Kadabras Geschichten

Verdammt

Zuerst habe ich sie in einem Café gesehen. An einem gnadenlosen Sommertag. Wer konnte, hatte sich in den Schatten der Bäume geflüchtet und sah den Kellnern zu die dienstfertig von Tisch zu Tisch eilten. Selbst die Getränke brauchten einen bunten Sonnenschirm damit das Eis nicht zu schnell schmolz.

Dort sass sie also, die Augen hinter dunklen Gläsern verborgen, und rührte selbstvergessen in einem Cappuccino. Papierservietten und leere Zigarettenschachteln spielten zu ihren Füssen, wie junge Hunde. Ein Kellner wischte mit finsterer Mine ihren Tisch ab, leerte den bis zum Rand gefüllten Aschenbecher und bückte sich um die papiernen Welpen einzufangen.

Als er mit dem Müll bepackt an meinem Tisch vorbeikam, meinte ich einen leisen italienischen Fluch zu hören. Wie gesagt, es war wirklich sehr heiss. Ich wendete mich meiner Zeitung zu und nippte ein wenig an meinem lauwarmen Tee. Als ich wieder aufsah, sass sie immer noch dort.

Sie schien sich keinen Zentimeter bewegt zu haben, rührte in der gleichen Tasse die direkt neben dem vollen Aschenbecher stand. Offensichtlich eine Kettenraucherin mit mangelnder Kinderstube. Denn um sie herum häufte sich schon wieder zerknülltes Zellophan, eine klebrige Pommesschale und mehrere Kronkorken. Im Moment rauchte sie allerdings nicht. Auch sah ich weder Streichhölzer noch Feuerzeug auf ihrem Tisch. Nur eine Lache von etwas sirupartigem das träge zu Boden tropfte.

Der Kellner kam, wischte den Tisch ab, säuberte den Aschenbecher, sammelte den Müll ein und fluchte. Ich schaute in meine Zeitung, blickte wieder auf und alles war wie zuvor. Nur das Ensemble unter dem Tisch trat in leicht veränderter Besetzung auf und die Konsistenz der Flüssigkeit, die sich über den Tisch ausbreitete, erinnerte diesmal an Milch.

War ich Zeuge einer Art Vendetta? Hatte der Kellner einst ihr Herz gebrochen und nun rächte sie sich indem sie aus einer grossen Tasche blitzschnell ein neues Sortiment von benutzten Papiertaschentüchern, abgelaufenen Telefonkarten und zerrissener Folie hervorzauberte? Befand sich in derselben Tasche eine Auswahl kleiner Fläschchen mit diversen klebrigen Flüssigkeiten die sie hastig über den Tisch goss sobald der Kellner ihr den Rücken zukehrte? Und wo kamen bloss die ganzen Kippen her? Der Kellner kam und tat sein Bestes um den Ruf des Lokals zu retten. Ich liess sie nicht mehr aus den Augen.

Aber sie sass einfach nur da und rührte in ihrer Tasse. Rauchte nicht, kramte nicht in ihrer übergrossen Tasche, denn sie hatte gar keine dabei. Der Aschenbecher war leer. Mein Blick huschte zu Boden. Dort sah es schlimmer aus als vorher. Ich sah sie an. Der Aschenbecher quoll über und jemand hatte den Inhalt einer Tube Senf über den Tisch verteilt.

Endlich schien sie meine Blicke bemerkt zu haben und winkte dem Kellner. Sie zahlte, stand auf und ging. Kleine Papierfetzen tanzten hinter ihr die Strasse hinunter. Ein Mülleimer kippte langsam aus seiner Halterung und erbrach sich quer über den Bürgersteig.

Der Kellner rannte über den Platz auf die Kirche zu. Zweifellos um der Madonna zu danken und eine Kerze anzuzünden. Ich schüttelte den Kopf und begab mich zurück ins Büro.

