Kadabras Geschichten

Putzteufel

An diesem Morgen erwachte sie nur zögerlich. Irgendetwas hielt sie lange in den Untiefen des Schlafes, lockte mit samtschwarzer Leere und bunten Träumen. Endlich befreite sie sich widerwillig aus Morpheus Armen und öffnete die Augen. Vor ihrem Bett wartete der Tag, den vollen Terminkalender unter den Arm geklemmt, und blickte ungeduldig auf die Uhr.

»Ich komm ja schon.«, murmelte sie schlaftrunken und wälzte sich aus dem Bett. Nach der dritten Tasse Kaffee sah die Welt schon anders aus, wenn auch nicht unbedingt besser. Die Versuchung, sich eine vierte Tasse einzuschenken und die nächsten zwei Stunden hineinzustarren, wäre für jeden anderen groß gewesen, sie aber hatte preußische Vorfahren und widerstand.

Außerdem war heute ein besonderer Tag: Frühjahrsputz.

Schon früh hatte ihre Mutter ihr beigebracht wie man dem größten Feind der Menschheit am besten gegenübertritt: Bewehrt mit Seife, Unmengen heißen Wassers und einem kalten Lächeln. »Müßiggang«, pflegte ihre Mutter zu sagen, »ist aller Laster Anfang. Merk dir das, Klementine!«

Und abends, wenn die frisch gewaschenen Putzlappen auf der Leine trockneten, hatte sie Geschichten von der Erbsünde erzählt. Von unzivilisierten Völkerschaften und Stämmen, die ihr Leben angeblich damit verbrachten, vor dem Dreck zu fliehen, statt ihn zu bekämpfen. Man nannte sie Nomaden und an Stelle sauber zu machen, brachen sie einfach ihre Zelte ab, und zogen weiter. Alles, was hinter ihnen zurückblieb, war eine staubige, trockene Wüste. Noch heute jagte ihr dieses unheilvolle Wort Schauer über den Rücken.

STAUB!

So klein die einzelnen Teilchen, die in der Luft tanzten, so dünn der Schleier auf den Möbeln, so harmlos die kleinen Fäden in der Ecke, und eh man sich versah, verdichteten sie sich zu Flusen und Bällchen, erhoben sich zu Wolken, krochen in jeden Winkel und begruben und erstickten am Ende alles unter einem grauen Leichentuch.

Nach einer solchen Geschichte war sie müde ins Bett gesunken und hatte die roten, rissigen Händchen gefaltet: »Herr, Du mein Gott, ich danke Dir, dass ich nicht bin wie jene.«

Entschlossen stopfte sie ein paar widerspenstige Haare unter ihr Kopftuch, zog die Gummihandschuhe zurecht und überblickte ein letztes Mal das Heer ihrer Verbündeten. Säuberlich aufgereiht standen sie da, verborgen in Flaschen, Dosen und Kartons. Alle waren sie angetreten, die Pasten und Pulver, Flüssigkeiten und Gelees. Vorneweg der General, die Schmierseife verschämt in der letzten Reihe.

»Zunächst«, sprach die Feldherrin, »eine Grundreinigung!« Und ließ ihren Worten die Tat folgen mit ihren guten alten Freunden, Wasser, Seife und Scheuerlappen. Zweimal nass, einmal trocken. Der Boden war sauber. Oberflächlich betrachtet.

Sie aber wusste, in den Spalten und Ritzen verbarg sich noch Furchtbares. Bakterien, Mikroben und Schimmelpilze hatten das feuchtwarme Klima freudig willkommen geheißen und schickten sich nun an, sich zu vermehren.

Aufgeregt öffnete sie die erste Flasche, schnupperte den Duft des Bergfrühlings und begann hingebungsvoll das Email zu bearbeiten. Die antibakteriellen Dämpfe kitzelten sie in der Nase. Langsam geriet sie ins Schwitzen. Doch erst nachdem sie jede Ecke und jeden Winkel abgeschrubbt hatte, richtete sie sich auf und löschte mit heissem Wasser ab. Ihr war ein bisschen schwindelig.

Gegen die Kalkflecken ging sie mit geballter Zitruskraft vor, wienerte keuchend die Kacheln bis sich ihre geweiteten Pupillen darin spiegelten. Schließlich überschwemmte sie das ganze Badezimmer mit einer Woge meergrüner Frische, die einmal über ihrem Kopf zusammenschlug, die Wände hinabperlte und einen feinen Dunstschleier zurückließ, der sich mit dem Wasserdampf mischte. Hier und da erklang ein kleines Zischen, als sich die Säure in den Boden fraß.

