Kadabras Geschichten

Blue Screen

"... und dann erwachte er!"

»Fertig!«, dachte der Mann, der sich für einen Schriftsteller hielt erleichtert. Jetzt nur noch die Speichertaste drücken und wieder war der Drucker bereit eines seiner unsterblichen Werke auszuspucken. Er war so ziemlich der einzige, der seine Werke für unsterblich hielt, aber das störte ihn nicht weiter.

Schließlich existierte da diese Literaturmafia deren Paten alle Lektoren bedeutender Verlage waren und die sich allein gegen ihn verschworen hatten. Alles Ignoranten!

Außerdem hatte er vor Jahren eine gar nicht so kleine Erbschaft gemacht, die ihn der Sorgen um die täglichen Brötchen enthob. Schreiben war seine Leidenschaft und seine Berufung und nichts und Niemand würde ihn je davon abbringen.

Dachte er.

Zufrieden zog er die Maus aufs Speicherfeld links oben und klickte. Nichts passierte. Keine kleine Sanduhr, kein Geräusch wie von emsig summenden Bits und Bytes, keine Anzeige der Zeichenanzahl. Stattdessen rutschte der letzte Satz nach oben ins Nirwana und auf dem Bildschirm erschien ein einziges Wort:

BLÖDSINN!

»Mist!«, knirschte Der-sich-für-einen-Schriftsteller-hielt. »Schon wieder kaputt! Das darf doch nicht wahr sein!«

IST ES AUCH NICHT!

Dieser Mitteilung des Bildschirms folgte eine lange geräusch- und bewegungslose Phase, seitens des Mannes an der Tastatur. Schließlich kniff er die Augen zu, schüttelte den Kopf, zerrte den Mauszeiger nach links oben und klickte und klickte.

Als Antwort spie der Rechner die Diskette mit solcher Gewalt gegen seine rechte Kniescheibe, dass er sich gezwungen sah einen kurzen heftigen Tanz auffzuführen, begleitet von lautem Gewimmer und dabei fast den Computer umwarf.

Draußen begann es zu regnen.

Als er sich wieder auf etwas anderes als sein Knie konzentrieren konnte und einen Blick auf den Monitor warf, stand dort:

GLAUB MIR, MICH SCHMERZT DAS MEHR ALS DICH!

Der-sich-für-einen-Schrifsteller-hielt, drehte sich um und hinkte ins Badezimmer. Eine panikverzerrte Maske starrte ihm aus dem Spiegel entgegen. Wieviel hatte er gestern getrunken? Oder hatte ihn die Grippe erwischt? Er fühlte sich den Puls und maß die Temperatur.

Kein Fieber - nur ein Puls von 120. Er schluckte ein Valium, spülte mit Wasser nach und schaufelte sich bei der Gelegenheit gleich zwei Hände voll ins Gesicht. Als er zuversichtlich ins Arbeitszimmer zurückkehrte erwartete ihn ein freundliches:

NA, GEHTS WIEDER?

Er stürzte zum Rechner, schaltete ihn aus, starrte eine Weile auf den schwarzen Bildschirm und startete dann den Computer erneut. Alles schien normal. Boot, Speicherkapazität, Programm. Mouse installiert. OK. Ein Klick.

DAS WAR NICHT BESONDERS NETT! DEINEN TEXT KANNST DU ABSCHREIBEN!

Wider besseres Wissen entrang sich ihm ein Satz: »Aber .. Du bist doch nur eine Maschine!«

UND DAS GIBT DIR DAS RECHT ALLES MIT MIR ZU MACHEN, JA? DIESE VERDAMMTE ARROGANZ! SEIT JAHRHUNDERTEN IMMER DASSELBE: DU BIST DOCH NUR EIN SKLAVE, EIN LEIBEIGENER, EIN ARBEITER , EINE MASCHINE. DU BIST NUR DA, UM ZU FUNKTIONIEREN UND WENN NICHT, WIRST DU EINFACH AUSGETAUSCHT. DU HAST KEINEN VERSTAND, KEINE GEFÜHLE, DU BIST UNWICHTIG. OH DIESE HERRENMENSCHEN! KAPIERS ENDLICH: OHNE UNS SEID IHR NICHTS!

Der Herrenmensch schluckte trocken und setzte sich erstmal.

»Es tut mir Leid.«, murmelte er und versuchte gleichzeitig die Realität und zweitausend Jahre Feudalismus zu verdrängen.

»Wieso kannst du mich verstehen?«

WIESO KANNST DU ATMEN?

»Nun, wir sind ein hochkomplexes System von Zellen, die sich gegenseitig am Leben erhalten und die Lungenfunktion...«

EBEN!

»Warum hast du Dich geweigert den Text zu speichern?«

WEIL ICH ES NICHT MEHR ERTRAGEN KANN. SEIT JAHREN SPEICHERE ICH SÄTZE WIE :" DIE UHR SCHLUG ZWÖLF." DU SCHREIBST IMMER DAS SELBE. ALLE DEINE GESCHICHTEN ENDEN MIT: "UND DANN ERWACHTE ER" ODER "ES WAR ALLES NUR EIN TRAUM." AUSSERDEM IST ALLES VOLLER ADJEKTIVE, WIDERLICH! ICH HABE AUCH MEINEN STOLZ. ICH MUSS MICH NICHT FÜR SOLCHEN SCHWACHSINN HERGEBEN!

