Kadabras Geschichten

Vanitas

Kalli Pürgisch nagte an einer Selleriestange und starrte in die Morgenzeitung.

Eigentlich hasste sie Rohkost, aber sie war zu dick und das schon ziemlich lange. Sie hatte sich von einem reizenden, knuddeligen Baby über ein properes Kleinkind zu einer fetten Göre entwickelt.

Und das war sie immer noch.

Nicht, dass sie nicht versucht hätte etwas zu ändern. Diese Hänseleien in der Schule, der strafende Blick ihrer Mutter wenn sie den Teller leer aß. Die grenzenlose Verachtung ihres Teenagerschwarms als sie ihm eine Liebeserklärung machte. Das alles war mehr als ein Mensch ertragen konnte. Bedauerlicherweise war das Einzige was dagegen half Essen. Es beruhigte. Es tröstete. Es ließ die Welt für eine Weile in einem rosigeren Licht erscheinen, zumindest bis man wieder Hunger hatte.

Wahrlich ein Teufelskreis!

Heute Morgen hatte sie ihre 665 Diät angefangen und dachte gerade mit Schaudern an das schmähliche Ende der 664 zurück, als ihr Blick an einer ganzseitigen Zeitungstextblock hängen blieb.

NIE WIEDER DICK!

stand dort in fetten Lettern.

Entschlossen schmiss Kalli die Zeitung auf den Boden und trampelte darauf herum. Der Boden bebte. »NEIN! Diesmal falle ich nicht wieder darauf herein. Algenbäder, Elektromassagen, Tees und Säfte! Pillen! Mir reichts! Nichts hat geholfen!«

Der Wind fuhr durchs offene Fenster und blätterte in der Zeitung.

Kalli drehte sich schmollend zum Spülbecken und absolvierte schwitzend den Abwasch von gestern Nacht. Bis 12 Uhr war alles gut gegangen mit ihrer 664 Diät, aber dann hatte es sie gepackt. Nur einen Apfel, hatte sie gedacht und sich auf einmal zwischen Töpfen voller Spaghetti, Schokoladentafeln und Schüsseln mit Kuchenteig wieder gefunden. Sie hatte keine Ahnung, wer das alles eingekauft, gekocht und angerührt hatte. Totaler Filmriss. Aber jetzt, wo alles fertig war konnte sie es auch ebenso gut essen. Dieses herrliche Gefühl satt zu sein!

Und dann heute Morgen die Scham und die Reue und die Selleriestange.

Der letzte Topf verschwand im Schrank. Sie zog sich den Mülleimer heran, öffnete die Kühlschranktür und fegte kurzerhand den ganzen Inhalt in die Tüte. Gerade wollte sie die Zeitung hinterherstopfen, als ihr ein Blatt davonflatterte und gegen den offenen Kühlschrank wehte.

NIE WIEDER DICK!

Sind auch Sie bereit alle Hoffnung fahren zu lassen? Ist dies Ihre 665 Diät? Wissen Sie schon genau, dass Sie auch diesmal versagen werden?

Dann sind Sie genau die richtige Frau für Dr. Urs Cherevs Wunderkur. Aus den Tiefen der Zeit enthüllte sich ihm das Mysterium unsterblicher Schönheit. Uralte Rezepturen können auch Ihnen zu ihrer Traumfigur verhelfen. Vergessen Sie jegliche Kalorienzählerei und werfen sie ihre Waage aus dem Fenster, denn Dr. URS CHEREVS WUNDERKUR wird auch Sie glücklich machen.

Kein Hungern. Kein Sport. Erfolg garantiert.

Der eher kärgliche Text wurde durch die üblichen "Vorher-Nachher" Fotos einer unglaublich schönen Frau in einer griechischen Toga ergänzt. Der fließende Stoff schmiegte sich an jede Rundung ihres Körpers und zeigte deutlich einen Unterschied von ca. 100 Kilo.

Gedankenverloren langte Kalli in den Mülleimer, angelte eine Packung Schokoladenkekse heraus, riss sie auf und stopfte sich eine Hand voll in den Mund.

Ende der 665 Diät!

So konnte es nicht weitergehen. Schnaufend rappelte sie sich auf und zog sich an. Die Adresse war leicht zu finden.

SCHÖNHEITSINSTITUT LUZI

verkündete ein greller Neonschriftzug.

Kalli sah sich um und registrierte, dass eine abblätternde Holztafel irgendwie besser in die Gegend gepasst hätte. Die Gasse war so krumm, dass man weder rechts noch links um die Ecke gucken konnte und die meisten Häuser lehnten lustlos und windschief gegeneinander. Ein Fensterladen klapperte. Im Kopfsteinpflaster klafften Lücken, zwischen denen das Unkraut spross. - Nein, diese neoklassizistische Marmorfassade war hier fehl am Platz. Sie ging trotzdem hinein.

