Kadabras Geschichten

Ein gutes Ende

Diesseits der Sonne und jenseits des Mondes stand einst ein Schloss, dessen Keller und Verliese tief in der Nacht wurzelten, während sein höchster Turm bis in den frühen Morgen ragte. Zu ebener Erde aber war es immer genau halb sieben Uhr abends, denn dort befanden sich die Küchen und der Speisesaal. Das waren die Lieblingsorte der Prinzessin, denn natürlich muss es in einem Schloss auch eine Prinzessin geben und diese hier aß nun einmal gern.

Ständig streifte sie um den großen Herd und durch die Vorratskammern, guckte in Töpfe und Pfannen, brachte die Köche und Küchenmädchen an den Rand der Verzweiflung und stibitzte hier und da eine Leckerei. Schließlich zog sie sich mit ihrer Beute in den Speisesaal zurück, ließ sich mit gekreuzten Beinen vor dem Kaminfeuer nieder sinken und starrte kauend und verträumt in die Flammen. Wenn ihr dann ganz warm und träge zumute war, drehte sie sich zu der alten Frau, die stickend in einem Lehnstuhl saß und bat: »Erzähl, Amme, erzähl! Erzähl mir vom guten Ende!«

Die Amme seufzte und schüttelte den Kopf: »Werdet Ihr denn aller Märchen und Sagen nie müde? Wäre es nicht langsam an der Zeit herauszufinden, wie Eure eigene Geschichte geht?« Und damit hatte sie recht, denn die Prinzessin war weder die Jüngste noch die Allerschönste. Sie hatte nur ein kindliches Herz und einen eitlen Verstand und das war alles.

»Erzähl, Amme, erzähl!«, bettelte sie aufs Neue und schließlich gab die alte Frau nach. »Es war einmal ...«, begann sie. Und ihre Stimme wurde zum Rauschen des Windes, dem Ächzen der Balken und dem Knacken des Holzes im Feuer, das wunderliche Schatten an die Wand warf. Bilder stiegen aus den Flammen, drehten sich im Rauch und vergingen wieder bis zum letzten Satz : »...und so nahm alles ein gutes Ende!« Die Amme schwieg.

Die Prinzessin überdachte noch einmal das Gehörte. Unter allen Geschichten gab es keine, die sie zu ihrer eigenen hätte machen wollen. Immer, so schien es, war das gute Ende verknüpft mit allerhand Unannehmlichkeiten, die man erst einmal hinter sich bringen musste. Schwierige Eltern, feuerspeiende Drachen, mächtige Feen, böse Hexen und im Extremfall Frösche. Sie hatte weder Lust sieben Jahre schweigend Brennesselhemden zu stricken, noch wollte sie zusehen wie sich jemand in glühenden Pantoffeln zu Tode tanzte. Einfach zu warten bis irgend ein saumseliger Prinz auftauchte, kam auch nicht in Frage. »Es muss doch möglich sein«, so grübelte die Prinzessin, »auch ohne diese ganzen Umwege zu einem guten Ende zu gelangen.«

Kurzentschlossen stand sie auf. »Ich will das gute Ende suchen.«, sagte sie zu der alten Frau. » Wo soll ich anfangen?« Die Amme überlegte. » Nun, es gibt da einen verzauberten Prinz ...« - »Keine Prinzen!«, unterbrach sie die Prinzessin. »Keine Drachen, kein unüberwindliches Gebirge, kein Gänsehüten und keine sieben Zwerge. Einfach nur ein gutes Ende! Für mich allein!«

Die Amme runzelte die Stirn. »Da gibt es nur zwei Wege. Nach unten oder nach oben. Ich wünsche Euch viel Glück, aber für sich allein hat noch keiner ein gutes Ende gefunden.« »Mir wird es aber gelingen!«, antwortete die Prinzessin trotzig, schnappte sich einen Apfel und eine Fackel und machte sich auf den Weg.

Und so stieg sie hinab in die Dunkelheit, immer tiefer von Keller zu Keller über glitschigen Stein, bis dorthin, wo nur ab und zu das Geräusch eines fallenden Tropfens die Stille durchdrang. Gemauerte Wände wichen hartem Fels und doch ging es immer noch tiefer, bis die Schwärze der Nacht sie umfing wie ein Netz aus Schweigen. Endlich öffnete sich der Gang zu einer Grotte. Bleich glitzernde Säulen trugen ein bizarres Gewölbe in dessen Mitte eine einzelne blaue Flamme brannte.

