Kadabras Geschichten

Wie man einen wirklich guten Roman schreibt

Ein junger Mann saß eines nachmittags an einem Tisch in einer großen dunklen Bibliothek. Dort war er schon so oft gewesen, dass sie ihm zu einem zweiten Zuhause geworden war. Und was tat der junge Mann dort? Er versuchte einen wirklich guten Roman zu schreiben.

Dieser Vorsatz mag im Zeitalter von Seminaren für kreatives Schreiben oder gar Schriftstellersoftware mit vorgegebenen Stilrichtungen (Krimis, Liebesromane, schwere Literatur) etwas anachronistisch anmuten, aber der junge Mann war nun einmal ein wenig altmodisch. Er ging sogar soweit zu glauben, dass man einen wirklich guten Roman nur mit der Hand und in einer großen alten dunklen Bibliothek schreiben könne. Deshalb war er also da.

Trotz der optimalen Voraussetzungen, die er sich geschaffen hatte, gab es da ein kleines Problem. Es fiel ihm nichts ein.

Er wusste nicht mehr wie lange er schon jeden Nachmittag nach der Arbeit (er arbeitete in einer Bank) die Bibliothek aufsuchte, hoffnungsvoll die Kladde und den Füller auspackte und die Augen schloss um mit einem tiefen Atemzug den Duft und die Atmosphäre großer jahrhundertealter Gelehrsamkeit einzuatmen und eine Inspiration willkommen zu heissen. Leider war sie bis jetzt noch jeden Tag ausgeblieben.

Nicht, dass sich der junge Mann keine Mühe gegeben hätte, er wusste genau was er schreiben wollte: Einen großen Epoche machenden Entwicklungsroman, der der Gesellschaft kaputt, krank und korrupt wie sie war einen gnadenlosen Spiegel vorhielt und der mit einer Vision der wohlverdienten Apokalypse endete. Eine Mischung aus dem "Zauberberg", "Wilhelm Meister", dem "Simplicissimus" und der Bibel. Nur natürlich ganz anders und besser. Mit kafkaesken Zügen und einer Prise Handke.

Aber der erste Satz fiel ihm doch schwerer, als er gedacht hatte.

Er versuchte sich an alle großen ersten Sätze der Weltliteratur zu erinnern. Der einzige, der ihm durch den Kopf schoss war: "In einer Höhle im Boden, da lebte ein Hobbit." Und das war nicht ganz das Richtige. Verzweifelt vergrub er den Kopf in den Händen. Da legte sich ihm eine freundliche Hand auf die Schulter.

Erschrocken fuhr er herum.

»Wer bist du?«, erkundigte sich ein unscheinbarer junger Mann, der dem unseren erstaunlich ähnlich sah.

»Was tust du hier ?«, stotterte der junge Mann verblüfft.

Der andere lächelte ihn an. »Wohin gehst du?« fragte er.

Und als der junge Mann eine abwehrende Geste machte, fügte er beruhigend hinzu: »Nein, es ist nicht was du denkst. Diese drei Fragen sind unser Erkennungszeichen. Willkommen in der Gemeinschaft!«

»Welche Gemeinschaft? Ist das eine Sekte?«

»Versuchst du nun einen wirklich guten Roman zu schreiben oder nicht?«

»Natürlich, aber woher weisst du das?«

»Das tut nichts zur Sache. Wir wollen dir helfen.«

Verwirrt sank der junge Mann auf seinen Stuhl zurück und kniff sich einmal fest in den Arm. Es nützte nichts. Der andere war noch immer da und beobachtete ihn mit amüsiertem Interesse.

»Jeden Tag, den du hierher kommst ringst du verzweifelt mit deinem ersten Satz. Lange schon haben wir dich beobachtet und sind zu dem Schluss gekommen, dass du Hilfe verdienst. Viele geben früher auf. Viele schreiben einfach drauf los und muten das Ergebnis gnadenlos den Lesern zu. Wenige sind selbstkritisch genug um sich mit der ethischen Seite des Schreibens auseinander zu setzen. Wenige sind sich der Gefahr bewusst in die sie sich und andere bringen können. Wenige sind auserwählt!«

Der junge Mann seufzte erleichtert. »Also doch eine Sekte! Gibs auf, ich bin Atheist!«

»Das mein Freund, ist die beste Voraussetzung um einen Roman zu schreiben.«

Der andere zog einen zweiten Stuhl heran und nahm Platz. Über dem Tisch steckten sie die Köpfe zusammen, wie zwei Verschwörer.

» Die Kunst an sich ist ein gefährliches Ding. Doch das Schreiben ist die gefährlichste. Ein Musikstück oder ein Bild wirkt sofort und im ganzen über einen relativ kurzen Zeitraum auf den Zuhörer oder Betrachter. Doch der Teufel steckt im Detail. Der Musiker oder Maler kann seine Absichten nicht lange verstecken. Das Publikum entscheidet sofort ob es wünscht etwas zu empfinden und zückt einen Stempel mit der Aufschrift "Gut" oder "Schlecht".

Mit Büchern ist es etwas anderes. Harmlos sehen sie aus, niemand weiss, was sich zwischen den Buchdeckeln verbirgt, bis er es aufgeschlagen hat. Und dann fordert es Seite für Seite seine Aufmerksamkeit, entwickelt sich langsam zum Genuss oder zur Qual und fordert im letzteren Fall doch, dass man es fertig liest, um zu wissen wie es ausgeht. Über Stunden, Tage, vielleicht Monate begleitet und besetzt es den Leser. Spukt in seinem Kopf herum, initiert Gedanken, die vorher noch nicht da waren, verändert ihn. Schreiben ist Macht!«

Dem jungen Mann wurde es irgendwie unbehaglich zumute.