Gierig sog sie den Duft nach endlich, endlich, vollkommener Sauberkeit ein, bis ihr das Blut in den Ohren rauschte und die Farben verschwammen. Ganz sachte fing das Badezimmer an, sich zu drehen.

Der Dampf waberte in grünen Schwaden über der Wanne, zerriss vor dem Spiegel und ballte sich schließlich über der Kloschüssel zu einem Gebilde.

Ein phosphoreszierendes Wesen mit gewaltigen Muskeln wuchs bis zur Decke. Es hatte eine Glatze und trug einen Ring im Ohr. Mit einem freundlichen Grinsen beugte es sich zu ihr herab, wobei es mindestens zweiundsiebzig blendend weiße Zähne entblößte.

»Na endlich!«, hallte es. »Das wurde aber auch Zeit!« Haltsuchend klammerte sie sich an den Schrubber. Vergeblich. Die Beine gaben unter ihr nach und sie sank zu Boden.

»Fürchte dich nicht! Alle Hausfrauen träumen von mir, aber nur eine unter tausenden bekommt mich zu Gesicht. Denn ich bin das weißeste Weiß, die porentiefe Reinheit, die geballte Kraft, die alles schafft. Nenn mich einfach Meister P!«

»Aha!«, hörte sie sich sagen. Sie fasste den Schrubber fester und schielte misstrauisch nach oben. »Und was, bitte schön, tun sie in meinem Badezimmer?«

»Aber du hast mich doch gerufen!«, sagte der weiße Riese. »Nur in wirklich sauberen Räumen kann ich mich aufhalten. Sonst lebe ich in kleinen Plastikflaschen, was, unter uns gesagt, wirklich kein Vergnügen ist. Aber jetzt habe ich endlich Platz!« Er streckte und reckte sich quer durch das ganze Bad und warf einen Blick durch die Tür. »Ist der Rest deiner Wohnung auch so sauber?«, erkundigte er sich hoffnungsvoll.

»Natürlich!«, entgegnete Klementine empört. »Nicht nur sauber, sondern rein. Klinisch getestet!«

»Klinisch tot, meinst du wohl!«, erklang da eine unbekannte Stimme jenseits der Badezimmertür. »Aber, Chaos sei Dank, stimmt das nicht, sonst wäre ich nicht hier um das Schlimmste zu verhindern!«

Meister P. hatte sich beim ersten Wort der fremden Stimme zur Kloschüssel zurückgezogen, um dort grünlich vor sich hin zu schäumen. »Nicht schon wieder!«, blubberte er aufgebracht.

Sie stemmte sich hoch, drückte den Schrubber fest gegen ihre Brust und stieß die Tür auf. Dort, auf einem malerischen Stapel von alten Zeitungen und Müllsäcken, lümmelte sich eine Frau, die so aussah, als habe sie sich noch nie gewaschen und sei auch noch stolz darauf. Klementine wich angeekelt zurück.

»Wer sind sie, was tun sie hier und wie kommt dieses Zeug in meine Wohnung?« Anklagend hob sie den Schrubber.

Die Frau schnippte mit den Fingern und lachte. Es war ein dreckiges Lachen. Der Schrubber zog sich zusammen, verwandelte sich in einen Kuhfladen und platschte Klementine vor die Füße.

»Bevor ich mich vorstelle,«, sagte die Frau drohend, »möchte ich dich warnen. Du bist nahe daran eine Katastrophe auszulösen. Nicht das ich grundsätzlich etwas gegen Katastrophen hätte. Ein Vulkanausbruch, ein Erdbeben oder eine Flutwelle können sehr amüsant sein. Aber das was du vorhast, ist eine Nummer größer und das kann ich nicht zulassen!«

»Lass dich mit der bloß auf kein Gespräch ein!«, schmollte es von der Kloschüssel her.

»Was ist hier eigentlich los?«, fragte sie und lehnte sich erschöpft an den Türrahmen.

»Du hast den Putzteufel, das ist los!«, antwortete die Frau.

»Ein bisschen mehr Reinlichkeit könnte ihnen auch nicht schaden.«, konterte Klementine spitz. »Und überhaupt ist das immer noch meine Sache.«

»Ach ja? - Im Moment sitzt er in deinem Bad, bald wird er die ganze Wohnung für sich haben wollen, dann geht es weiter in den Hausflur und zum Schluss wird er dich dazu bringen eine Reinigungsmittelfirma aufzumachen und weitere Menschen ins Unglück stürzen. Denn das ist sein Ziel, heute dein Badezimmer und morgen die ganze Welt.«

»Und was wäre daran so schlimm?« Meister P. lugte vorsichtig um die Ecke. »Schmutz und Elend gibt es genug. Sauberkeit und Ordnung hat noch keinem geschadet.« Klementine nickte eifrig, denn das hatte ihre Mutter auch immer gesagt.