»Wer hat Dich hierher gebracht?«, flüsterte eine Stimme. »Gebracht - hach - ach« wisperte ein böses Echo. Die Flamme schien zu flackern und wurde schließlich zu einem gleißenden Opal, der die Stirn einer dunkelhaarigen Frau schmückte.

»Niemand.«, antwortete die Prinzessin. »Ich bin allein gekommen.« - »Seltsam«, raunte die Frau. »Nur meine Diener finden sonst den Weg hierher. Kummer und Leid. Angst und Überdruss. Trauer und Krankheit. Bist Du keinem von ihnen begegnet?« Die Prinzessin schüttelte den Kopf. »Ich bin auf der Suche nach dem guten Ende.«, sagte sie.

»Ein gutes Ende?«, die dunkle Frau lachte leise. »Ein Ende kann ich Dir zeigen und für viele mag es auch gut sein. Für Dich? - Wir werden sehen.«

Mit diesen Worten breitete sie die Arme aus und hüllte die Prinzessin in ihren Mantel. Geborgen in der Samtschwärze überkam diese eine sonderbare Trägheit, nicht unähnlich derer, die sie vor dem Kamin empfunden hatte. Doch die Stimme die sie einlullte war nicht die ihrer Amme. Worte, süß und schwer wie Sirup tropften in ihr Ohr, fesselten ihre Glieder und lockten sie noch tiefer in die Umarmung. »Warum willst Du zurück? - Dort ist es hell und laut. - Hier gibt es nur Dich und mich. Dunkelheit, Stille - Schlaf.« Ein Schatten wuchs hinter ihren Augen und der Faltenwurf des Mantels wurde zu einem Strudel, der sie hinab riss und sie fiel, fiel, fiel.

Körperlos schwebte sie in der Leere - ein Licht flackerte irgendwo und zog sie an sich. »Siehst Du?« sagte die Frau, die sie nun grau und durchsichtig umwehte. »Dies ist ein gutes Ende für jene, die meine Diener hierher gebracht haben. - Du aber bist freiwillig gekommen und ich bezweifele dass Dir mein Ende gefällt. Entscheide Dich. Willst Du bleiben oder gehen?«

Mühsam suchte die Prinzessin das düstere Gespinst zu durchdringen, das über ihren Gedanken lag. War es nicht das was sie gewollt hatte? Ein Ende der Fragen und des Zweifels, eine Zuflucht im Dunkel. Wie früher, wenn sie sich in den Schlaf geweint und die Nacht sie geheilt hatte. Doch hier würde es kein Morgen geben. Hier gab es nicht einmal Tränen.

»Ich habe mich geirrt, lass mich gehen.«, bat sie. Die dunkle Frau nickte. »Es wird nicht einfach sein.«, warnte sie. »Wer einmal hier war nimmt den Schatten und die Nacht mit sich.« Dann verschwand sie und der Nebel verdichtete sich wieder zu Fels. Die Prinzessin fand sich am Fuß einer Treppe und begann den langen Aufstieg. Sie war müde, so müde. Die Fackel war erloschen und so tastete sie sich blind vorwärts von Stufe zu Stufe. Angst sprang ihr in den Nacken, Trauer drückte sie zu Boden, Überdruss fraß an ihrer Seele. Immer mehr sehnte sie sich zurück in die dunkle Umarmung, wollte vergessen, schlafen - vielleicht auch sterben.

Schließlich blieb sie erschöpft auf irgendeinem Treppenabsatz liegen und bewegte sich nicht mehr. Selbst wenn sie die Kraft gehabt hätte weiter zu kriechen, sie wusste nicht mehr wo sie war und der Weg nach oben oder unten schien gleichermaßen unüberwindlich. Es hatte keinen Sinn. Nie einen gehabt. Würde nie einen haben. So lag sie still und wurde langsam eins mit dem harten Stein.

»So einfach machst Du es Dir?«, höhnte eine Stimme. »So leicht gibst Du auf?« Verwirrt öffnete sie die Augen. Weißes Licht durchschnitt die Dunkelheit. Ein kleiner, stachliger Kobold blickte verächtlich auf sie herab. In seiner linken hielt er eine viereckige Laterne, deren Türchen weit offen stand.

Ihre Zunge löste sich. »Was willst Du?«, flüsterte sie.