Das zweite mal traf ich sie auf einer Party meiner besten Freundin Gisela. Ich war ein wenig spät dran und suchte die Gastgeberin um meinen Blumenstrauss loszuwerden. Schliesslich fand ich sie in ihrer total verwahrlosten Küche, wo sie gerade dabei war einen Fettfilm von den Schranktüren zu schrubben, der jeder Frittenschmiede zur Ehre gereicht hätte. Ich wunderte mich ein wenig, denn Gisela ist normalerweise die perfekte Hausfrau. Vielleicht waren die Zeiten letzthin etwas hektisch gewesen. Ich drückte ihr die Blumen in die Gummihandschuhe und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Sie roch nach Angstschweiss.

»Thomas!«, begrüsste sie mich. »Gottseidank dass du da bist! Du musst mir einen Gefallen tun. Irgendwo hier ist eine Frau mit einer Sonnenbrille. Hans hat sie mitgebracht, aber er ist schon weg. Bitte finde sie und halte sie davon ab noch einmal ins Badezimmer zu gehen oder ans Buffet! Hier ist eine Flasche Wodka. Mach sie betrunken und schlepp sie ab. Möglichst schnell!«

Fassungslos sah ich Gisela an. Aber die pure Verzweiflung in ihren Augen hielt mich davon ab weitere Fragen zu stellen. Vielleicht ein Eifersuchtsding unter Frauen. In so etwas werde ich mich nicht einmischen, aber ich helfe gern. Dazu sind Freunde schliesslich da.

Ich erkannte sie sofort wieder. Die gleichen dunklen Gläser, die gleiche Bewegungslosigkeit. Sie sass auf der Couch, die Gisela und ich erst letzten Monat gemeinsam ausgesucht hatten. Links von ihr bohrte sich eine Sprungfeder durch das Polster, und rechts von ihr klebte ein Sandwich mit Eiersalat. Eine Flasche Rotwein war umgekippt und hatte ihren Inhalt auf den hellblauen Teppich ergossen. Staubflusen krochen aus der Zimmerecke.

Ich lächelte und hielt den Wodka hoch. »Etwas zu trinken?«, fragte ich. »Ich bin ein Freund von Gisela und wer sind sie?« Langsam drehte Sie ihren Kopf in meine Richtung. Die Augen hinter der dunklen Brille schienen mich zu mustern. Sie stand auf und nickte mir zu. »Lassen Sie uns woanders hingehen.«, sagte sie. Das lief besser als ich erwartet hatte. Ich folgte ihr zur Wohnungstür. Auf dem Weg dorthin öffneten sich Schubladen und gaben den Blick auf ein heilloses Durcheinander von Geschenkpapier, Wäscheklammern, Bändern und Plastiktüten frei. Wir stolperten über Schuhe und einen Stapel alter Zeitungen. Ich beschloss Gisela am nächsten Tag anzurufen. Ich machte mir wirklich Sorgen. Den Wodka nahm ich mit.

Die Nacht war lau. Der Sommer wollte einfach nicht aufgeben. Ich blieb stehen. »Wohin jetzt?«, fragte ich meine Begleiterin. Sie wies mit dem Kopf auf den verlassenen Kinderspielplatz gegenüber Giselas Haus. Zumindest war es einmal ein Kinderspielplatz. Jetzt stehen dort Altpapier- und Glascontainer im Schein einer altersschwachen Strassenlaterne. Dahinter verbergen sich eine vergammelte Holzbank und eine Wippe vor neugierigen Blicken.

Die Holzbank war besetzt. Ein Penner schnarchte dort, eine Plastiktüte mit seinen Besitztümern ängstlich an sich gedrückt. Also nahmen wir mit der Wippe vorlieb. Ich öffnete die Flasche und beugte mich vornüber um sie der Fremden anzubieten. Dabei verloren meine Füsse den Kontakt mit dem Boden und die Wippe quietschte fürchterlich. Zum ersten Mal sah ich sie lachen. Sie nahm einen herzhaften Schluck aus der Flasche und reichte sie mir zurück. Anschliessend schob sie die Sonnenbrille hoch auf die Stirn und sah mich an.