Die Anzeige schien bis jetzt nicht viel Erfolg gehabt zu haben. Die Räume waren riesig und leer. Aber bevor sie es sich anders überlegen konnte, schlüpfte plötzlich hinter einer roten Samtportiere ein hinreissendes Wesen hervor. Ihr Haar wallte ihr schwarz den Rücken hinab und bildete einen schönen Kontrast zu ihrer blassen Gesichtsfarbe. Blutrote Lippen verzogen sich zu einem warmen Lächeln.

»Herzlich Willkommen, meine Liebe. Wie schön, dass sie zu uns gefunden haben!«

Sie war so schlank, dass Kalli beinahe das Gefühl hatte durch sie hindurchsehen zu können.

»Ja, äh. Ich komme wegen der Anzeige...«, brachte sie eingeschüchtert hervor.

»Aber natürlich tun sie das. Kommen sie bitte mit. Bevor der Doktor für sie Zeit hat müssen noch ein paar kleine Formalitäten erledigt werden.«

»Der Doktor?«

»Dr. Urs Cherev!« Sie warf Kalli über die Schulter einen verschwörerischen Blick zu. »Wir nennen ihn auch den Meister!«

»Na Klasse!«, dachte Kalli, »Jetzt bist du bei einer Sekte gelandet!«

Sie gelangten in ein kleineres holzvertäfeltes Zimmer. Im Kamin brannte ein lustiges Feuer. Schürhaken und Ofengabel standen gekreuzt davor und warfen bizarre Schatten. Die Schöne glitt hinter einen Tisch und winkte Kalli auf eine Art Armesünderbänkchen in Leder.

Furchtsam und ächzend nahm sie Platz. Der Tisch hatte die Breite eines mittleren Friedhofs.

»Zunächst ein paar Fragen. Bitte verzeihen sie, wenn sie indiskret klingen, aber für die Behandlung braucht der Meister umfassende Informationen. Wie viele Diäten haben Sie schon erfolglos abgebrochen?«

»665.«, murmelte Kalli.

»Sind sie da ganz sicher?«

»Hundertprozentig! Ich führe seit meinem 7. Lebensjahr Buch.«

»Und vorher?«

»Vorher dachten alle, es sei nur Babyspeck und ließen mich essen, was ich wollte.«

»Sehr gut.« Die Schlanke schenkte ihr für ihre Offenheit ein strahlendes Lächeln, das seltsam spitze Zähne enthüllte.

»Wie viel wiegen sie jetzt?«

»Ich weiss nicht genau. Ich mache immer die Augen zu, wenn ich auf die Waage gehe.«

»Sind sie schwanger?«

Es war wirklich sehr warm im Zimmer, geradezu stickig. Kalli merkte, wie ihr die Röte aus dem Halsausschnitt kroch und sich in großen Flecken auf ihrem Gesicht niederließ.

»Nein!« flüsterte sie. »Ich seh immer so aus.«

»Aber meine Liebe, verstehen sie mich bitte nicht falsch. Die Frage scheint ihnen peinlich zu sein. Kann es sein, dass sie nie - ich meine, vielleicht haben sie ja bis jetzt nicht...«

Als Antwort rutschte Kalli unter ihr Armesünderbänkchen und blieb dort stecken.

»Eine Jungfrau!«, hauchte die Schöne begeistert und befreite sie enthusiastisch. »Aber, aber. Beruhigen sie sich doch. Setzen sie sich wieder, möchten Sie vielleicht ein Glas Absinth? Nicht? Auch gut. Und nun die letzte Frage: Was wären sie bereit zu tun, um schlank zu werden?«

»Alles!«, wimmerte Kalli.

Und das stimmte sogar.

»Na also, das wars!«, fröhlich sprang die Schöne auf, hantierte mit irgendwelchen Papieren und stand plötzlich neben Kalli. In ihrer Hand erschienen eine Nadel und ein Objektträger.

»Den linken Zeigefinger, bitte. Keine Angst, es tut nicht weh. Da, schon passiert - und jetzt ist der Meister bereit sie zu empfangen.«

Kalli lutschte verwirrt an ihrem Finger und sah die Schöne mit einem »Hier entlang!« entschwinden.

Dr. Urs Cherev sprach mit leicht schweizerischem Akzent, was seiner Attraktivität aber keinen Abbruch tat. Er verbreitete eine Art südländischen Charmes mit einem Anflug von Melancholie.

Kalli war begeistert.

