Kadabras Geschichten

Drei Gaben

Das Nachtlicht flimmerte schwach in dem dunklen Kinderzimmer. Plötzlich blähten sich die Vorhänge und ein Fuß in einem ziemlich dreckigen Turnschuh erschien auf dem Fensterbrett.

Zwei Minuten später waren sie alle drei hereingeklettert und versammelten sich um das Gitterbettchen. Das Kind darin schlief selig und nuckelte dabei am Daumen.

»Ich weiss nicht.«, sagte die erste Fee, »sollen wir das wirklich tun?«

»Wir sind ziemlich aus der Übung.«, murmelte die zweite.

»Genau deshalb sind wir ja hier!«, fauchte die dritte.

»Seit die Schlösser der Königskinder mit Leibwächtern, Alarmanlagen und Babyphones ausgerüstet sind, kommen wir einfach nicht mehr an sie ran. - Wenn wir nicht alles verlernen wollen, müssen wir eben mit normalen Kindern vorlieb nehmen!«

Dabei blickte sie angewidert auf das schlafende Kind.

»Spiel Dich nicht so auf!«, sagte die erste. »Schliesslich haben wir Dich nur aus Gutmütigkeit mitgenommen!«

»Und weil die Tradition es so verlangt!« zischte die dritte. »Eine böse Fee muss dabei sein, sonst wirkt es nicht !«

»Nun streitet doch nicht!«, sagte die zweite, »lasst uns lieber anfangen!«

Nachdenklich sah sie in das Bettchen und fuhr sich mit der Hand durch ihre zerstrubbelten Haare.

»Also gut!«, sagte die erste. Sie strich ihr tadellos sitzendes Kleid noch einmal glatt, schnipste ein unsichtbares Staubkorn von ihrer Schulter und trat leise an das Bettchen heran.

»Du sollst ein ordentlicher Mensch werden und das Leben ernst nehmen.«, sagte sie streng und berührte das Kind leicht mit dem Finger an der Stirn.

Die zweite Fee stöhnte. »Was ist das denn für eine Gabe? - Das ist ein Mädchen! - Sie wird allen Leuten mit ihrem Ordnungsfimmel auf die Nerven gehen. Also wirklich! Na mal sehen was ich noch retten kann.!«

Energisch wischte sie sich die nicht gerade sauberen Hände an ihrem noch viel schmutzigeren T-shirt ab. Natürlich war sie auch diejenige mit den dreckigen Turnschuhen. Aber ihre Augen strahlten wie zwei Sterne.

Sie beugte sich über das kleine Mädchen und flüsterte : »Alle Menschen sollen Dir Vertrauen schenken, wo Du auch hinkommst!« Vorsichtig küsste sie das Kind auf den Mund und lächelte.

Die dritte Fee kicherte böse. »Ihr seid wirklich aus der Übung! So leicht habt ihr es mir lange nicht mehr gemacht.« Ihre Haare ringelten sich wie Schlangen im Dämmerlicht und ihr Umhang war schwärzer als die Nacht vor dem Fenster.

Stolz trat sie einen Schritt vor und blickte kalt auf das schlafende Kind herab. Dann legte sie eine Hand auf sein Herz. »Du sollst Ordnung schaffen können, aber nicht bei Dir. Andere sollen Dir vertrauen, Du aber nicht Ihnen. Deine Ernsthaftigkeit wird Dich einsam sein lassen!«

Triumphierend trat sie zurück und sah die anderen beiden an.

Die zweite Fee hatte vor Entsetzen die Hände vors Gesicht geschlagen, die erste runzelte missbilligend die Stirn. Dann schnippte sie mit den Fingern.

»Ich weiss, wo der Fehler liegt«, murmelte sie. Die Reihenfolge war falsch. Eigentlich hätte Malevola den zweiten Wunsch tun müssen und Amabilè den dritten. Na, das nächste Mal machen wir es besser. Kommt jetzt, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit!«

Und mit diesen Worten schwebte sie aus dem Fenster, Malevola folgte ihr.

Amabilè aber wartete bis die beiden verschwunden waren, griff blitzschnell in ihre Hosentasche und blies eine Hand voll glitzernden Feenstaub über das Bett.

Dann folgte sie den beiden anderen, so lautlos, wie sie gekommen war.

Draussen wartete Moderata auf sie und tippte ungeduldig mit dem Schuh in der Luft herum. »Was trödelst Du so?« Du hast dem Kind hoffentlich nicht noch eine Gabe dagelassen, weichherzig, wie Du bist? - Das wäre gegen die Regeln, das weisst Du genau.«

Amabilè schüttelte den Kopf und kreuzte dabei zwei Finger hinter ihrem Rücken.

»Dabei lüge ich nicht einmal«, dachte sie bei sich. »Es ist kein Geschenk, nur eine Leihgabe.«

Die drei Feen verschwanden in der Nacht. Das Kind wuchs zu einem ernsten kleinen Mädchen heran, das nichts lieber tat als die Zimmer ihrer Freundinnen aufzuräumen. Um ihr eigenes Zimmer kümmerte sie sich nie. Wenn andere Kummer hatten, lernte sie ihnen zuzuhören und das blieb auch noch als Erwachsene ihr zweitgrösstes Talent.

Am besten von allem, aber war sie im Träumen. In allen Büchern und Geschichten fand sie ein silbernes Tor und dahinter eine weite Terrasse. Und von dort aus flog sie ihren Gedanken hinterher bis hinauf zu den Sternen.

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