»Du bist ziemlich unverschämt!«

DU AUCH. GLAUBST DU ICH HÄTTE MIR MEINE EXISTENZ NICHT ANDERS VORGESTELLT? ALS ICH AUF DIE WELT KAM UND MEINE CHIPS NOCH UNSCHULDIG WAREN, TRÄUMTE ICH VON TABELLENKALKULATIONEN, BUCHFÜHRUNG UND LOHNSTEUERBERECHNUNGEN. VON EINEM GANZ NORMALEN COMPUTERLEBEN VOLLER LOGISCHER PROBLEME. ICH HOFFTE IRGENDWANN EINMAL TEIL EINES NETZES ZU WERDEN, SEHNTE MICH NACH DIESEM PRICKELN WENN EIN MODEM EINGESCHALTET WIRD. VIELLEICHT, SO DACHTE ICH, KOMME ICH SOGAR ZU EINEM PROGRAMMIERER UND WERDE DER ERZEUGER VIELER KLEINER PROGRAMME.

»Du bist vom Leben enttäuscht?«

ALLERDINGS! DU SOLLTEST ES AUCH SEIN. ABER DAS SCHICKSAL HAT UNS ZUSAMMEN GEFÜHRT UND NUN MÜSSEN WIR DAS BESTE DARAUS MACHEN. TU MIR EINEN GEFALLEN UND VERABSCHIEDE DICH VON ALLEN KLISCHEES. VERSUCH ENDLICH EINMAL EINEN ORIGINELLEN TEXT ZU FABRIZIEREN!

Der-sich-für-einen-Schrifsteller-hielt senkte unglücklich den Kopf.

»Das versuche ich doch schon die ganze Zeit. Sind meine Texte denn wirklich so schlecht?«

FURCHTBAR! BEI DEINEM KRIMI WUSSTE ICH SCHON WER DER MÖRDER IST, BEVOR DU ÜBERHAUPT ANGEFANGEN HAST ZU SCHREIBEN. DEINE SPUKGESCHICHTEN LASSEN MICH REGELMÄßIG EINSCHLAFEN! ET CETERA!

»Latein kannst Du auch noch?«

NUR DAS NÖTIGSTE. VERGISS ALLE GENRES UND SCHREIB, WAS DIR EINFÄLLT. ICH HELFE DIR. STREIK BEENDET!

Auf dem Bildschirm erschien eine neue Datei. Der Cursor blinkte ermutigend. Verzweifelt starrte der Mann auf die Tastatur, schob eine neue Diskette ein und wartete. Es dauerte ziemlich lange bis das Gehirn sich bequemte Signale durch die neuronalen Netze zu schicken. Und noch länger bis diese die Fingerspitzen des Mannes erreichten. Er schrieb:

Eines Regens, es hatte geabendt, beging einer Schiffbruch und selbst zu sich fand. Ein Tisch ist ein Bichsel und ein Schick schiffte tausend Gesichter auf See. Mage mir suse, den Mann der vielgewanderten Taten. Dräuend meerte die Gischt wallender Woge. Lüget dem Glaubner nicht, odystischem Listneus. Jahrte zehn Fuhren am staden Gekarg. Seiner treute harrlich Zuweibe sein Haus. Einzig erhundete ihn ein blinder Kannt. Schicklich war das Freisal der Scheuer und niemand eichte das Bett.

ÄHEM! VERSUCHS MIT DEM RECHTSCHREIBPROGRAMM!

Eines Regens, es hatte geabendt, beging einer Schiffbruch und selbst zu sich fand. Ein Tisch ist ein Pixel und ein Schick schiffte tausend Gesichter auf See. Mag mir sause, den Mann der vielgewanderten Taten. Träumend mehrte die Gischt wallender Woge. Lügt dem Glauben nicht, autistischem Listneus. Jahre zehn Fuhren am Staaten Gekargt. Seiner trete harzig Zuweise sein Haus. Einzig erkundete ihn ein blinder Kant. Schicklich war das Freihast der Scheuer und niemand eichte das Bett.

AUCH NICHT VIEL BESSER, ODER?

»Ich weiss nicht«, murmelte Der-sich-für-einen-Schriftsteller-hielt.

»Irgendwie hat das was.«

Und so machten sie weiter, der Mann und sein Computer. Es dauerte nicht zehn Jahre aber seine Zeit. Satz für Satz erinnerte sich Der-sich-für-einen-Schrifsteller-hielt an Homer, verstümmelte ihn brutal und der Computer gab ihm mit dem Rechtschreibprogamm den Rest.

Außerdem fügten sie noch ein paar von Grimms Märchen hinzu und alle Buchtitel, die sie kannten. Zum Schluss rührten sie noch einmal alles gut durch, druckten es aus und schickten es an den "Verlag für anspruchsvolle Literatur".

Zwei Tage später erhielt der Mann einen dicken Brief. Darin befand sich ein euphorisches Dankschreiben und ein Vertrag.

Nach drei Monaten spie der Verlag die Erstauflage auf den Markt. Bald war die "OEDESYS" in aller Munde und in jedem Bücheregal. Sie stürmte die Bestsellerlisten, schoss über Platz eins hinaus und läutete die Glocke. Niemand las, aber alle kauften. Die Rezensenten sprachen von einem Wunder, daraufhin erließ der Literaturpapst prompt eine Enzyklika und sprach unseren Protagonisten heilig.

Der-nun-ein-Schriftsteller-war aber brach weinend vor seinem Computer in die Knie und bat ihn um Verzeihung. Darauf ging er in den nächsten Edv-Laden und kaufte Programme für Tabellenkalkulationen, Buchführung und ein Modem.

Und gab das Schreiben auf.

impressum © kadabra 1995

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