»Dir einen Handel anbieten.« antwortete der Kobold. »Sofern Dein zersplitterter Verstand das noch zulässt. Aber vielleicht möchtest Du ja lieber hier bleiben bis Flechten über Dich kriechen und Wassertropfen Dich Bröckchen für Bröckchen abtragen. Solange bis die Zeit Dich ganz zermahlen hat.«

»Nein!«, sagte die Prinzessin ein wenig lauter. »Das will ich nicht.« Der Kobold grinste. »Ist Dir doch noch zu helfen. Ich fürchtete schon, es sei zu spät. Nun gut. Hier, nimm meine Laterne und fang das Licht wieder ein. Wie Du siehst, ist es schon fast entkommen.« Die Prinzessin setzte sich auf und nahm die Laterne. Tatsächlich glomm in ihr kaum noch ein Funke, während das leuchtende Band immer heller wurde, je mehr es sich von ihr weg bewegte.

»Warum machst Du das nicht selbst?«, fragte sie den Kobold erstaunt. - »Ich bin zu klein.«, antwortete er. »Das Licht ist zu schnell. Es rast immer weiter nach oben und ich kann ihm nicht folgen. Beeile Dich! Wenn der Funke erlischt, sind wir beide verloren!«

Die Prinzessin sprang auf und hastete vorwärts. Sie vergaß Angst, Trauer und Überdruss, nahm zwei Stufen auf einmal, immer die Laterne vor sich gestreckt und hetzte dem Licht hinterher. Schon war aus dem Funken ein goldenes Leuchten geworden, doch das weiße Strahlen war noch weit voraus. Also rannte sie noch schneller, immer weiter, immer höher und rollte dabei das Licht auf wie einen Faden. Bunte Sterne tanzten vor ihren Augen als sie um eine letzte Kurve preschte und direkt vor ihr die Spitze des Lichtstrahls zitternd in der Luft verharrte. Ohne zu zögern stülpte sie die Laterne über ihn, warf das gläserne Türchen zu und legt den Haken vor. Dann sank sie keuchend zu Boden. Das Licht pulsierte hell und zornig in seinem Gefängnis.

Langsam kam die Prinzessin wieder zu Atem und sah sich um. Plötzlich begriff sie, weshalb es ihr gelungen war das Licht einzufangen, denn hier ging es nicht weiter. Sie befand sich in einem Turmzimmer durch dessen bleiverglaste Fensterbögen man in den Himmel sehen konnte. Der Raum war leer bis auf ein mehrstufiges Podest in seiner Mitte. Ein Thronsessel stand darauf und in ihm schien eine weiße Statue zu sitzen. Vorsichtig stellte sie die Laterne neben sich, stand auf und ging um das Podest herum zu einem der Fenster. Das Glas beschlug von ihrem Atem, so bitterkalt war es. Sie wischte ein, zweimal mit ihrem Ärmel über die Scheibe und versuchte hindurch zu spähen.

»Von dort unten siehst Du nichts!«

Erschrocken fuhr sie herum und suchte nach dem Ursprung dieser Worte. Doch sie sah niemanden außer der Statue, die hoch über ihr thronte. Als sie den Kopf in den Nacken legte um der Statue ins Gesicht zu sehen, begegnete ihr ein kalter Blick aus glitzernden Augen.

»Was willst Du hier?«, fragte die Statue, die gar keine Statue war sondern eine weissgekleidete, blasse Frau mit silbernen Haaren. »Warum störst Du meine Ruhe mit Deinem lauten Herzschlag und wirren Gedanken? »

Die Prinzessin fröstelte und verschränkte die Arme vor ihrer Brust. »Ich suche ein gutes Ende.«, antwortete sie. »In der Tiefe bin ich schon gewesen und irgendwo zwischen gestern und morgen. Aber gefunden habe ich es noch nicht.«

Die weiße Frau durchbohrte sie mit ihrem Blick. »Ein Ende suchst Du? Und ein gutes soll es sein? Komm herauf und suche Dir eins aus, wenn Du Mut hast. Von jeder Stufe aus kannst Du durch ein anderes Fenster sehen.«

Die Prinzessin trat vorsichtig auf die erste Stufe zum Thron und wendete sich westwärts. Durch das Glas des ersten Fensters sah sie zwei Liebende in einem Garten. Sie lachten und tanzten und machten sich gegenseitig die schönsten Blüten zum Geschenk. Aber dort wo sie tanzten verdorrte das Gras und keine der gebrochenen Blumen wuchs nach. Plötzlich standen sie still und erstaunt in mitten des zerstörten Gartens. Die Frau weinte und der Mann hob einen einen Ast vom Boden und hieb damit wütend auf einen Rosenstrauch ein, von dem nur noch die Dornen geblieben waren.

