrinth baute. Das Labyrinth von Knossos. Daedalus kannte den Weg aus dem Labyrinth hinaus, aber niemand sonst. Das Labyrinth von Knossos war sehr berühmt. Heute denken die Leute, es habe nie existiert. Aber es hat.«

»Natürlich hat es das.«, sagte Ferencz. »Doch das war erst die halbe Geschichte, Wallenstein. Berichte, was in dem Labyrinth war.«

»Ein Ungeheuer, genannt Minotaurus.«

»Und was hat man dem Minotaurus zu fressen gegeben?!«

Wallenstein schwieg.

»Theseus tötete den Minotauros.«, sagte er schließlich.

»Du bist nicht Theseus.«, sagte Ferencz. »Aber keine Bange! Ich habe keinen Minotauros erschaffen. Nur ein Labyrinth. Wie ihr sehen werdet, leben tatsächlich ein oder zwei Wesen in ihm. Allerdings ist keines direkt so, wie der Minotaurus. Um zu mir zu gelangen, müßt ihr euch einen Weg durch das Labyrinth suchen. Und zuallererst müßt ihr das Labyrinth selbst finden. Es beginnt auf dem Hof, aber ihr müßt herausfinden, wie.

Ich werde euch natürlich beobachten. Doch dies ist das Letzte, was ihr von mir hören werdet, bis ihr aus dem Labyrinth herauskommt.

Falls ihr wieder herauskommt. Was ich sehr bezweifle!!«

Wieder war es still. Sie alle standen starr.

»Wir fangen besser an, zu suchen.«, sagte Wallenstein endlich.

Sie gingen an den Wänden entlang und klopften die Steine ab.

Sie stampften auf die Steinfliesen unter ihren Füßen und schlugen sogar gegen die Tore.

Aber es war alles umsonst.

»Er hat gelogen!«, sagte Franz. »Er hat gar nicht vor, uns entkommen zu lassen. Niemals!«

» Ich bin sicher, daß du Unrecht hast, weißt du?«, sagte Roberta.

»Ferencz ist einfach nur listig und sonderbar.«

Sie schaute sie alle der Reihe nach an und grübelte.

»Er sagte "wie".«, fügte sie hinzu. »Nicht "wo".«

»Wie bitte?«, sagte Wallenstein.

»Er sagte, findet heraus wie das Labyrinth anfängt. Nicht wo!«

Die anderen gingen wieder dazu über gegen die Wände zu klopfen.

Roberta sah sehr nachdenklich aus. Nach einer Weile sprang sie schließlich wieder auf.

»Ich hab’s!«, rief sie. »Wir finden das Labyrinth ... indem wir überhaupt nicht danach suchen!«

Sie starrten sie an.

»Aha.«, sagte Wallenstein.

»Wir sollten uns gar nicht darum kümmern. Einfach hinsetzen und warten!«

»Aha.«, sagte Wallenstein wieder.

»Wie wartet man auf ein Labyrinth?«, fragte Esculapius.

»Du setzt dich hin«, sagte Dworkin, »un’ drehs’ Däumchen un’ das Labyrinth kommt vorbei.«

»Wie eine Kutsche mit Pferden.«, sagte Esculapius.

Sie fielen zu Boden und kugelten dort herum, hilflos vor Lachen.

»Das Mädchen ist eine absolute WEICHBIRNE!«, sprudelte Esculapius.

»Genau wie’s Abradesel!«, sagte Dworkin, der versuchte, sich wieder zu fassen. »Wenigstens haben wer das Ding draußen vor den Toren gelassen. Inzwischen würd’s wahrscheinlich gegen die Mauern treten un’ irgendwas von ‘Hende’ schrei’n.«

»Heendee!«, sagte Esculapius spöttisch.

»Oooh, Heeendeeeee!«, fiel Dworkin winselnd ein.

Dann kugelten sie ein zweites Mal herum und lachten sich kaputt.

»Ich denke, wir sollten es versuchen.«, sagte Wallenstein.

Dworkin erhob sich vom Boden und bürstete etwas Dreck aus seinen Kleidern.

»Auf’s Labyrinth warten?«, fragte er.

»Ja.«, sagte Wallenstein. »Roberta hat uns auf einen wichtigen Punkt hingewiesen. Ferencz denkt nicht in gewöhnlichen Bahnen!«

Also setzten sie sich alle in der Mitte des Hofes hin und warteten, ganz so, wie Roberta gesagt hatte.

Nach einer Weile begannen die Mauern zu schwanken. Darauf füllte sich der Hof mit Nebel. Ein nebliger Vorhang floß von oben herab. Sie krochen auf ihn zu und dann durch ihn hindurch.

»Es hat funktioniert!«, sagte Roberta. »Genau, wie ich es mir gedacht hatte:«

Und sie klatschte frohlockend in die Hände.

Wo auch immer sie hinschauten, erstreckten sich Wände aus Nebel, mit langen, engen Korridoren dazwischen. Die Korridore schienen weiter und weiter und immer weiter zu gehen. Roberta blinzelte und zuckte die Achseln.

