Kadabras Geschichten

Undine

Eines Tages war ich. Die grünen Wasser wiegten mich, spielten mit meinen Haaren und lehrten mich schwimmen. Es gab keine Zeit, kein oben kein unten. Ich war.

Ich trieb in der Strömung, liess mich von Strudeln streicheln und alles war neu. Ziellos schwamm ich, bestaunte die Schönheit der Wasserpflanzen, tanzte mit den Fischen, neckte übermütig die Austern bis sie Perlen nach mir spuckten. Da habe ich zum ersten Mal gelacht.

Wenn die Müdigkeit mich überkam legte ich mich zurück in die Arme der Gezeiten und überliess mich ganz. Sie trugen mich hierhin und dorthin, doch das hatte keine Bedeutung. Ich war alle Orte und alle Orte waren eins.

So hätte es bleiben können, aber es blieb nicht so. Dem Staunen entwuchs ich und der Einheit auch. Die Erinnerung stach mir Bilder, die ich mit dem verglich was ich sah. Den Orten gab ich Namen und trennte sie damit von mir. So wurden die Wege weit und das Wasser tief. Und es gab ein ich und es gab alles andere. Verwirrt und ängstlich suchte ich Schutz im Korallenriff bis der grosse Sturm kam und es zerstörte. Da wusste ich dass nichts bleibt ausser den Wellen.

Sie folgen dem Wind und dem Mond und sonst niemand. Was sich ihnen fest gefügt und trotzig entgegenstellt mahlen sie klein. Nur mit leichten und beweglichen Dingen spielen sie fröhlich und nehmen sie für eine Weile mit auf die Reise. Also wollte ich fliessen. Mich treiben lassen. Nichts haben, nichts halten. Es gibt viele wie mich.

Und es gibt euch. Euch mit dem festen Boden unter den Füssen. Verwundert beobachte ich euch aus dem sicheren Hort meiner grünen Wasser. Wie ihr die Erde formt und Häuser baut, allem euren Willen aufzwingt in dem Bemühen Zeichen zu setzen und Denkmäler für die Ewigkeit. Ihr wollt bleiben. Ihr wollt erinnert werden. Ich nicht.

Frei will ich sein, frei gegen den Strom zu schwimmen oder mich den Gezeiten hinzugeben. Wer mich fangen will, dem zerrinne ich zwischen den Händen. Wer mich in eine feste Form pressen will, dem erstarre ich zu Eis. Eines Tages war ich und eines Tages werde ich nicht mehr sein.

Wer braucht schon eine unsterbliche Seele? Manchmal hat mich die Sehnsucht gerufen. Meine oder eure, wer kann das sagen? Ich wollte eure fiebrige Stirn kühlen und eure Leidenschaft mit kleinen zärtlichen Wellen. Ich wollte euch umspülen und euch glatt und glänzend zurücklassen ohne euch zu zerstören. Einen Moment still werden, euer Bild einfangen und meines in euren Augen sehen bevor die Gezeiten mich heimholen.

Ihr aber baut Dämme und Schleusen, setzt Positionslichter und zeichnet Karten. Ihr wisst immer so genau was ihr wollt und wohin. Ziellosigkeit ist euch verdächtig. In meiner Welt gibt es kein oben und unten. Dinge die unverrückbar scheinen werden von der nächsten Strömung mitgerissen. Ich bestimme nicht, weil man das hier nicht kann. Man fliesst in Lücken die sich auftun. Das ist meine Art zu lieben. Die einzige die ich kenne.

impressum © kadabra 2004