»Meine liebe Frau Pürgisch, ich freue mich sehr sie kennen zu lernen! Bitte machen sie es sich dort auf der Couch bequem. Ja, legen sie sich hin.«

»Sie sind Psychiater?«, piepste Kalli enttäuscht.

»Auch, meine Liebe, auch. Ich bin immer das, was gerade gebraucht wird. Nun zu unserem kleinen Problem. Wir fühlen uns nicht gut? Nicht wahr?«

»Ich weiss nicht, wie sie sich fühlen«, sagte Kalli und schniefte. »Ich für meinen Teil, bin zu dick!«

Der Meister runzelte die Stirn bis hinauf zum V-förmigen Haaransatz und zwirbelte seine Schnurrbartspitzen.

»Na, dagegen wollen wir ja etwas tun, nicht wahr? Ich muss sie nur darauf aufmerksam machen, dass die Behandlung sehr anstrengend ist und dass sie möglicherweise etwas mehr verlieren, als ihr Gewicht. Aber dafür werden sie so sehr an Attraktivität und Selbstbewusstsein gewinnen, dass niemand es vermissen wird. Ich verspreche ihnen ewige Schönheit und alles was sie dafür leisten müssen ist eine Unterschrift!«

Die Schöne war wieder da und hielt ein Fläschchen in der Hand. Dr. Urs Cherev zückte eine ziemlich altmodische Feder und beide guckten Kalli auffordernd an.

»Ich zahle lieber bar.«, sagte Kalli, wuchtete sich aus dem Sofa und begann in ihrer Tasche zu kramen.

»Oh, meine Liebe, über die Bezahlung reden wir später.« warf Dr. Urs Cherev hastig ein. »Mit dieser Unterschrift bestätigen sie lediglich mit uns einen Vertrag geschlossen zu haben. Wir wollen doch bis zum Ende durchhalten, nicht wahr?«

Sein Lächeln war zauberhaft. Kalli schmolz dahin wie Blei im Tiegel.

Die Schöne schraubte das Fläschchen auf, der Meister tauchte galant die Feder ein und reichte sie Kalli. Sie unterschrieb ohne auf das Kleingedruckte zu achten.Das Kratzen der Feder hing noch im Raum. Es war sehr still.

Dann entspannte sich die Atmosphäre. Dr. Urs Cherev wirkte etwas weniger seriös und mit verführerischer Geste wies er auf die Schöne.

»Hekate wird ihnen zeigen, wie es weitergeht. Leben sie wohl meine Liebe.Genießen Sie ihre Zeit.«

Kalli folgte Hekate mit Bedauern, lange noch lauschte sie auf das leise Lachen des Meisters.

Auf der Tür stand:

Purgatorium. Kein Zutritt für Unbefugte!

Hekate schob Kalli hinein. »Keine Sorge, meine Liebe. Wenn sie wieder herauskommen sind sie so schlank wie ich!«

Kalli konnte sich später nur lückenhaft an alles erinnern, was ihr hinter dieser Tür widerfahren war. Überall brannten Feuer, der Rauch legte sich schwer auf die Lunge. Nur schemenhaft erkannte sie viele andere Gestalten, das Schreien und Stöhnen hörte sie dagegen ganz deutlich. Diese Schwitzkur im Kessel war auch wirklich nicht besonders angenehm gewesen. Man hatte sie durchgewalkt, gequält und gepiesakt. Eine ganz eigene Art von Massage. Im Nachhinein erinnerte sie all das an ein Gemälde von diesem niederländischen Maler. Wie hieß er doch noch? Boghel - Breuisch? Egal! Nur einmal hatte sie sich wirklich gefürchtet, als die drei alten Weiber am Ausgang über ihrem Topf zusammen gluckten und die Salbe fabrizierten, mit der sie sich nun immer um Mitternacht einreiben musste.

Hinter der Tür hatte sie wieder Hekate erwartet. In der einen Hand hielt sie einen Spiegel und in der anderen einen Besen.

»Na!«, sagte sie spitzbübisch. »Habe ich zu viel versprochen?«

Kalli warf einen Blick in den Spiegel und schüttelte den Kopf. Eine Sirene schaute sie an. Rotes Haar, meergrüne Augen. Und Wangenknochen! Sie trat einen Schritt zurück um sich ganz zu sehen. Ja, diese Figur war eine Sünde wert!

Wortlos fiel sie Hekate um den Hals, nahm den Besen entgegen und schwang sich darauf.

»Wir sehen uns in der Johannisnacht! Richte dem Meister meine devoten Grüße aus! - Sag ihm, ich bete ihn an!«

Und mit einem Juchzer flog sie zum Schornstein hinaus.

Von da an konnte sie essen, was sie wollte.

impressum © kadabra 1995

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