Kadabras Geschichten

Paradise Lost

Eigentlich war alles ganz anders. Ich muss es wissen, weil sich sozusagen die ganze Geschichte um mich dreht, obwohl man mir dabei die wenigste Beachtung geschenkt hat. Ich will mich ja nicht aufspielen, aber einige Dinge muss ich doch hier und jetzt mal richtig stellen!

Meine früheste Erinnerung ist Licht und Grün und Geborgenheit. Mit meinen Geschwistern saß ich auf dem Arm meiner Mutter und genoss die Freuden des Daseins : Licht, Wasser, und Fotosynthese.

Ich wuchs und gedieh und nahm langsam meine Umgebung wahr. Eines Tages hörte ich Stimmen.

»Seht ihr diesen Baum?«

»Ja!«, ertönte es, einmal hell, einmal im Bass.

»Nun von allen Früchten und von allen Bäumen hier dürft ihr essen, nur von diesem - ich wiederhole - NUR VON DIESEM HIER NICHT!«

Pause... - Dann, wiederum im Chor : »Warum?«

»Weil... weil ihr sonst sterben werdet!«

Die Stimme, vorher sonor und fest, schien ein wenig zu zittern.

»Was ist sterben?«

»Sterben ist ... aufhören zu existieren, nicht mehr da sein...!«

»Oh - tut das weh?«

»Äh ... nicht direkt, jedenfalls nicht hinterher.«

»Aha!« ... Schweigen.

»Sterbt man gleich, nachdem man eine Frucht gegessen hat?« - Das war die helle Stimme.

»Es heisst stirbt - in diesem Fall. - Nein nicht gleich - aber irgendwann.«

»Oh - irgendwann!«

»Also - ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, Kinder. Esst nicht - ich wiederhole - NICHT- von diesem Baum! Habt ihr mich verstanden?«

Schweigen. Wahrscheinlich knabberten sie an ihren Nägeln und nickten dabei heftig. Schritte entfernten sich.

Ich grübelte ein wenig über das Gehörte nach, vergass es aber bald wieder. Es gab wichtigeres zu tun. Ich musste wachsen und an meiner Farbe arbeiten. Es ist nicht so einfach, die grünen Pigmente davon zu überzeugen, innerhalb weniger Wochen den roten zu weichen.

Zeit verging.

Eines Morgens weckte mich ein Rascheln. Ein seltsames Tier wand sich um meinen Ast und starrte mich kalt an. Es hatte einen geradezu dreieckigen Kopf und seine Zunge schnellte nervös vor und zurück.

»Grüssss dich!«, zischte es.

»Guten Tag!«, antwortete ich, schließlich weiss man, was sich gehört, obwohl mir etwas mulmig zumute war.

»Du riechssssssst ssssssehr gut! Du siehssssst auch gut aus! Sssso rund und rot!«

Ich fing an zu schwitzen, meine Schale glänzte.

»Ich bin die Ssssschlange!«, sagte die Schlange.

»Boskop - angenehm!«, log ich.

»Du siehsssssst nicht so aussss, als ob einem was passsssiert, wenn man dich frisssssssssst!«

»Das käme auf einen Versuch an!«, sagte ich tapfer.

Und das war der Fehler.

Wortlos schlängelte sich die Schlange einmal um mich rum und begab sich auf den Weg nach unten. Ich konnte mich noch nicht einmal von meiner Mutter verabschieden. Dann ließ sie mich fallen. Und zwar in eine Hand.

Die Hand gehörte einem seltsamen Wesen auf zwei Beinen, mit langen blonden Haaren und grossen, blauen Augen. Es lächelte. Es streichelte mich. Es drehte mich im Sonnenschein bewundernd hin und her, warf mich in die Luft und fing mich wieder auf. Irgendwie fühlte ich mich geschmeichelt.

»Nun komm ssssssschon, Eva!«, zischelte es aus dem Gras. »Ssssspiel nicht damit rum! - esssss riecht gut und isssssst bessstimmt nicht gefährlich!«

Eva zögerte. Ich liebte sie dafür.

»Nein!«, sagte sie. »Ich will diese Frucht Adam bringen. Es soll eine Überraschung sein!«

Schade, aber immerhin hatte sie gute Ansätze.

Sie lief über eine Lichtung und zwischen ein paar Bäumen hindurch und da lag Adam auf dem Rücken und kaute an einem Grashalm. Sie versteckte mich hinter ihrem Rücken.

»Welche Hand?«, fragte sie spitzbübisch.

»Geh mir aus der Sonne.«, murmelte Adam.

»Ach komm schon!«, sagte sie. »Ich habe eine Überraschung für dich. Aber du musst raten. Welche Hand?«

Adam blinzelte träge und zeigte irgendwohin. »Die!«

»Falsch!« Sie lachte fröhlich und zeigte ihm ihre Linke. Da lag ich nun und versuchte mich zu ducken.

»Was ist das?« fragte Adam misstrauisch.

»Oh«, sagte sie. »Nur eine Frucht vom verbotenen Baum.«

»Bist du wahnsinnig? - Wir werden sterben!«

»Ja - aber nicht gleich. Und Schlange hier meint, vielleicht würde es uns helfen gut und böse zu unterscheiden.«

»Was sind gut und böse?«

»Eben!«

»Oh.«

Adam wirkte nicht recht überzeugt. »Vielleicht kriegt man Bauchschmerzen!«, grummelte er sorgenvoll.

