Kadabras Geschichten

Gestern ein König

Eines Tages erhielt Otto N. einen Brief in dem er aufgefordert wurde am 15. des Monats in der Lebensaufsichtsbehörde zu erscheinen und zwar pünktlich morgens um halb zehn, Zimmer 666. Herr N. wunderte sich ein wenig denn er hatte noch nie mit der Lebensaufsichtsbehörde zu tun gehabt, bis heute hatte er nicht einmal gewusst dass es sie gab.

Da er aber ein pflichtbewusster Bürger war und ausserdem in dem Brief etwas über Maßnahmen stand, die ein Nichterscheinen nach sich ziehen würde, klemmte er den Brief sorgfältig hinter den Spiegel und ging erst einmal ins Büro.

Ansonsten passierte an diesem Tag nichts aufregendes. N.erledigte gewissenhaft seine Arbeit, nutzte die Mittagspause um ein Gebot bei ebay abzugeben und seinen Kontostand abzufragen, erledigte um 17.30 noch rasch ein paar Einkäufe und traf sich abends mit seinem besten Freund Paul auf ein Bier.

Paul kam wie immer zu spät, rutschte ungeschickt auf den Barhocker neben Herrn N. und blickte nervös um sich. »Otto, sie sind hinter mir her!«, flüsterte er. Paul war nett aber so paranoid wie man als eindeutig zu spät geborener Spätachtundsechziger nur sein konnte. Er rebellierte gegen alles und jeden, witterte überall eine Verschwörung und rauchte Kette.

N.lächelte gutmütig. »Wer ist es denn diesmal?«, fragte er. »Die GEZ oder die Steuerbehörde? Oder hast du nachts wieder "Selber denken ist billiger!" auf die Werbeplakate der Bildzeitung gesprüht?«

Paul schüttelte den Kopf. »Nichts von alledem«, sagte er. »Ich war einkaufen.« Herr N. runzelte die Stirn und bestellte noch zwei Bier. »Was ist daran schlimm?« »Eigentlich nichts.«, antwortete sein Freund. »Ich hatte nur das übliche : Transfair-Kaffee, Neutralreiniger und Zigaretten. Aber als ich bezahlen wollte hat sich die Kassiererin geweigert mein Geld zu nehmen, weil ich keine Karte hatte.«

»Ach so.«, nickte N. »Du bist wirklich entsetzlich altmodisch. Wer zahlt denn heutzutage noch bar?« Paul schüttelte verzweifelt den Kopf. »Nein! Ich hatte keine Kundenkarte!« Herr N. schaute ihn verständnislos an. »Wieso denn nicht? - Ich denke du gehst da immer hin? Weil sie diesen ganzen Ökobiotransfairkram haben? Und das Zeug ist doch teuer genug. Wieso holst du Dir nicht ein bisschen von deinem sauer verdienten Geld zurück?«

»Weil«, antwortete Paul im Ton dessen der diese Diskussion schon tausendmal geführt hat, »ich nicht will, dass sie Informationen über mich sammeln. Aber wie du siehst, sind sie mir auf die Schliche gekommen.« Herr N. zuckte die Achseln und bestellte noch zwei Bier. Wenn "sie" ins Spiel kamen war mit Paul nicht zu reden. "Sie" waren je nachdem und in beliebiger Reihenfolge: Die Regierung, die Wirtschaftsbosse, die Massenmedien, Sekten im Allgemeinen und Scientology im Besonderen. Manchmal waren es auch Ausserirdische.

»Hast du gewusst«, sagte Paul und zog hektisch an der xten Zigarette des Abends, »dass sie kleine Chips an Rasierklingen und Frischkäse anbringen, die eine eindeutige Identifikationsnummer per Funk übertragen können? Ich meine, dass ist das was sie zugegeben haben. Niemand weiss, was man mit den Dingern sonst noch anstellen kann.«

»Ach komm, Paul. Du übertreibst mal wieder. GPS für Lebensmittel? Wozu soll das denn gut sein?« Herr N. gestattete sich nun doch ein herzliches Lachen. »Ich werde nachts nicht mehr schlafen können vor lauter Angst dass irgendein Satellit ein bekanntes Frischkäseobjekt in meinem Kühlschrank ortet. Trinken wir noch eins auf den Weg?«

Sie tranken eins und dann noch eins und trennten sich wie immer in aller Freundschaft. Paul klopfte Otto zum Abschied auf die Schulter und murmelte: »Du wirst es erst merken, wenn sie dir die Nummer auf den Arm tätowieren. Zu schade, denn sonst bist du ein feiner Kerl!« N. schwankte ein wenig und lachte. »Wieso machst du Dir überhaupt Sorgen? Wenn du Recht hast, haben sie dich zu dem Zeitpunkt längst an die Wand gestellt oder dir eine nette Gummizelle mit Aussicht spendiert. Du wirst es also gar nicht mitkriegen!« - »Das ist ja das Schlimme!«, jammerte Paul, drehte sich um und verschwand in der Nacht.