»Sie haben mich in diesem Café beobachtet«, sagte sie. »Was haben sie gesehen?« - Ich zuckte die Achseln. »Ich weiss nicht, was ich gesehen habe.« antwortete ich. »Sagen sie es mir.«

Und dann erzählte sie mir ihre Geschichte: Sie sei sehr jung gewesen damals. Aber fleissiger und ordentlicher und sauberer als die anderen Frauen. Ihr Haus sei das weisseste im Dorf gewesen, weil sie es wöchentlich kalkte. Der Steinfussboden habe morgens und abends geglänzt vor Nässe. Den langen Weg zum Brunnen sei sie mehrmals täglich gegangen, aber es habe ihr nichts ausgemacht. Sie sei glücklich gewesen und stolz. Vielleicht ein bisschen zu stolz.

Sie habe angefangen auf die anderen herabzusehen, die ihr Haus nicht so ordentlich hielten. Es seien Hirten gewesen, die den ganzen Tag bei ihrer Herde waren und Frauen, die eine zehnköpfige Familie zu versorgen hatten. Und natürlich Maria, in deren Haus einzig das Bett nie Staub ansetzte. Sie habe die Nase gerümpft.

Eines Tages dann sei dieser junge blasse Mann gekommen und habe sie um Wasser gebeten, um einen ganzen Krug. Auf die Frage wozu er denn so viel Wasser brauche habe er geantwortet: Um sich und seinen Freunden die Füsse zu waschen. Es seien zwölf an der Zahl. Da sei sie zornig geworden und habe ihm die Tür gewiesen.

Später dann sei sie zum Brunnen gegangen um für den abendlichen Hausputz Wasser zu holen. Dort sei der Mann gewesen und habe jedem einzelnen seiner Freunde die Füsse gewaschen und mit seinem Gewand abgetrocknet. Die Frauen des Dorfes hätten verwundert die Köpfe zusammengesteckt und geflüstert. Ausgerechnet Maria aber sei zu dem jungen Mann gegangen und habe seine Füsse in ihren Tränen gebadet, sie mit ihren eigenen Haaren getrocknet und anschliessend mit kostbarem Öl gesalbt, das sie zweifellos mit ihrem Sündenlohn bezahlt hatte. Da habe sie laut aufgelacht.

Sie machte eine Pause und nahm noch einen tiefen Zug aus der Flasche.

»Seither«, fuhr sie fort, »wandere ich ruhelos über die Erde. Nirgends kann ich bleiben. Eine Zeit lang habe ich beim Film gearbeitet, als Setverwüster. Sie wissen schon: Wohnungen nach dem Einbruch oder Badezimmer vor der Anwendung von Sauberzauber. Aber auch das machen sie jetzt digital. Also ziehe ich weiter. Immer auf der Suche nach ihm. Ich habe wenig Hoffnung. Wer lässt sich heutzutage noch die Füsse waschen? Und die Wahrscheinlichkeit ihn unter irgend einer Dusche zu treffen ist gering.«

Die Wippe quietschte. Die Strassenlaterne zerbarst mit lautem Knall als die Wodkaflasche dagegen flog. Instinktiv verschränkte ich die Arme vor dem Gesicht um es vor den herabregnenden Scherben zu schützen. Plötzlich ging der Papiercontainer in Flammen auf. Der Penner verdrückte sich eilig im Gebüsch. Ich war allein.

Manchmal, wenn ich durch den Müll der Stadt wate, mitten im Wald ein Nest voller Flaschen und Dosen finde oder mir am Fluss eine leere Chipstüte entgegenweht, muss ich an sie denken.

An die ewige Schlampe.

impressum © kadabra 2003