Eva hatte Mitleid. Sie hob mich zum Mund, sah mich liebevoll an und biss krachend in mich hinein. Erstaunlicher Weise tat es nicht weh. Eher im Gegenteil. Aber es ist mir peinlich davon zu sprechen. Einzig die Biene hatte bisher ähnliche Gefühle in mir auslösen können.

Adam wartete 10 Minuten und fragte dann taktvoll: »Wie geht es dir?«

Eva ging es augenscheinlich sehr gut. Sie machte keine Anstalten zu sterben oder sich vor Schmerzen zu krümmen. Stattdessen jagte sie einem Schmetterling hinterher und rief immer wieder: »Schau nur, wie schön er ist!«

Dabei behielt sie für sich, dass ihr vor 10 Minuten aufgegangen war, wie lächerlich Adam aussah, und sie fragte sich, was sie die ganze Zeit an ihm gefunden hatte. Nun gut, er war der einzige Mann auf der Welt, aber abgesehen davon ....

Adam packte mich und biss seinerseits ein Stück von mir ab. Diesmal war es eine nicht ganz so glanzvolle Erfahrung. Vielleicht lag es an den größeren Zähnen. Er kaute gelangweilt und spuckte einen meiner Kerne auf den Boden. Brutaler Kerl!

Dabei betrachtete er Eva nachdenklich und folgende Gedanken standen plötzlich auf seiner Stirn geschrieben: Hmmh! Sie ist ja ganz hübsch. Aber könnte sie nicht eine rassige Rothaarige sein? Und weniger auf den Hüften und dafür mehr vor der Brust haben? Und längere Beine? Und mit diesem albernen Rumgehüpfe aufhören? Und einfach die Klappe halten?

Es blitzte, es donnerte.

Und dann passierte das, was auch heute noch passiert, wenn ein Vorgesetzter erscheint und höflich um Erklärung bittet. Adam, Eva und die Schlange stellten sich in einer Reihe auf, und jeder zeigte automatisch auf den nächst Kleineren und sprach unisono: »SIE wars!«

Pech für die Schlange.

Der Herr aber dachte ein wenig nach und wandte sich an Adam.

»Weil du beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten jegliche Verantwortung von dir gewiesen hast, soll dies auch fürderhin dein Leben bestimmen. Für alle Ewigkeit wirst du immer behaupten alles zu wissen und zu können, und wenn etwas nicht funktioniert, wirst du es immer auf jemand anderen schieben, vorzugsweise auf eine Frau.«

Adam grinste.

Der Herr aber war noch nicht fertig.

»Deshalb wird dir kein intelligenter Mensch glauben und niemand wird dich ernst nehmen außer du dich selbst und das fast immer. Wenn dir aber doch einmal Selbstzweifel kommen, werden sie so gewaltig sein, dass du sie Midlife-Crisis nennen wirst und viele jüngere Freundinnen brauchst um sie zu vergessen und infolgedessen wirst du an einem Herzinfarkt sterben.«

Jetzt grinste Eva. Aber nicht lange.

Der Herr schaute sie traurig an.

»Von dir hatte ich mehr erwartet, schließlich bist du die Version 2.0. - Weil auch du dich nicht als verantwortungsbewusstes Wesen erwiesen hast, sollst du ihm - er wies mit dem Daumen auf Adam - zwar geistig überlegen sein, aber er wird es dir nie glauben und nicht auf dich hören. Genauso wird es dir mit deinen Kindern gehen. So wirst du niemanden haben, mit dem du dich austauschen kannst, außer deinen Schwestern, die aber werden dir entweder nicht zuhören oder direkt alles weitererzählen und dabei furchtbar verdrehen. So wirst du einsam sein, genau wie er - er zeigte wieder mit dem Daumen auf Adam - aber du wirst es die ganze Zeit wissen. Und damit du auch etwas davon hast, wirst du später sterben als er.«

Eva schluckte trocken und starrte auf ihre Zehen.

Nun war die Schlange dran. Sie machte noch nicht einmal den Versuch sich zu verstecken sondern starrte den Herrn unverwandt an.

Dieser holte tief Luft.

»Eigentlich«, zischte die Schlange, »ist es ja DEINE Schuld!«

Der Herr stutzte.

»Wassss sssssollte der Misssssst mit der verbotenen Frucht?«

Daraus ergab sich eine längere Diskussion, die sich im Großen und Ganzen um die Frage drehte warum man dem Menschen einen freien Willen gibt, nur um ihn bei der ersten autonomen Entscheidung hochkant aus dem Paradies zu werfen. Die Schlange plädierte auf verminderte Schuldfähigkeit, wegen nicht vorhandenen Unrechtsbewusstseins und nannte den Herrn unter anderem einen selbstherrlichen Vertreter des Patriarchats. Dieser konterte mit dem Prädikat "Versucher", welches die Schlange aber sofort zurückgab und so dauert dieses Streitgespräch bis heute an.

Adam und Eva schlichen sich leise und unbemerkt aus dem Paradies und natürlich können Sie gut und böse immer noch nicht unterscheiden, denn diese Frage wird ja höheren Ortes noch geklärt. Sowas nennt man ein schwebendes Verfahren.

Ja so war es und nicht anders. Und der ganze Kram mit unter Schmerzen gebären und das Brot im Schweisse deines Angesichts essen, haben missgünstige Engel erfunden.

Und ich, der Leidtragende bei der ganzen Geschichte muss seither ständig als Symbol für alle möglichen Dinge herhalten. Angeblich bin ich letztendlich Schuld am Fall Trojas, habe Schneewittchen vergiftet und außerdem hat man eine ganze, sündige Großstadt nach mir benannt.

impressum © kadabra 1999

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