Die Frau schüttelte den Kopf, dann wies sie auf den Kuhfladen zu ihren Füßen. »Pass gut auf!«, befahl sie. Lustlos starrte Klementine auf den Kuhfladen und fragte sich dabei, wie sie das Zeug je wieder aus ihrem Teppichboden heraus bekommen sollte.

Zunächst tat sich gar nichts. Doch dann entwickelte sich Leben. Maden und Würmer krochen heraus, fraßen, verdauten, gruben um und verwandelten den Fladen dabei in eine Hand voll Erde.

Umso besser, dachte Klementine, dann kann ich nachher einfach mit dem Staubsauger drüber gehen, bevor ich den Teppich abschäume.

Doch das war noch nicht alles. Zartes Grün reckte sich aus der Krume. Ein Pflänzchen drängte ans Licht, wurde kräftiger, entwickelte weitere Triebe, verzweigte sich und wurde zu einem jungen Baum. Bald war er übersät mit schneeweißen Blüten, Bienen summten herbei, die Blätter reckten sich dem Licht entgegen und der Baum wurde größer. Schließlich warf er den Blütenschleier ab und schmückte sich stattdessen mit rotbackigen Früchten. Dann fiel ein Apfel zu Boden. Irgendwoher kam eine Kuh, fraß ihn genüsslich, und hinterließ als Souvenir einen Fladen. Der Baum war verschwunden.

Klementine starrte auf den Fladen und machte den Mund zu.

»Ganz netter Trick, nicht wahr?«, sagte die Frau und kicherte. »Aber jetzt wollen wir sehen, was dein neuer Freund zustande bringt. Heh! Meister P! Du bist dran!«

Hinter ihr ballte sich etwas zusammen. Sie trat beiseite um ihm Platz zu machen. »Lass nur!«, grollte es über ihre linke Schulter. »Ich erledige das von hier aus.«

Ein gewaltiger Arm reckte sich an ihrem Kopf vorbei, Mittel- und Zeigefinger der Hand waren ausgestreckt und wiesen auf den Fladen. Grünliche Blitze zuckten den Arm entlang und sammelten sich an den Fingerspitzen. Plötzlich vereinigten sie sich zu einem blendenden Strahl und zischten zu Boden.

Dort wo eben noch der Fladen gewesen war, war... nichts. Überhaupt nichts. Abgesehen von einem Loch im Teppichboden, dessen Ränder noch ein wenig qualmten.

»Ist das alles?«, fragte sie enttäuscht, nach einer angemessenen Pause.

»Was soll das heissen?«, blubberte es hinter ihr. »Immerhin ist dein Teppichboden wieder sauber und keimfrei! Etwas Dankbarkeit wäre schon angebracht! Und jetzt schmeiss die Schlampe raus, damit wir es uns endlich gemütlich machen können!«

Sie fuhr herum und schrie ihn an: »Mein Teppichboden mag sauber und keimfrei sein, aber jetzt ist er hin! Ausserdem ist mein Schrubber weg! Bring das sofort wieder in Ordnung! Sonst...«

»Sonst was?«, fragte Meister P. und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. »Womit willst du mir drohen, du menschliche Mikrobe?«, donnerte er. »Ich kann dich zertreten, wie einen Wurm! Ich kann dich entfernen, wie einen Fettfleck. Ich kann dich wegradieren, auslöschen, wegwischen, vom Angesicht dieser Erde. Zittere vor meiner Macht, du elendes Weib!«

Erschrocken flüchtete sie sich in den Flur. Dort räkelte sich die Invasorin zur Abwechslung auf einem Laubhaufen und gluckste. Sie schien eine Frohnatur zu sein.

»Siehste?«, lächelte sie. »Das ist alles, was er kann. Zerstören und kaputtmachen. Aber ohne dich schafft er es nicht.«

»Aber was soll ich denn jetzt bloß tun?«, jammerte Klementine.

»Versuchs mal mit: Besen, Besen seid’s gewesen!«, schlug die Frau vor.

»Im Ernst?«

»Quatsch!«, sie schien sich köstlich zu amüsieren. »So etwas funktioniert nur in Gedichten. Denk doch mal logisch!«

Klementine schloss die Augen, runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach.