Als Otto N. am nächsten Morgen aus unruhigen Träumen erwachte fand er seinen Kopf in eine ungeheure Basstrommel verwandelt, auf die ein kleiner unsichtbarer Teufel begeistert einschlug. Nach zwei Aspirin besserte sich sein Zustand ins Erträgliche blieb aber weiterhin suboptimal. Zu allem Überfluss schrillte dann auch noch das Telefon.

»Guten Morgen!«, schmetterte es ihm fröhlich entgegen. »Mein Name ist Britta Lästig vom Feldforschungsinstitut für angewandten Marketingterror. Spreche ich mit Herrn Otto N.?« N. gab dies zu, bat sie aber im Gegenzug darum etwas leiser zu schreien. »Haha!«, dröhnte es aus der Muschel. »Wo sie gerade schon so gut aufgelegt sind, Herr N., sie haben neulich eine Packung Freifröhlichfromms im ST-Markt an der Kaiserallee gekauft. Es gab sie zum Einführungspreis. Darf ich fragen, wie sie mit dem Produkt zufrieden sind?« »Sie dürfen selbstverständlich fragen«, antwortete Herr N. höflich. »Allerdings wüsste ich wirklich nicht, was sie das angeht.« Und legte auf.

Der Tag hatte unerfreulich begonnen und schien nach allen Kräften bemüht diesen Zustand beizubehalten. Beim Rasieren im Bad hatte Herr N. ein ärgerliches Piepen im Ohr, das erst aufhörte als er den Nassrasierer in seine Magnethalterung zurücksteckte. Der Briefkasten quoll über vor Werbezeitschriften, unseriösen Kreditangeboten und betont wichtig aussehenden Umschlägen der Klassenlotterie. Sein Handy meldete aufgeregt er möge bitte DRINGEND die folgende Nummer anrufen. Auf der anderen Seite informierte ihn eine freundliche Frauenstimme darüber, dass momentan leider alle Plätze besetzt seien man ihn aber so bald als möglich durchstellen würde. Er möge doch solange etwas klassische Musik geniessen. Die ersten Takte des Rheingolds wallten auf und Herr N. trennte schaudernd die Verbindung. Für den ganzen "Ring" hatte er nun wirklich keine Zeit.

Der Computer an seinem Arbeitsplatz war an der nächtlichen Spamflut erstickt oder einem Virus zum Opfer gefallen. Ein Techniker machte Wiederbelebungsversuche und warf Herrn N. dabei merkwürdige Blicke zu. In diesem Moment erschien der Chef und zitierte N. in sein Büro.

»Können sie mir erklären, wieso sie 2983 emails zum Thema Olivenöl erhalten, Herr N?«, fragte er. »Unser Mailserver hat nach der 2000. kapituliert, keine schlechte Leistung, wenn man bedenkt, dass jede dieser mails einen 1 Gigabyte grossen Anhang hatte. Wir haben, so hat der Administrator mich informiert, Filter für jede Art von Spam. Von Cialis über Viagra bis Xanax. Sie werden allnächtlich aktualisiert. Aber damit haben wir nicht gerechnet.«

Herr N. errötete und murmelte er bedaure zutiefst aber es sei ihm leider nicht möglich Licht in diese Angelegenheit zu bringen. Was nicht ganz der Unwahrheit entsprach. Sein Chef musste sich wohl oder übel mit dieser Antwort zufrieden geben und entliess ihn in einen nervenzermürbenden Arbeitstag.

Als Otto N. abends erschöpft nach Hause kam, fielen ihm zwei Dinge ins Auge. Das eine war der Brief hinter dem Spiegel und das andere das Lämpchen des Anrufbeantworters. Seine Mutter hatte angerufen. Und Milena. Und ein Herr, der es nicht für nötig gehalten hatte sich vorzustellen. » Meine Mitarbeiterin hat mir berichtet, dass sie sich unkooperativ zeigen, Herr N.«, klang es sanft aus dem Lautsprecher. »Sie werden nach dem morgigen Termin hoffentlich einsehen, dass jeder seinen Beitrag leisten muss. Wir machen ihnen ein Angebot das sie nicht ablehnen können. Ein Sonderangebot... «

N. stürzte in sein Schlafzimmer und riss die Bettdecke herunter. Aber dort lag lediglich Milenas alberner Teddybär. Und eine Orange.