»Wo lebte der Minotaurus?«, fragte sie.

»Das habe ich dir doch schon gesagt.«, sagte Wallenstein. »Im Labyrinth natürlich.«

»Aber wo genau?«

»Direkt in der Mitte, denke ich.«

»Hm.«, sagte Roberta.

»Du hast schon wider eine Idee, oder?«, fragte Wallenstein.

»Ja.«, sagte Roberta. »Ferencz hat die Wahrheit gesagt, wie wir jetzt wissen. Und außerdem wissen wir, daß er uns Hinweise gegeben hat. Er sagte, es gäbe keinen Minotaurus in seinem Labyrinth. Also ist vielleicht gar nichts in der Mitte. Aber vielleicht kommt man dann auf diese Weise zu ihm. Man darf nicht versuchen, aus diesem Labyrinth hinaus zukommen. Man muß versuchen hinein zukommen. Mitten hinein!«

»Langsam fange ich an, zu glauben, daß du ziemlich schlau bist.«, sagte Wallenstein.

»Nicht der Rede wert.«, sagte Roberta bescheiden.

»Eben!«, sagte Esculapius. »Noch haben wir die Mitte nicht gefunden, geschweige denn Ferencz.«

Sie machten sich zwischen Nebelwänden auf den Weg. Innerhalb einer Minute hatten sie sich verirrt. Sie hatten keine Ahnung mehr, wo sie waren.

»Es muß riesengroß sein«, sagte Roberta.

»Es kann nicht größer sein, als der Schloßhof.«, widersprach Franz.

»Kann es doch!«, sagte Wallenstein. »Ich glaube, Ferencz hat das ganze Schloß in ein Labyrinth verwandelt, nur für uns.«

Dworkin schauderte.

»Es is’ gruselig!«, ächzte er.

Er machte eine Pause.

»Ich wünschte, das Abradesel wär’ hier.«, sagte Dworkin dann.

»Das wär’ viel lustiger!«

Franz lächelte, aber nicht lange. Dafür war das Labyrinth zu trostlos. Kein Leben, keine Farbe, noch nicht einmal ein Geräusch.

Nur endlose, schweigende Nebelwände. Man konnte durch sie hindurchgehen, wenn man es versuchte. Aber dahinter war nichts als wieder das Gleiche, und dann fühlte man sich nur noch verlorener, als zuvor.

Franz begann zu verzweifeln.

Aber Roberta war schon wieder dabei, nachzudenken.

»Es ist einfach zu langweilig!«, sagte sie.

»Langweilig?«, sagte Dworkin .

»Ich meine, nicht für uns.«, sagte Roberta.

»Langweilig für Ferencz. Wenn das Labyrinth nichts anders als dies wäre, würde er sich doch nur langweilen. Er würde uns vor lauter Langweile überhaupt nicht mehr beobachten!«

Natürlich behielt Roberta recht.

Nach einiger Zeit begannen die Wände dicker zu werden. Außerdem wurden sie auch massiver, wie gewöhnliche Mauern aus Stein. Aber dann fingen sie an zu schimmern und zu glänzen. Bald strahlten sie hell, glitzernd im Licht.

Sie hatten sich in Spiegel verwandelt. Das waren sie nun, solide Wände aus Spiegelglas, die ihr Bild zurückwarfen, wiederholten und überall vervielfältigten.

Und dann erschien ein Wesen. Sein Gesicht und die Seiten seines Kopfes waren ganz aus spiegelndem Glas. Seine Augen waren Spiegel, und seine Nase und sein Mund; seine Arme und Beine und auch seine Brust.

Es blinkte und blitzte und leuchtete.

»Hallo!«, quiekte es. »Ich bin der Spiegelmann!«

Franz war geblendet und verwirrt. Alles, was er jetzt noch sehen konnte, waren die Spiegel und sich selbst in den Spiegeln, Tausende von seinen Spiegelbildern.

Es gab nun nichts mehr als Fränze und Spiegel - und in der Mitte von allem den Spiegelmann.

Er tanzte wie wahnsinnig. Franz konnte Roberta nicht mehr sehen oder Wallenstein oder Dworkin. Sie waren fort - oder er war fort - es spielte letztlich keine Rolle wer fort war.

Der Spiegelmann lachte. Dann kreischte er:

»Nichts ist geblieben, außer dir! Überall wo du hinschaust, nur du selbst! Die Spiegel haben dich gefangen! Du kommst hier nie wieder raus!«

Franz drehte und drehte sich um die eigene Achse. Aber das Einzige, was er sah, war ein trauriger, müder, ängstlicher, kleiner Junge.

Das war schlimmer als die Nebelwände, schlimmer als Morgenstern und auch schlimmer als Dikkle.

Ferencz war der Schlimmste von allen.

Franz wußte das nun ganz genau.

impressum © Andrew Gibson 1990 / übersetzt von kadabra1993

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