Kadabras Geschichten

Klio

Es klingelte an der Tür. Fluchend erhob sich ein Mann von seinem Stuhl und fegte dabei einen Stapel Papiere von seinem Schreibtisch. Eine Kaffeetasse kippte um und fiel auf die Tastatur des Computers. Auf dem Schirm wimmelten plötzlich weisse Schriftzeichen auf blauem Grund.

Es klingelte immer noch. Der Mann bahnte sich einen Weg zur Tür, zwischen Mülltüten, Haufen von Altpapier und Schuhen mit Dreckrändern. Er fuhr sich einmal mit der Hand durch das wirre Haar, löste die Kette und öffnete. Draußen stand ein zerzaustes Wesen weiblichen Geschlechts und spitzte die Lippen.

»Hallo!«, sagte sie, »Bist du der Schriftsteller?«

Der Mann dachte einen Moment nach. War er ein Schriftsteller? Schließlich nickte er zögerlich. »Ich kaufe nichts!«, fügte er hinzu.

»Kann ich mir vorstellen.«, sagte die Frau und drängte sich an ihm vorbei. »Wovon denn auch?«

Er öffnete den Mund um zu protestieren, zwinkerte statt dessen heftig und sah sie sich erst einmal genau an. Seine Brille lag bestimmt wieder auf dem Schreibtisch unter der dritten Version von "Sieg und Kriegen".

Soweit er es erkennen konnte, war sie gut gepolstert, nur leider an den falschen Stellen. Der zerzauste Eindruck, den sie machte rührte nicht nur von ihrer Frisur her, die so aussah als sei ihr die Entscheidung zwischen Färben und Dauerwelle schwergefallen, sondern auch von einer Art Poncho mit Rentiermuster, dessen verfilzte Fäden in alle Himmelsrichtungen abstanden.

Ihre Beine verbargen sich in einem Zwischending von Rock und Hose unter dessen zerfransten Säumen nie geputzte Gummistiefel hervorlugten. Das Ensemble wurde durch eine Menge von Holzperlenketten und klirrenden Armreifen abgerundet. Ausserdem hatte sie sich so etwas wie eine Dokumentenrolle unter den Arm geklemmt.

»Eine Sozialarbeiterin!«, schoss es ihm durch den Kopf. »Womit habe ich das verdient?«

»Du hast überhaupt nichts verdient!«, sagte sie. »Jedenfalls nicht seit dieser Werbekampagne für Hygieneartikel vor zwei Jahren. Seitdem lebst du von deinen Ersparnissen und machst Schulden.«

»Kommen sie von der Schuldnerberatung! Ist es das?«, fragte er.

»Nicht direkt!«, antwortete sie. »Eigentlich sollte ich hier nur etwas abgeben.«

»Warum tun sie es dann nicht einfach und gehen wieder? Ich bin ein vielbeschäftigter Mann!«

»Schön wär’s!«, sagte sie verächtlich. »Dann müsste ich meine Zeit nicht mit dir verplempern. Aber das Gegenteil ist der Fall. Mit sechzehn hast du Gedichte geschrieben und sie liebevoll in einer blauen Plastikmappe gesammelt. Mit achtzehn hattest du deinen ersten Roman in der Schublade. Drei Jahre später waren alle 112 Kopien wieder in deinem Besitz, zusammen mit den kurzen, aber vernichtenden Ablehnungsschreiben der Verlage.

Dein Theaterstück ist nie aufgeführt worden. Du hast Dich noch nicht einmal getraut es jemandem zu zeigen. Deine erste Freundin hast du hinausgeworfen, weil sie beim Lesen deines "Dramatischen Gedichts" Tränen lachte. Und so ging es weiter. Dann hast du angefangen für diese Werbeagentur zu arbeiten. Alle, einschließlich deiner Eltern dachten, du seist endlich zur Vernunft gekommen und würdest etwas aus deinem Leben machen.

Bis zu deinem Auftritt im Büro des Chefs, als du dem Geldgeber der Werbekampagne für "Niemals" ins Gesicht schriest, es sei unter der Würde eines Künstlers Texte zu schreiben um Damenbinden zu verkaufen. Das war’s dann. Dein letztes Gehalt reichte gerade noch für den Computer, den dir dein Freund verkaufte, weil er mit seiner Habilitationsschrift fertig war. Und den hast du gerade kaputtgemacht, wenn ich mich nicht irre.«

Sie machte eine Pause um Luft zu holen. »Sieh den Tatsachen ins Gesicht, du bist ein Versager! Übrigens, können wir uns vielleicht setzen?«

Er wies kraftlos auf die Tür, die den Blick auf etwas freigab, was in Wohnungsanzeigen immer mit "Großzügiges 1-Zimmerappartement mit Koch- und Waschgelegenheit" beschrieben wird. Mit anderen Worten: Der Raum war ca. 15 qm groß, das aufgeklappte Schlafsofa stieß an den Schreibtisch und der wiederum an eine Duschkabine, die sich die Wand mit einem Schrank teilte, welcher die Kochgelegenheit enthielt.

Das Bierfass, das als Couchtisch diente musste den Bauch einziehen und das Fenster, unter dem der Schreibtisch stand glich einer Schießscharte. Die ganze Einrichtung verschwand unter schmutziger Wäsche und Tonnen von Büchern und Typoskripten. Das Klo befand sich Gott sei Dank eine Etage tiefer im Treppenhaus, sonst wäre noch nicht einmal für einen von ihnen Platz gewesen.

»Erinnert mich an Ionesco.« sagte die Frau träumerisch.Sie machte einen halbherzigen Versuch Wäsche und Papier vom Schlafsofa auf den Boden zu fegen. Da dort aber kein Platz mehr war, ließ sie sich einfach rückwärts in das Chaos fallen.