»Aber das stimmt doch gar nicht!«, protestierte er. »Heutzutage sitzt die Macht ganz wo anders. Film und Fernsehen, Zeitungsüberschriften in Großbuchstaben. Wer liest denn heute noch Bücher und lässt sich von Ihnen beeinflussen? Wer kann denn noch Informationen aufnehmen und verarbeiten, die das Auge oder das Ohr länger als ein paar Minuten in Anspruch nehmen ?«

»Glaubst du das wirklich?«, fragte der andere. »Und weshalb,« fügte er mit einem maliziösen Lächeln hinzu, »willst du dann einen Epoche machenden Roman schreiben, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält, wenn du glaubst, dass doch niemand hineinschaut?«

Betreten senkte der junge Mann den Kopf.

»Vielleicht gibt es ja doch noch den einen oder anderen Menschen, der sich dem Zauber des Geschriebenen nicht entziehen will. Vielleicht gibt es unter den Millionen Konsumenten doch noch zwei oder drei Leser? Vielleicht würden sie verstehen. Aber das hat nichts mit Macht zu tun.«

»Wirklich nicht?«, fragte der andere. »Und wenn dein Roman auch nur einen wirklichen Leser findet, so hast du doch in ihm einen Jünger und damit vielleicht auch einen Propheten, einen Rufer in der Wüste. Und deine Worte werden sich durch ihn weiterverbreiten und Früchte tragen und andere Menschen verändern. Und diese werden wiederum andere verändern. Alles Geschriebene trägt den Keim der Macht in sich.«

»Die Verantwortung wäre zu groß, wenn du Recht hättest! Niemand würde noch ein Buch schreiben wollen.«

»Irrtum! Wenn es jedem bewusst wäre, dass der Schlüssel der Macht allein in bestimmten Buchstabenkombinationen zu finden ist, würde jeder eins schreiben wollen. Um genau zu sein, ist das bereits der Fall. Doch das liegt gar nicht in unserem Interesse. Wie ich bereits sagte, nur wenige sind auserwählt!«

»Wer wählt sie denn aus?«

»Wir!«

»Und wer seid ihr?«

»Nun sagen wir, wir sind ein Gremium von Leuten mit gewissem Einfluss, die ein Interesse daran haben, dass der Wirkung des geschrieben Wortes wieder die Bedeutung zugemessen wird, die ihr zukommt.«

»Wie bitte?«

»Schreiben ist Macht. Und wir achten darauf, dass diese Macht in den richtigen Händen liegt.«

»Und wessen Hände sind die richtigen?«

»Nun, deine zum Beispiel. Oder die von Leuten mit dem dazugehörigen Verantwortungsbewusstsein. Nur sie sind würdige Adepten der schwarzen Kunst.«

»Schwarze Kunst?«, der junge Mann wich zurück. »Was willst du von mir?«

»Nichts, was du nicht selbst wolltest. Du wirst einen wirklich guten, Epoche machenden Roman schreiben. Wir schenken dir den ersten Satz. Und dann wird der Rest wie von selbst aus deiner Feder fließen.

Vielleicht wirst du ab und zu ein wenig ins Stocken kommen. Doch immer dann werden wir dir weitere Sätze schenken und du wirst fortfahren können in einem nie gekannten Schaffensrausch. Und zum Schluss wirst du ein großartiges Werk geschrieben haben, alles wird allein deine Schöpfung sein, bis auf ... sagen wir vielleicht fünf Sätze. Das ist mein Angebot.«

»Und wenn ich ablehne?«

Hinter dem anderen hatten sich die Schatten der großen alten Bibliothek verdichtet, und es schien als ob sich dort hunderte von blassen jungen Männern versammelt hätten. Ein körperloses Rascheln und Knistern, wie von tausenden zerknüllten Romananfängen erfüllte den Raum.

»Dann wirst du ihn nicht schreiben können. Niemand wird etwas von dir lesen. Niemand wird sich an dich erinnern. Nach deinem Tod wirst du vergessen sein, wie sie alle hier.«

Der andere stand auf und machte eine ausholende Handbewegung. Aus den Schatten der Bibliothek entrollte sich ein atemberaubendes Panorama. Rotationsmaschinen machten ihrem Namen alle Ehre und spuckten Millionen von Druckbögen aus. Lektoren winkten mit Geldbündeln. Zeitungsausschnitte mit Buchrezensionen flatterten aus allen Ecken. Menschen drängten sich in Buchhandlungen um Tische mit nur einem Titel. Die Auflagenhöhe stieg ins unermessliche. Und zu Füßen des jungen Mannes wand sich der Literaturpapst persönlich und drückte in zischenden Lauten seine grenzenlose Bewunderung aus.

» Dies alles«, sagte der andere, der jetzt noch ein bisschen blasser und unscheinbarer aussah, »will ich dir geben, wenn du unsere Hilfe annimmst.«

Dem jungen Mann, dem nur langsam klar wurde, mit wem er die ganze Zeit gesprochen hatte, würgte mit letzter Kraft eine Frage hervor.

»Wie lautet der erste Satz?«

Der andere runzelte die Stirn. »Nun lass mich überlegen. Unseren größten Erfolg hatten wir zweifellos mit:

AM ANFANG WAR DAS WORT...«

impressum © kadabra 1995

Valid XHTML 1.0! Valid CSS!