Am nächsten Morgen um viertel vor neun begab sich Herr N. mit einem leicht flauen Gefühl im Magen zu seinem Termin in der Lebensaufsichtsbehörde. Erst fand er die Adresse nicht, dann verlief er sich in den endlosen Gängen des Gebäudes, blieb in einem Fahrstuhl stecken und wurde schliesslich von einem mitleidigen Beamten zu Zimmer 666 gebracht und hineingeschoben.

Hinter einem langen Tisch erwarteten ihn vier Männer und eine Frau. Herr N. steuerte automatisch auf die Frau zu, erkannte aber gerade noch rechtzeitig dass hier wohl alle für ihn zuständig waren. Er stand vor einem Tribunal.

Einer der Herren, vermutlich der Vorsitzende, richtete das Wort an ihn: »Wie wir aus unseren Unterlagen ersehen sind sie 43 Jahre alt, ledig, wohnhaft Biedermeierweg 17 in Bielefeld. Sie verfügen über Festnetz- und DSL-Anschluss, besitzen die übliche Multimedialandschaft bestehend aus Anlage, Fernseher und einem DVD-Player. Sie nutzen ein Laptop sowie ein Handy der Marke "Klingelwicht" und in ihrem Kühlschrank befindet sich momentan nichts als eine halbe Salatgurke und eine Packung Frischkäse. Können sie das bestätigen?«

Herr N. nickte verwirrt. »Woher wissen sie das mit der Salatgurke?«, flüsterte er.

»Der Frischkäse.«, antwortete der Vorsitzende knapp. »Wir sind mit der Datenübertragung äusserst zufrieden. Allerdings stört irgendetwas den Empfang aus ihrem Badezimmer. Lagern sie die Rasierklingen in der Nähe eines Magneten? Falls dem so ist, entfernen sie ihn bitte umgehend. Wir haben nicht Milliarden in dieses Projekt investiert nur um uns von Individualisten ausbremsen zu lassen. Fräulein Nachtigall, Ihr Kunde.«

Der Vorsitzende nahm die Lesebrille ab und lehnte sich zurück.

Fräulein Nachtigall schenkte ihm das Lächeln einer Zahnarztfrau. »Herr N.«, begann sie, »In ihrem Alter sind sie zwar in der Hochrisikogruppe angelangt, dennoch freut es mich ihnen mitteilen zu können, dass das Risiko für uns kalkulierbar ist. Ihr Blutdruck ist normal, sie ernähren sich gesund, treiben zweimal die Woche Sport, haben ein geregeltes Sexualleben und keine genetischen Defekte. Allerdings würden wir ihnen dringend empfehlen langsam Fräulein Milena zu heiraten. Wie sie vielleicht wissen liegt die durchschnittliche Lebenserwartung verheirateter Männer ungefähr 10 Jahre höher als die unverheirateter. Die Beschränkung auf einen Sexualpartner verringert darüber hinaus das Risiko sich mit Geschlechtskrankheiten anzustecken. Wir begrüssen es zwar, dass sie als verantwortungsbewusster Mensch Safer Sex praktizieren, möchten aber an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass es sich in Verbindung mit Latex bei Olivenöl keinesfalls um ein geeignetes Gleitmittel handelt.«

»Aber ... Woher wissen sie ... es war doch nur einmal...«, stammelte Herr N.

»Ich weiss«, strahlte Fräulein Nachtigall beruhigend. »Und die betreffende Person war wirklich hinreissend, abgesehen von diesem kleinen Problem. Kurz gesagt: Wenn sie sich im Strassen- und sonstigen Verkehr weiterhin vorsehen, können sie ein biblisches Alter erreichen, ohne nennenswerte Kosten zu verursachen.«

»Äh - wir wollen es doch nicht übertreiben!«, warf ein etwas verbittert dreinschauender Herr von der Seite ein. »So zufrieden meine Kollegen mit ihnen auch sind, Herr N., sehe ich mich doch gezwungen an ihr Verantwortungsgefühl als Staatsbürger zu appellieren. Warum rauchen sie nicht für die innere Sicherheit? Warum trinken sie so wenig Alkohol? Mit jedem Jahr das sie länger leben verkürzt sich ihr Rentenanspruch. Natürlich können sie steinalt werden, wenn sie so weitermachen - aber wofür? Ihr momentaner Beitrag zur Pflegeversicherung reicht gerade für einen Zivi der ihnen in 25 Jahren morgens zwischen 5 Uhr 10 und 5 Uhr 15 die Temperatur misst. Rektal. Also überlegen sie es sich. Geniessen sie das Leben lieber jetzt. Gehen sie in Spielcasinos, parken sie falsch, gehen sie bei Rot über die Strasse. No risk, no fun! - Mr. Marley?«

Verzweifelt blickte sich N. nach einem Stuhl um. Es war keiner da.