Gepeinigt zuckte der Mann zusammen. »Sie sitzen auf der zweiten Version von "Tod und die Jungs"«, knirschte er.

»Die erste war sowieso besser!« sagte sie. »Wenn man überhaupt im Zusammenhang mit einem Plot der Krieg, Tod, Hunger und Pestilenz als homosexuelle rechtsradikale Halbstarke eine bürgerliche Vorstadtkneipe anzünden lässt, unter dem Vorwand dies sei nun endlich die Apokalypse, von "besser" sprechen kann.«

»Ich wollte einen Krimi schreiben.«

»Lüg nicht! Du hattest eine gesellschaftliche Parabel im Sinn, die die Menschheit als so heruntergekommen entlarvt, dass die einzige Apokalypse die sie verdient, der Brand einer muffigen Vorstadtkneipe ist.«

»Und was ist mit dem einohrigen Detektiv im Trenchcoat, der den "Röhrenden Hirsch" aus den Flammen rettet und die vier Täter verbrennen lässt?«

»Noah und die Arche.«, sagte sie. »Du solltest endlich aufhören die Bibel abzuschreiben, nur weil sie der größte Bestseller aller Zeiten ist!«

»Wer sind sie, um Himmels willen und was wollen sie von mir?!!«

»Ich dachte schon, du würdest nie fragen.«, seufzte sie. »Ich bin deine Muse.«

»Sie sind was?«

»Hör endlich auf mich zu siezen. Bei unserem Verhältnis ist das geradezu peinlich. Schließlich kenne ich dich von Kindesbeinen an.« Ihr schelmisches Lächeln erinnerte ihn entfernt an seine Mutter.

»Sie sind verrückt.«

»Sieh dich um und sage laut und deutlich, dass du mich nicht brauchst. Dann bin ich sofort verschwunden.«

Entschlossen öffnete er den Mund: »Solltest du nicht irgendwie anders aussehen? Ich meine jünger, hübscher, naturblond?«

»Es sind unter anderem deine Vorurteile, die dich zu einem miesen Schriftsteller machen. Hast du heute schon in den Spiegel geschaut? Jedem Töpfchen seinen Deckel. Es ist übrigens nicht ausgeschlossen, dass ich dir in obenerwähnter Gestalt erscheine, sobald du endlich Erfolg gehabt hast!«

»Ich dachte, es wäre dein Job dafür zu sorgen?«

»Hab ich ja versucht. Wer war, denkst du, jene erste Freundin, die du rausgeschmissen hast? Sie war naturblond, erinnerst du Dich? Oder die brünette Sekretärin in der Werbeagentur, der du die besten Ideen verdanktest? Wer war deine Grundschullehrerin in Deutsch, die immer so ermutigende Kommentare unter deine Aufsätze schrieb?«

"Das warst du?«

»Nein, das waren Kolleginnen von mir. Jahrelang habe ich den Verwaltungskram gemacht und dir eine nach der anderen auf den Hals gehetzt. Deine Akte füllt ein ganzes Regal. Dort ist alles verzeichnet, seit Melpomenes Lachkrampf. Thalia hatte wegen dir sogar einen Nervenzusammenbruch. Kalliope wurde degradiert, nachdem sie dreimal vergeblich versucht hatte dich zu küssen.«

»Das muss das dicke Mädchen in der griechischen Toga gewesen sein. Sie tauchte auf diversen Karnevalsfeten auf und verfolgte mich jedesmal quer durch den Saal. Einmal hätte sie mich beinahe erwischt. Ich konnte mich gerade noch aufs Herrenklo retten. Ich hatte mich schon gewundert, dass sie immer das selbe Kostüm trug. »

»Nein, das war Erato. An dem Abend als du Susi mit nach Hause genommen hast. Mit traumwandlerischer Sicherheit hast du dich im Leben immer mit der falschen Frau eingelassen. Ein hoffnungsloser Fall. Und nun bist du schließlich bei mir gelandet.«

Sie schüttelte den Kopf und warf einen Blick auf die Uhr. »Ich bin deine unwiderruflich letzte Chance, ist dir das klar? Also bringen wir es hinter uns. Ich muss noch einkaufen.«

Sie stand auf und kam auf ihn zu. Ergeben schloss er die Augen. Ein leichter Geruch von Patschuli wehte ihn an. Ihr Kuss war eigentümlich trocken, als seien ihre Lippen aus Pergament. Dann war es vorbei. Als er die Augen wieder öffnete war das Zimmer leer. Die Tür fiel ins Schloss.

Eine wunderbare Eingebung traf ihn wie ein Blitz. Er drehte sich zu seinem Computer herum und hämmerte in die Tasten, bevor er sich erinnerte, dass das Ding gerade den Geist aufgegeben hatte. Er blickte auf und erwartete einen schwarzen Bildschirm, der hämisch grinste. Statt dessen blinkte ihm fröhlich der Text entgegen. Erleichtert tippte er weiter. Die Zeit rauschte an ihm vorbei, aber er achtete nicht darauf. Er war glücklich.

Plötzlich schreckte ihn ein Klingeln aus seiner Versunkenheit. Betäubt wankte er zur Tür und riss sie auf.

»Hallo Schatz!«, sagte die Muse.

Sie war beim Friseur gewesen und hatte eingekauft. Fröhlich schob sie sich mit ihren Tüten an ihm vorbei. »Jetzt räume ich erstmal den Saustall hier auf und dann koche ich uns was Feines. Du kannst in der Zeit den Müll runterbringen und meine Koffer holen. Die konnte ich schließlich nicht auch noch hier raufschleppen.

Und bring bitte eine Zeitung mit, wir brauchen unbedingt eine größere Wohnung!«

impressum © kadabra 1996

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