Kadabras Geschichten

Homunculus

Frau S. musste diesmal wirklich zerstreuter gewesen sein als üblich.

Sie war eine kleine dicke Frau mittleren Alters mit rotem Gesicht und abgearbeiteten Händen. Ständig wuselte sie im Haushalt herum, kochte, backte und verlegte oder vergaß Dinge. Letzteres war ihre besondere Spezialität. "Schusselchen" hatte sie ihr Mann früher liebevoll genannt aber dies tat er nicht mehr so oft. Seine Stimme war leise und ungeduldig geworden wenn er mit ihr sprach. Und sie begann die Frage: "Was suchst du denn nun schon wieder?" zu fürchten.

Immer mehr zog sie sich in ihre Küche zurück und verschanzte sich dort hinter dampfenden Töpfen und rauchenden Pfannen. Mit Leidenschaft kochte sie Marmelade ein oder buk riesige Napfkuchen.

Leider ließen die Ergebnisse ihrer Kunst meistens etwas zu wünschen übrig, weil sie Zutaten vergaß oder Dinge verwechselte. Außerdem beschlug bei dem ganzen Dampf regelmäßig ihre Brille und sie konnte die Rezepte nicht mehr lesen. Sie ließ sich jedoch davon nicht entmutigen und wirkte weiter zwischen brodelndem Sirup und zischendem Wasserkessel, wog und maß ihre Zutaten ab, fügte hier eine Kleinigkeit hinzu, ließ dort etwas weg und verwechselte Zucker mit Salz oder an schwierigen Tagen auch mal mit Waschpulver.

Und dabei war es wohl irgendwie passiert.

Eigentlich hatte sie nur einen Christstollen backen wollen, nach einem Rezept ihrer Ururgroßmutter. Pünktlich, sechs Wochen vor Weihnachten, stand sie zwischen Mehltüten und Milchflaschen, Rosinen und Hefe hinter ihrem Herd und versuchte verzweifelt die altdeutsche Handschrift ihrer Ururgroßmutter zu entziffern. Dabei war sie allerdings nur mäßig erfolgreich, erriet öfter als sie las und als sie schließlich den Teig vorschriftsmäßig dreimal gewalkt hatte, schob sie das brotähnliche Gebilde kurzerhand in den Ofen und sank auf den nächsten Stuhl.

Nach einer Stunde öffnete sie die Ofentür, spähte in die Röhre und schlug sie entsetzt wieder zu.

Minutenlang starrte sie ungläubig auf die geschlossene Tür des Backofens. Dann, ganz vorsichtig, öffnete sie sie noch einmal.

Vom Stollen keine Spur. Mitten auf dem Backblech hockte ein kleines bräunliches Wesen und grinste sie frech an. Seine Augen erinnerten entfernt an Rosinen, aber damit erschöpfte sich auch jegliche Ähnlichkeit mit Weihnachtsgebäck. Seine Gliedmaßen waren dünn und spinnenartig, ein Busch zerzausten Haares stand senkrecht von seinem Kopf ab und da war dieses Grinsen. Unverschämt!

»Du hättest das Backpulver weglassen sollen.«, sagte das Wesen. »Hefe, Eier, Natron und Backpulver sind zuviel. Du kannst froh sein, dass dein Ofen nicht explodiert ist. Wo hattest du das Rezept überhaupt her?«

»Von meiner Ururgroßmutter.« , hauchte Frau S. verstört. »Eigentlich sollte es ein Christstollen werden.«

Das Wesen krümmte sich ein wenig und warf ihr einen bösen Blick zu.» Ich wäre dir dankbar, wenn du dieses Wort nicht noch einmal erwähntest, solange wir es miteinander zu tun haben.«

»Welches? Christstollen?«

Der Kobold zuckte zusammen. »Soviel solltest du eigentlich über Homunculi wissen, dass sie bei der Erwähnung bestimmter Persönlichkeiten höheren Ortes ein körperliches Unbehagen empfinden. Tu das bitte nie wieder!«

»Oh!«, sagte Frau S., und dann begann sie langsam zu begreifen. »Du bist ein Homunculus?«

»Nichts bleibt Dir verborgen!«, äußerte sich das Wesen sarkastisch. »Da plagen sich Generationen von Alchimisten, Nekromanten und Wissenschaftlern damit ab mich zu erschaffen. Jahrhundertelang war ich das größte Rätsel der Menschheit. Selbst Goethe hat mich nur erfunden. Und du fragst: "Bist du ein Homunculus?" Also wirklich!«

»Entschuldige bitte.«, sagte Frau S. und dann fing sie an zu weinen. »Immer geht mir alles schief!«, schluchzte sie. »Dabei habe ich mich diesmal doch fast genau an das Rezept gehalten, soweit ich es lesen konnte. Und trotzdem muss ich mich bei irgend etwas vertan haben.«

»Sieht so aus.« , sagte das Wesen. »Und was das Rezept betrifft, wer hätte je von einem Stollen mit Hefe, Eiern, Natron UND Backpulver gehört? Deine Ururgroßmutter muss ja eine noch schlechtere Köchin gewesen sein als du. Außerdem war zu ihrer Zeit das Backpulver noch gar nicht erfunden! Zeig mal her!«

Frau S. erhob sich aus ihrer Hockstellung und warf bei ihrer hastigen Suche zwei Mehltüten um, die ihrerseits gegen die Milchflasche stießen, worauf sich die Milch auf den Boden ergoss und das dorthingeflatterte Rezept durchtränkte.