Mr. Marley hatte für die Worte seines Vorredners nur ein missbilligendes Kopfschütteln übrig. »Wir von der Finanzdienstleistung«, sagte er freundlich, raten ihnen natürlich keinesfalls dazu ihr Geld zum Fenster rauszuwerfen. Geben sie es lieber uns. Sie haben zwar einige gute Anlagen, sind aber offenbar nicht optimal beraten worden. Diese Immobilie zum Beispiel, in der sie ihre Mutter mietfrei wohnen lassen, brächte auf dem derzeitigen Markt einiges ein. In einem Heim wäre ihre Frau Mutter sowieso viel besser untergebracht...«

»Moment!«, protestierten der verbitterte Herr und Fräulein Nachtigall gleichzeitig. »Herr N. ist ein vorbildlicher Sohn und würde das dem Beitragszahler (»Steuerzahler!«, zischte der griesgrämige Herr.) ... äh .. seiner Mutter niemals antun. Nicht wahr?«

»Warum eigentlich nicht?« fragte eine sanfte Stimme. Herr N. fuhr zusammen. »Wie ich ihnen gestern schon telefonisch mitgeteilt habe», sagte der Herr dem die Stimme gehörte, »ist was sie wollen oder nicht wollen nicht Gegenstand unserer Unterhaltung. Sie haben unsere Dienste in Anspruch genommen, aber wer garantiert uns dass sie das auch weiterhin tun? Sie werden verstehen dass wir uns absichern müssen. Bis jetzt haben sie uns dabei vorbildlich unterstützt. Wir kennen ihre Bankkonten, ihre Steuererklärung und den Unterschied zwischen beiden. Wir kennen ihre sexuellen Vorlieben und Abneigungen und die Frauen, bzw. Männer die diese teilen. Wir kennen ihren Gesundheitszustand besser als ihr Arzt. Wir sind, könnte man sagen, so etwas wie ihre Familie.

Wir machen ihnen folgendes Angebot : Sie kaufen oder nutzen alle Produkte die wir für ihre Zielgruppe als geeignet erachten und dafür lesen wir ihnen jeden Wunsch von den Augen ab sobald das Biometriemodul so weit ist.«

Otto N. schaute gehetzt von einem zum anderen, hyperventilierte und ging zu Boden.

Als er erwachte, lag er in seinem eigenen Bett. Dumpf starrte er an die Decke und versuchte sich zu erinnern wie er dorthin gekommen war. Auf jeden Fall hatte er einen abscheulichen Traum gehabt. Etwas juckte an seinem linken Unterarm. Er wollte kratzen, zuckte aber vor Schmerz zusammen. Direkt unter der rot geschwollenen Haut ertastete er einen kleinen Fremdkörper.

Das Telefon klingelte. Am anderen Ende war Fräulein Nachtigall. »Otto! Wie geht es ihnen? Wir haben uns Sorgen um sie gemacht. Bitte versuchen sie auf keinen Fall den LSK-Chip zu entfernen. Mittlerweile dürften sich die Nanoantennen fast in ihr Rückenmark vorgeschraubt haben und da wäre jeder Manipulationsversuch tödlich. So praktisch, diese neue Schnittstelle zum Gehirn! Wir haben sie für die laufende Woche krankschreiben lassen und ihren Arbeitgeber bereits informiert. Was LSK heisst? Lifestylekontrolle natürlich, sie Dummerle. Ach und nennen sie mich doch einfach Florence!«

Otto N. starrte noch eine Weile den Hörer an und legte ihn dann behutsam auf. Mühsam erhob er sich und suchte sein Jackett. Es hing ordentlich über einem Stuhl, darin befand sich seine Brieftasche und darin die Karte. Zum ersten Mal machte er sich die Mühe sie genau anzusehen.

Und da, für jeden sichtbar und verständlich der der englischen Sprache mächtig war, stand es auch :

»Wir zahlen es Ihnen heim!«

impressum © kadabra 2004