»Warum haben sie sich nicht um den Garten gekümmert, als noch Zeit war?«, fragte die Prinzessin. Und als der Hauch ihrer Worte das Fenster traf rankten sich Eiskristalle vom Fensterbrett bis zum höchsten Bogen und sie konnte nichts mehr sehen.

»Weil sie es nicht besser wissen.«, antwortete die Stimme der weißen Frau hinter ihr. »Sie denken, die Liebe sorgt für sich selbst. - Aber es gibt auch welche, die sich nur um den Garten kümmern, wie sie denken, dass er sein soll und dabei verlaufen sie sich und verlieren den anderen aus den Augen. So oder so findet es ein Ende.«

Die Prinzessin schüttelte sich vor Kälte und stieg eine weitere Stufe hinauf. Durch das Nordfenster erblickte sie zwei Brüder, die einen Brunnen gruben. Der eine war fleißig und schaufelte unablässig die Erde nach oben, der andere war faul und machte ein großes Aufhebens um jedes Steinchen, das er bewegte. Der fleißige Bruder stieß mit seiner Schaufel auf einen Topf voller Gold und brachte ihn froh nach oben um ihn mit seinem Bruder zu teilen. Dann stieg er wieder herab um den Brunnen fertig zu bauen. Der faule Bruder aber wartete bis der fleißige unten angekommen war und erstickte ihn indem er die Erde zurück in das Loch warf bis von dem Brunnen nichts mehr zu sehen war. Dann nahm er den Topf voller Gold und machte sich davon.

»Das ist nicht gerecht!«, entfuhr es der Prinzessin. Und das zweite Fenster bedeckte sich von oben bis unten mit Reif und wurde undurchsichtig.

»So ist die Welt nun mal. Gerechtigkeit ist nichts weiter als eine schöne Idee. Sie nützt dir nichts solange sie nur in Deinem Kopf wohnt und nicht in dem der anderen. Aber wer will das erzwingen?«, erklang die kühle Stimme hinter ihr.

Zitternd setzte die Prinzessin ihren Fuß auf die nächste Stufe und drehte sich nach Osten. Das dritte Fenster zeigte zwei mächtige Heere die sich gegenüber standen. Sonnenlicht glänzte auf polierten Helmen und Rüstungen. Fahnen flatterten im Wind und prächtige Rösser schnaubten und tänzelten ungeduldig auf der Stelle. Die Anführer hielten flammende Reden und zogen sich dann hinter die eigenen Linien zurück. Herolde stießen in goldene Trompeten und die Schlacht begann. Blanker Stahl suchte sich den Weg in ungeschütztes Fleisch. Blut spritzte, Körper zuckten. Abgehackte Gliedmaßen fielen zu Boden, Pfeile bohrten sich in Augen und Kehlen. Es war ein herrliches Sterben, doch am Ende stand es unentschieden. Teppiche wurden von beiden Seiten über die Toten und Verwundeten gerollt und die Anführer trafen sich in der Mitte. Ernst sprachen sie eine Weile miteinander, nickten sich dann zu und gingen zurück zu den Resten ihres Heeres. Singend und klingend zogen sie davon und überließen das Schlachtfeld den Raben.

»Worum haben sie denn gekämpft?«, fragte die Prinzessin entsetzt. »Was kann so viele Leben wert sein?« Und auch am dritten Fenster wucherten die Eisblumen, aber diesmal hatten sie etwas tröstliches.

»Macht.«, sagte die weiße Frau. »Sie finden immer einen Vorwand. Ein Stück Land oder eine bestimmte Lebensweise oder die Himmelsrichtung in die man seine Gebete verrichtet. Sie wollen Kontrolle um jeden Preis. Solange ihn andere zahlen.«

Die vorletzte Stufe schien höher zu sein als die anderen, mühsam zwang die Prinzessin ihre starren Gelenke sich zu beugen und zu strecken. Ihr Blick fiel durch das Südfenster auf ein lachendes Kind, das einem Schmetterling hinterher jagte. Als es ihn endlich gefangen hatte, spießte es ihn auf eine Nadel und packte ihn sorgfältig hinter Glas. Das Kind wuchs zu einem dünnen blassen Mann heran, der von morgens bis abends kleine Dinge untersuchte in der Hoffnung den großen Zusammenhang zu verstehen. Aber im Laufe der Jahre wich der hungrige Ausdruck in seinen Augen der Verzweiflung. Eines Nachts, als er müde über eine Retorte gebeugt stand, flatterte ein Nachtfalter herein, umtanzte trunken die Kerze und stürzte sich schließlich in die Flamme. Da glitt es wie bitteres Verstehen über das Gesicht des Greises und er sank zu Boden und starb.