Aus dem Backofen ertönte ein Stöhnen. Der Homunculus verließ sein immer noch recht gemütlich warmes Plätzchen auf dem Backblech und ließ sich mit akrobatischer Geschicklichkeit von der Ofentür auf den Boden herab. Schließlich war er nur zwanzig Zentimeter groß. Als er das Rezept erreichte sah er sofort, dass nichts mehr zu machen war.

Die Milch war mit der alten Tinte eine interessante chemische Verbindung eingegangen, die sich auf dem Papier in kleinen hellblauen Pfützen sammelte. Oben konnte man noch die Worte: Man nehme: in altdeutschen Buchstaben erkennen, der Rest war zerlaufen.

Der Homunculus nahm ein Eckchen des ehemaligen Rezepts zwischen die Finger und pfiff durch die Zähne. »Dachte ich mirs doch. Feinstes Pergament aus dem 16. Jahrhundert. Deine Ururgroßmutter muss entweder sehr, sehr alt geworden sein oder sie hat das Rezept selbst geerbt!«

»Nein.«, sagte Frau S.. »Sie hat das Rezept doch selbst erst 1880 von einer Freundin zur Hochzeit bekommen und es eigenhändig noch einmal abgeschrieben, weil sie Schwierigkeiten mit deren Handschrift hatte.«

»Das scheint ja in der Familie zu liegen und könnte einiges erklären aber nicht alles. Wo lag das Rezept, als du den Teig geknetet hast?«

»Auf dem Herd, sonst war nirgendwo mehr Platz.«

»Aha!«, sagte der Homunculus. »Da kommen wir der Sache schon näher.« Vorsichtig neigte er das Pergament zur Seite, damit die Milchtintenbrühe abfließen konnte, strich einmal mit der Hand darüber hinweg, schleifte es quer durch die Küche und versuchte es auf das Backblech zu wuchten.

Frau S. schaute ihm dabei verständnislos zu.

»Könntest du vielleicht die große Freundlichkeit besitzen und den quantitativen Vorteil deiner Größe dahingehend nutzen, mir helfend unter die Arme zu greifen?«, keifte der Homunculus.

»Natürlich.«, murmelte Frau S. und legte das Pergament auf das Backblech. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung was er im Schilde führte.

»Mach die Klappe zu und stell auf 200 Grad!«

»Aber warum?«

»Tus einfach!«, ächzte der Kobold.

Nach zehn Minuten öffnete Frau S. gehorsam die Ofentür und setzte den Dämon in die Röhre. Der zerrte das Pergament ans Licht und jetzt sahen sie es beide.

Wirre kabbalistische Zeichen wechselten sich mit Worten ab. Unter dem Text war ein Pentagramm zu sehen und darunter eine Unterschrift:

Dr. Johann Fausten, Leipzig 1536

»Aber, bei Belial und Sammael.«, murmelte der Homunculus, »Wenn er das Rezept hatte, wieso hat er es dann nie geschafft? Fausts vergebliche Versuche einen von uns herbeizuholen waren ein ständiger Witz in den unteren Regionen der Hölle.«

»Vielleicht fehlte ihm ja eine Zutat.«, wandte Frau S. vorsichtig ein. Das war schließlich ein Gebiet auf dem sie sich auskannte. »Vielleicht war es doch das Backpulver oder die Hefe oder die Eier. Hier steht ja nichts davon, soweit ich es entziffern kann.«

Der Homunculus sah sie einen Moment nachdenklich an und brach dann in Gelächter aus. »Natürlich, das ist es!«, japste er und hielt sich dabei die Seiten. »Da kann auch nur der Höllenfürst persönlich drauf kommen. Eine Mischung die so unwahrscheinlich ist, dass sie nie jemand entdeckt, es sei denn er ist Alchimist und Hausfrau in Personalunion.«

Frau S. fand das nicht besonders komisch.

Der Dämon aber krümmte sich vor Lachen und kugelte auf der Backofenklappe herum. »Das muss man sich mal vorstellen!«, krähte er. »Ein Backrezept auf okkultem Pergament - und beides zusammen ergibt die Formel! Eine Mixtur aus Teufelsbeschwörung und CHRISTSTOLLEN!!!«

Er schlug sich auf den Mund, doch es war zu spät. Es tat einen Schlag, ein Feuerball sauste durch die Küche, setzte das Rezept in Brand und verschwand mit einem geisterhaften Heulen mitsamt dem Homunculus in der Backröhre, die Klappe schlug zu und es war still.

Frau S. kniete immer noch vor ihrem Backofen und hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Die Küche war voller Rauch.

»Was hast du denn nun schon wieder angestellt?«, hustete es von der Tür her. »Was hast du diesmal hineingetan, dass es so erbärmlich stinkt? Wie Schwefel! Und warum kniest du vor dem Ofen, betest du ihn an?«

Frau S. nahm die Hände vom Gesicht und sah ihren Mann an, der zornig in der Tür lehnte. Langsam verzogen sich die Rauchschwaden.

»Oh nein.«, sagte sie. »Bestimmt nicht.«

impressum © kadabra 1995

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