»Seid ihr bald so weit, da draußen?«, quengelte es durch die Badezimmertür. »Es tut mir Leid, ich wollte dich nicht erschrecken, Klementine. Komm zurück! Oder noch besser, schmeiss das Weib raus, saug den Flur und putz die Küche noch mal ordentlich. Irgendwo muss sie ja schließlich hergekommen sein!«

»Stimmt!«, sagte Klementine. Sie lief in die Küche und schnappte sich die Blumenspritze. Schweren Herzens mischte sie drei Esslöffel Erde aus dem Stiefmütterchentopf mit einem Becher Jogurt, gab ein wenig Öl und ein Salatblatt hinzu, würzte das Ganze mit einer Prise Staub aus dem Staubsaugerbeutel und pürierte alles im Messbecher. Mit der Brühe füllte sie die Blumenspritze, klemmte sich noch eine halb volle Flasche Salmiakgeist unter den Arm und kehrte zurück zu Skylla und Charybdis.

Bangen Herzens betrat sie das Badezimmer.

»AH, du hast es dir überlegt.« Meister P. rieb sich die riesigen Hände und ließ seine Muskeln spielen. »Ist sie weg? Können wir uns daran machen die Welt zu erobern?«

Klementine schraubte die Flasche Salmiakgeist auf und hielt sie hoch. »Ich glaube nicht,« sagte sie,« dass du in eine so kleine Flasche passt!«

Ein gefährliches Glühen trat in seine Augen. »So, das glaubst du nicht?« Tief beugte er sich hinab, bis ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren.

»N-nein!«, stotterte Klementine tapfer.

»Aber du glaubst«, brodelte er ganz leise,« dass ich auf den ältesten Trick der Welt reinfalle, wie?«

Eine grünliche Hand näherte sich ihrer Kehle. Blitzschnell zog sie die Blumenspritze hinter ihrem Rücken hervor und sprühte ihn an. Mit einem grässlichen Heulen fuhr der Riese in den hintersten Winkel des Bades, dort krümmte er sich, die Hände vors Gesicht geschlagen.

»Nein, wimmerte er, nicht DAS. Organische Moleküle! Jogurtkulturen! Pflanzliche Öle! NEEEIIIIN!«

Klementine ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken, ging auf ihn zu, und drückte immer weiter auf die Pumpe, bis das ganze Bad aussah wie nach einer Schlammschlacht.

»Anionische Tenside«, murmelte sie dabei. »Sulfate, Säuren, Weichmacher, Umweltzerstörer, du hast viele Namen, Meister P. Aber jetzt hast du keine Macht mehr über mich! «

Im verzweifelten Bemühen der tödlichen Brühe zu entkommen, schrumpfte das Saubermonster immer mehr in sich zusammen. Zum Schluss war kaum noch eine Hand voll grünliches Glühen übrig.

»Du hast die Wahl!«, sagte Klementine. »Entweder zurück in die Flasche oder ich gebe dir den Rest.«

Mit einem kaum wahrnehmbaren Quieken des Protestes verschwand der böse Geist in der Flasche. Klementine schraubte sie zu und sank auf den Klodeckel. Kaum hatte sich ihr Puls einigermaßen beruhigt sprang sie wieder auf und stürzte in den Flur.

Dort aber erinnerte nichts an das Vorgefallene außer dem Loch im Teppichboden. Erleichtert ging sie in die Küche um sich die Hände zu waschen.

»Das mit der Ursuppe war wirklich eine gute Idee.«, begrüßte sie der zweite ungebetene Gast fröhlich. Diesmal hockte sie auf dem Mülleimer und flocht eine Kette aus Gänseblümchen.

»Aber behalt das Rezept lieber für dich sonst stellt jemand damit irgendeinen Blödsinn an. In dieser Beziehung seid ihr ja so erfinderisch .«

Klementine sagte »Wer wir??«

Ihr Besuch seufzte, stand auf und hängte Klementine die Kette um. »Ihr seid meine Sorgenkinder. Schwierig, schlecht erzogen und manchmal bösartig. Ständig mäkelt ihr an mir rum, stöbert in meinen Geheimnissen und glaubt alles besser machen zu können. Irgendwie kommt die Menschheit nie aus der Pubertät. Und ich muss die laute Musik ertragen, nachher aufräumen und Gras über die Sache wachsen lassen .«

»Vielleicht«, grübelte Mutter Natur, »hab ich auch einfach versagt?« Doch dann lachte sie schon wieder, kniff Klementine zum Abschied in die Wange und verschwand.

Nachdenklich fasste Klementine sich an den Hals und fand dort eine Kette aus Gänseblümchen. Sie ging ans Telefon bestellte den Sondermüll-Entsorgungsdienst und einen neuen Teppichboden.

Aus Sisal.

impressum © kadabra 1999

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