Kadabras Geschichten

Alice

»Bei meinen Ohren, bei meinen Schnurrbartspitzen, ich bin spät dran!«, sagte der große weisse Hase nervös. »Viel zu spät!«, nickte Alice. »Es gibt überhaupt keine Möglichkeit noch rechtzeitig da zu sein. Also gib es auf!« »Warum sagst du das?«, fragte der Hase verdattert und ließ seine goldene Repetieruhr zuschnappen. »Die Geschichte geht doch ganz anders! Du musst jetzt aufstehen und hinter mir herlaufen bis zum Kaninchenloch und dann... «

»Ich bin müde!« unterbrach ihn Alice. »Außerdem sind wir schon im Kaninchenloch, merkst du das nicht? Wir fallen und fallen durch die Zeit. Nichts können wir festhalten, nicht auf Dauer. Alles fällt an uns vorbei, also wozu sich noch anstrengen? Fast bin ich schon unten angekommen und dann ist alles zuende.« »Nein!«, widersprach der Hase aufgeregt. »Dann fängt es doch erst an! - Weisst du nicht mehr? Die Türe! Der Tränenteich, der Wettlauf, die Herzogin!«

»Ich erinnere mich gut.«, sagte Alice. »Aber warum sollte ich noch einmal versuchen eine Türe zu öffnen, von der ich weiss was dahinter liegt? Und dieser Aufwand bis man hindurch ist. Erst ist man zu groß um hindurchzugehen und dann ist man zu klein um an den Schlüssel zu kommen und dann ertrinkt man beinahe in seinen eigenen Tränen. Es ist jedesmal wieder dasselbe. Und der Erfolg rechtfertigt keinesfalls die Strapazen. Am Ende bist du immer wieder da, wo du angefangen hast.«

Der Hase schüttelte den Kopf und hoppelte unglücklich im Zimmer herum. »Das ist falsch! Ganz falsch!« protestierte er. »Du verwechselst da was. Das kommt später! Du meinst das Rennen mit der schwarzen Königin, wo man unglaublich schnell laufen muss, nur um an der selben Stelle zu bleiben!« »Die ganze Geschichte dreht sich nur um dieses Thema!«, antwortete Alice. »Ich habe tausendmal mit dem verrückten Hutmacher Tee getrunken. Die Haselmaus hat es noch am besten getroffen. Während sie schlief kam die Geschichte in regelmäßigen Abständen immer wieder vorbei. - Ich habe einfach keine Lust mehr!« »Ach, Alice!«, jammerte der Hase. »Was ist bloß mit dir geschehen? Du kannst doch jetzt nicht einfach aufhören, das sieht dir gar nicht ähnlich!«

Alice drehte den Kopf zur Wand. »Ich bin gar nicht ich. Ich weiss wer ich war, aber ich muss seither wohl mehrere Male vertauscht worden sein.«, murmelte sie leise. »Lass mich einfach schlafen.« Der Hase schlug die Pfoten über dem Kopf zusammen und wollte gerade etwas sagen, als ein Geräusch an seine empfindlichen Lauscher drang. Husch - war er verschwunden. Alice hörte noch sein klagendes »Zu spät, zu spät!«, da öffnete sich die Tür.

Jemand drückte auf den Schalter und tauchte das Zimmer in grelles Licht. »Guten Morgen, Frau Liddell!«, sagte die junge Frau. »Schauen sie mal, was uns der Osterhase gebracht hat. Ein wunderschönes, buntes Frühstücksei. Ausnahmsweise. Aber zuerst nehmen wir brav unsere Medizin!« In einer einzigen Bewegung setzte sie das Tablett ab, öffnete die Vorhänge und schüttelte kurz die Bettdecke auf. »Schwester Hilde und ich kommen in einer Viertelstunde zum Waschen. Bis dahin haben wir fein aufgegessen, nicht wahr? Frohe Ostern!« Und damit drückte sie erneut auf den Schalter und verschwand.

Graues Licht zwängte sich durch das schmale Fenster. Irgendwo absolvierte ein einzelner Vogel seine Stimmübungen. Alice versuchte sich aufzurichten und warf einen widerwilligen Blick auf das Frühstück: Eine Scheibe Weissbrot mit Margarine bestrichen, eine Schüssel mit porridgeähnlichem Zeug und das Ei. Es war bunt wie ein Regenbogen, wunderschön, glänzend, zerbrechlich. Direkt daneben standen ihre Tropfen. Aus der Ecke kam ein Rascheln. Der Hase kroch staubbedeckt unter der Kommode hervor.

»Was ist Ostern?«, fragte er. »Ich weiss nicht genau.«, sagte Alice. »Ich glaube es geht um ein Ende. Und um einen Anfang. Und um jede Menge Fruchtbarkeitssymbole: Eier, Hasen, blühende Zweige und so weiter. Es ist eine Geschichte. Kinder kommen auch darin vor, sie müssen die Eier suchen, die der Hase vor ihnen versteckt hat.« »Versteckte Fruchtbarkeitssymbole!«, sagte der Hase. Vor lauter Empörung zitterten seine Schnurrbartspitzen. »Das ergibt doch keine Spur von Sinn!«

»Doch irgendwie schon!«, sagte Alice und nahm ihre Tropfen. Zu spät sah sie, dass das Fläschchen ein Papierschild um den Hals hatte, auf dem in großen, schönen Lettern geschrieben stand:

TRINK MICH!

»Heute ist dein Nichtgeburtstag.«, flüsterte der Hase. »Also gut«, seufzte sie und strich sich eine weisse Haarsträhne hinter das Ohr. »Du hast gewonnen. Aber das ist wirklich das allerletzte Mal!«

impressum © kadabra 1996

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