»Wonach hat er bloß gesucht?«, murmelte die Prinzessin und auch das letzte Fenster trübte sich.

»Nach dem Sinn des Lebens natürlich. Das tut ihr doch alle. Ihr glaubt es müsse einen Plan geben und ihr wärt ein Teil davon. Von hier oben beobachte ich euch und sehe zu wie ihr durcheinander rennt, euch bekämpft, euch zusammentut und euch fortpflanzt, damit die nächste Generation das Selbe tun kann. Und damit hört der Plan auch schon auf.«

»Ist das alles?«, fragte die Prinzessin.

»Das ist alles, was Du von dort aus zu sehen kriegst.«, antwortete die weiße Frau. »Nun, willst Du weiterhin Teil dieses lächerlichen Treibens sein, oder willst Du auch die letzte Stufe zu mir hinaufsteigen?«

»Ich weiß nicht...« zögerte die Prinzessin. »Mir ist so kalt, ich glaube, ich kann mich gar nicht mehr bewegen.«

»Das liegt an dem unnützen Ding in Deiner Brust«., antwortete die Frau. »Solange es so heiß und laut schlägt fühlst Du die Kälte. Gib es mir, ich werde es anhalten und in einem hübschen Kästchen aus funkelnden Kristallen aufbewahren. Dort liegt es dann sicher und kühl und Du spürst kein Unbehagen mehr. Das nenne ich ein gutes Ende.«

Sie streckte die Hand aus. Unendlich mühsam setzte die Prinzessin einen Fuß auf die oberste Stufe direkt vor den Thron. Als die weiße Frau ihre Brust berührte und ihr Atem stockte verschwand der Reif an den hohen Fenstern und sie wurden wieder klar. Aber in jedem Fenster sah sie nur sich selbst und die weiße Frau. Gespiegelt und wieder gespiegelt bis ins Unendliche.

Entsetzt wich sie zurück. Die Kälte traf sie wie ein Pfeil und ihr Atem setzte keuchend wieder ein.

»Das ist kein gutes Ende!«, rief sie, als sie die Stufen hinab stolperte. »Das ist einfach Stillstand. Du bist genau wie die dunkle Frau in den Tiefen des Schlosses.«

»Nein!«, widersprach die Silberhaarige. »Ich bin unbarmherziger. Und Du bist dumm. Nun geh und komm nicht wieder. Mein Geschenk wird Dich begleiten, ob Du willst oder nicht.«

Stumm griff die Prinzessin nach der Laterne und floh die Treppen hinab. Es dauerte lange bis ihr wieder wärmer wurde und selbst da war es als ob ein kalter Hauch auf ihrem Herzen läge der nicht vergehen wollte. Sie war müde und hungrig und über ihren Gedanken lag ein Schatten und ihr Herz fror. So kam sie schließlich wieder in die vertrauten Hallen, doch sie waren verlassen und das Feuer im Kamin lange erloschen.

Da setzte sie sich vor die kalte Asche und weinte ein bisschen, aber der Schatten auf ihren Gedanken flüsterte: »Das ist nun Dein gutes Ende!« Und ihr Herz höhnte: »Du hast es ja nicht anders gewollt!«

Die Laterne in ihrer Hand aber fiel zu Boden und die Tür sprang auf und heraus kletterte der stachlige Kobold. »Hast Du nun genug?«, fragte er.

Sie nickte und putzte sich geräuschvoll die Nase. »Es gibt kein gutes Ende - oder?«

Der Kobold lachte, griff in die Laterne und schleuderte den kleinen goldenen Funken in die Asche. Da wurde die Asche wieder zu Holz und der Funken zur Flamme und bald prasselte das Feuer im Kamin so lustig wie zuvor.

»Bald werden wir Holz sammeln gehen und Pilze und ich fürchte, Du wirst lernen müssen selbst zu kochen. Vielleicht wirst Du draußen jungen ungestümen Blaubärten begegnen und ehrlichen Schweinehirten. Auch böse Feen, Drachen und glühende Pantoffeln werden sich nicht ganz vermeiden lassen. Das Wichtigste jedoch ist ein guter Anfang...«

impressum © kadabra 2010